Seit dem
03.01. arbeite ich nun bei ZF India als Praktikant im Human Resources
Department.
Glücklicherweise
befinden sich die Muttha Towers, ein wuchtiges Hochhaus, das die Headquarters
von ZF India beherbergt, ganz in der Nähe von Brahma Sun City, sodass ich mit
dem gemächlichen Roller gerade mal 10 Minuten zur Arbeit brauche, in der Rush
Hour etwas mehr.
Mein erster
Tag verläuft sehr smooth. Zunächst einmal bin ich beeindruckt von den spiegelnd
glitzernden Bürokomplexen, die in diesem Teil Punes in den Himmel wachsen.
Neben den Muttha Towers befinden sich weitere stahlblaue Quader aus Glas und
Beton, und von der anderen Strassenseite her trotzt uns eine mächtige
IBM-Festung entgegen. Überall stehen Wachmänner in blauen Uniformen und mit
milimetergenau gestuzten Schnauzbärten an den Zufahrten, Schranken und
Gitterportalen.
Mit einem Lächeln
wird mir Zutritt gewährt, ohne weitere Fragen – ein Weisser in Anzug und
Krawatte kommt hier überall hin.
Und doch
wieder das gleiche Bild: Rund um die Kolosse der Moderne brandet eine nicht
enden wollende Flut von braun-grauen Wellblechhütten und
Unterklassebehausungen. Das Slum um die Muttha Towers herum ist das größte in
Pune und beherbergt Zehntausende von Menschen. Egal wo man bei ZF aus dem Bürofenster
blickt, die Gegensätze könnten nicht krasser sein.
Die gläserne
Front und die weitläufige marmorne Eingangshalle der Muttha Towers dagegen sind
auf Hochglanz poliert, im Gebäude herrschen konstant heruntergekühlte 20 Grad
Celsius.
Ich drücke
den Fahrstuhlknopf und warte darauf, dass eine der vier Kabinen zu mir
herunterkommt.
Die Tür
geht auf, im Innern sitzt ein Inder neben der Bedienkonsole auf einem Hocker.
„Which
company, Sir?“
ZF. Er drückt
die 4. Aus den Aufzuglautsprechern dudelt eine Panflötenversion von Céline
Dions Titanic-Hit „My Heart will go on“, während ich über die Beschäftigungsnotwendigkeit
und Arbeitsbefriedigung von Liftboys nachdenke.
Dann fällt
mir wieder ein, was ich vor kurzem in „Culture Shock India“ gelesen habe: Ein Überbleibsel
aus dem offiziell abgeschafften Kastenwesen ist die strikte Trennung von körperlicher
und mentaler Arbeit. Je weniger man selbst physisch tun muss, desto höher der
Status. Deshalb haben wir jemanden, der uns die Knöpfe im Lift drückt und beschäftigen
Sandibh, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als Kaffee und Tee für uns
Sesselfurzer zu kochen und zu servieren – und ich dachte, ich wäre hier der
Praktikant!
Wirklich
grotesk wird es aber erst dann, wenn neue Bilder und Tafeln aufgehängt werden müssen,
und fünf Manager mit den Händen in den Hüften zuschauen wie Sandibh auf einem
wackeligen Stuhl die Plakate balanciert, und sie hier und da noch ein paar
Tipps oder Korrekturvorschläge einwerfen.
Als ich am
ersten Tag meinen Laptop aufbauen wollte, wurde ich regelrecht mit Gewalt davon
abgehalten, den Adapter in die Stromleiste einzustecken, und bevor ich wusste,
was geschah, war auch schon Sandibh auf Hindi herbeigeordert und an meiner
Statt unter den Tisch geschickt worden – perplexer als in dem Moment hat mich
Indien bisher nie wieder gemacht!
Ich blicke
gedankenverloren an die Decke - hier hat sogar jeder einzelne Fahrstuhl eine
eigene Klimaanlage, fällt mir auf, dann bin ich auch schon wieder draussen.
In der
linken Hälfte des vierten Stocks befindet sich mein Ziel. Auf einer Glasfront
lese ich „ZF India Pvt. Ltd.“ und trete in einen Empfangsraum mit zwei weiteren
freundlichen Wachmännern in Uniform hinter einem hellbraunen Schreibtisch.
Ein Termin
mit Mr. Badal? Aber natürlich. Ich werde unverzüglich in ein Besprechungszimmer
hofiert, bekomme Tee von Sandibh serviert und werde gebeten zu warten, Herr
Badal ist noch nicht da. Es ist 9:30 Uhr. Ich schaue mich um.
Die Hälfte
der Arbeitsplätze, die ich von hier aus im modern eingerichteten Großraumbüro überblicken
kann, sind immer noch leer. Und ich dachte schon, ich wäre spät dran. Indische
Arbeitszeiten sind in der Tat sehr langschläferfreundlich, dafür bleibt man aber
auch viel länger als in Deutschland.
Name,
Wohnort, Grund des Besuchs, Uhrzeit, Telefonnummer – alles wird händisch vom
Wachpersonal in ein grosses Buch eingetragen, elektronisches Stempeln wird hier
nicht praktiziert.
Ich lasse
den Blick weiter schweifen. Es sieht tatsächlich sehr nach ZF aus: Das
Besprechungszimmer ist medial einwandfrei ausgestattet, und an der Wand hängen
die mir bekannten großflächigen Fotografien von Getrieben, Schaltungen, und
anderen ZF-Produkten, dazu das Leitbild „Give me 5“ mit detaillierten Ausführungen
zu Werten, Vision, Identität, Verantwortung und Kultur des Unternehmens.
Ich
geniesse meinen Tee, schreibe, beobachte wie nach und nach Büroangestellte
hereinspazieren, die meisten mit einem Rucksack über der Schulter und einem
Motorradhelm in der anderen Hand.
Um 10 Uhr
kommt Herr Badal, begrüßt mich herzlich und heisst mich bei ZF India
willkommen. Da er erst heute aus dem Urlaub zurück ist, bittet er mich,
nochmals zu warten, bis er mit der Runde bei seinen Mitarbeitenden fertig ist.
Um 11 Uhr
kommt Herr Badal zurück, und nimmt sich eine komplette Stunde für mich Zeit.
Wir sprechen über meinen bisherigen Aufenthalt, über Deutschland und die
Schweiz. Herr badal ist verheiratet und einen zweijährigen Sohn - meine
Schweizer Schokolade als Gastgeschenk kommt demnach sehr gut an.
Nach dem
Smalltalk geht es um den strukturellen Aufbau der hiesigen Organisation, die aktuellen
Projekte, meine Erwartungen und Einsatzmöglichkeiten.
Ich freue
mich darauf, in wichtige Projekte im Personalmarketing eingebunden zu sein.
Diese Woche werde ich eine Präsentation über die ZF Group und deren relativ
junge Tochter ZF India erstellen, um die Karrieremöglichkeiten für Jungakademiker,
vor allem im technischen Bereich, aufzuzeigen. Damit fahren wir dann zu
verschiedenen lokalen Hochschulen, um die Bachelorabsolventen für eine Karriere
bei ZF zu begeistern und in ersten Gruppendiskussionen direkt für den weiteren
Bewerbungsprozess vorzuselektieren.
Ausserdem
werde ich interne Policies ausarbeiten, schriftliche Vereinbarungen über die
indischen Sicherheitsstandards, (inter)nationale Reisebestimmungen, und die
allererste allgemeine Betriebsordnung für den Standort Pune.
Von meinen
Mitbewohner arbeiten viele im Marketing, ihre Internationalität soll den Firmen
helfen, global Fuß zu fassen, meistens durch telefonische Kundenaquise im
jeweiligen Heimatland des Praktikanten. Aber nicht alle sind so zufrieden wie
ich. Bei manchen indischen Firmen sind die Arbeitsbedingungen sehr
kontraproduktiv, in einigen Fällen gibt es weder PCs noch Internet, und dazu fällt
noch regelmäßig der Strom aus. Andere haben einen Anfahrtsweg von fast einer
Stunde, müssen über Überlandstraßen und Trampelpfade ihren Arbeitsplatz
erreichen.
Unsere
Kollegen aus der anderen Wohnung klingen im Grossen und Ganzen zufrieden mit ihren
Jobs. Sie verdienen zwar kein Geld in ihren sozialen Projekten, freuen sich
jedoch über weit entspanntere Arbeitszeiten und hohen kulturellen Austausch,
z.B. beim Unterrichten von indischen Schulkindern in Englisch und
Naturwissenschaften, oder bei der Aufklärungsarbeit über HIV und andere
Gesundheitsthemen mit der unterpriviligierten und wenig gebildeten Bevölkerung,
deren unheimliche Gastfreundschaft ihresgleichen sucht.
Allein
Ibrahim aus Ägypten lässt seiner Frustration manchmal freien Lauf. Er ist Teil
eines Teams, das das Slum nahe den ZF-Büros täglich mit einem Übersetzer im
Schlepptau aufsucht, Interviews führt und Fotos von den Familien macht. Dieses
Material wird dann in einem zweiten Schritt aufgearbeitet und soll für eine
Fundraising-Kampagne verwendet werden, um die Situation der Menschen nachhaltig
verbessern zu können.
„Mann, die
wollen da nicht mal raus! Ganz ehrlich, den meisten geht es super gut dort! Die
haben Strom, fliessend Wasser, TV-Anschluss... Zugegeben, sie leben beengt
zusammen, aber in der AIESEC-Wohnung zu siebzehnt ist’s auch nicht viel besser
im Moment, und die kennen es ja nicht anders. Du kannst es dir nicht
vorstellen, aber es ist echt verdammt schwer, im Slum ein Foto von einem unglücklichen
Kind zu schießen. Guck hier! Die grinsen alle bis über beide Ohren und wollen
mit uns Cricket spielen. Und manche von Typen da haben gut bezahlte Jobs bei
IBM als Programmierer. Wie sollen wir denn da Mitleid erregen?!“
Tatsächlich
ist kaum jemand wirklich unzufrieden. Aber das liegt auch daran, dass dem Großteil
der Bevölkerung die Einsicht fehlt, welche langfristigen Gefahren im Slum lauern,
sowohl durch die soziale Stigmatisierung, die sich nachteilig auf dem
Arbeitsmarkt auswirkt, als auch durch die Normalität des täglichen
Alkoholkonsums, der Kriminalität, der Unterschätzung der Wichtigkeit von
Bildung und der Unkenntnis von medizinischen Grundzusammenhängen.
Ein anderer
Slumarbeiter hat mir vor ein paar Tagen erzählt, wie er einer Frau erklären
wollte, warum man Wasser abkochen, verdorbenes Essen vermeiden und Körperhygiene
pflegen sollte. Seine Gesprächspartnerin wusste nicht einmal, was „gesund“ überhaupt
bedeutet.
„Das
heisst“, versuchte er zu umschreiben, „dass man länger lebt.“
„Länger
leben? Wozu denn das?“, war die fatalistische Antwort. In ihrem Mindset machte
es mehr Sinn, auf eine glücklichere Wiedergeburt zu warten.
Solche
Begegnungen zeigen, dass Armut alleine nicht das Problem ist. Tatsächlich wurden
einigen Slumbewohnern in Pune im Rahmen eines sozialen Projektes vor ein paar
Jahren kostenlose Wohnungen in besseren Gegenden vom Staat gestellt. Die Aktion
kam super bei der Slumbevölkerung an, jedoch stellt man nach ein paar Monaten
fest, dass kaum jemand umgezogen war. Stattdessen waren die schicken Wohnungen
einfach als zusätzliche Einnahmequelle von den glücklichen Besitzern vermietet
worden.
Eine
wirkliche Veränderung wird wohl ihre Zeit brauchen, und die gesammelten Spenden
sollen darum auch nicht an die Familien (und damit oftmals direkt an den nächsten
Schnapsladen) gehen, sondern in nachhaltige Aufklärungsprojekte investiert
werden.
Hallo Willi, viele Grüße vom "langweiligen" Bodensee. Du schreibst unglaublich toll, es ist schön, deine Erlebnisse aus der Ferne verfolgen zu können.
AntwortenLöschenGanz liebe Grüße
Margit