Sonntag, 22. Januar 2012

Hampi II

Am nächsten Morgen geht es früh aus den Federn, heute möchte ich den Rest des UNESCO-Weltkulturerbes besichtigen, das größtenteils außerhalb der Stadt liegt.

Ich miete mir eine Rikscha inklusive Fahrer für einen halben Tag und los geht die Tour über staubige Straßen durch die tropische Flora, hin zu unzähligen Tempeln, turmbewehrten Festungen, gut versteckten Kellergewölben, weitläufigen Parkanlagen, adeligen Wohnquartieren und kunstvollen Badehäusern, die seit anderthalbtausend Jahren der Witterung trotzen.



Bei jeder Station erklärt mir mein Fahrer in ein paar kurzen Sätzen die Architektur und den historischen Hintergrund, dann gehe ich mit Kamera im Anschlag auf Entdeckungstour, während er mit seinen Kollegen schwatzt oder auf der Rückbank döst, bis ich alles erkundet habe.
Und überall treffe ich wieder Horden von Schulkindern und anderen indischen Touristen, die mich anfassen oder ein Foto mit mir machen möchten.
„Happy New Year! Where are you from?“ schallt es aus allen Richtungen.



Die VIP-Gefühle vom Vortag flammen wieder auf, doch als nach dem zehnten Foto immer noch mehr Menschen auf mich zuströmen und ich bereits von mehr als hundert neugierigen Augen umringt bin, beschließe ich dann doch, den taktischen Rückzug anzutreten und die nächste Station anzusteuern.



Nach 5 Stunden haben wir sämtliche Sehenswürdigkeiten der Umgebung abgeklappert, mein Wasser ist alle, die Speicherkarte voll, und der erste Sonnenbrand kündigt sich kneifend in meinem Nacken an.
Als ich zurück in Hampi auf die Hauptstraße trete, laufe ich noch vor verabredeter Zeit Babu in die Arme.
Da er Moslem ist, begrüße ich ihn mit einem herzlichen „Salem Aleikum.“
„Wa Aleikum salaam.“ erwidert er traditionsgemäß mit einem freudigen Lächeln im Gesicht, das seine blitzweissen Zähne unter dem dichten Schnurrbart entblößt.
Seine Taschen quellen über vor Götterstatuen, Bambusflöten, kunstvoll geschnitzten Schmuckschatullen, duftenden Fächern aus Sandelholz, und anderen Souvenirs, die heute, am ersten Tag des neuen Jahres, immer noch wenige Abnehmer in der leer gefegten Stadt finden.
„Meine Frau weiß Bescheid, dass du kommst, sie kocht extra etwas mehr. Aber noch ist Zeit bis zum Mittagessen und heute ist nichts los. Komm, wir trinken einen Chai zusammen.“ Nichts dagegen.
Am Teestand leistet uns Babus zwölfjähriger Sohn Rafik Gesellschaft, der bereits die exakt gleichen Güter wie sein Vater umgeschnallt trägt und ebenfalls nach interessierten Touristen Ausschau hält. Die Familie ist auf die Einnahmen angewiesen.
Nach einiger Zeit machen wir drei uns auf den Weg zu Babus Haus, das ca. eine halbe Stunde außerhalb des touristischen Hampi liegt.


Der Weg ist schön, führt uns an Flussufern, märchenhaft zugewucherten Tempelruinen und massiven Felsbrocken vorbei, bis wir eine ländliche Siedlung erreichen, in der uns Kinder spielend und lachend voraus rennen, Esel träge ihr Heu kauen, und die Frauen in bunten Saris gerade die Wäsche zum Trocknen in der Mittagshitze aufhängen.

Wir erreichen ein niedriges Haus mit einem kleinen ummauerten Vorhof. Dort ziehen wir unsere Schuhe aus, und ich wasche mir, dem Vorbild Babus folgend, Füße, Hände und Gesicht. Fließend Wasser gibt es nur morgens für zwei Stunden am Tag, darum schöpfen wir das kühle Nass aus einem großen Eimer im Schatten des Hauses. Die Erfrischung tut gut und so langsam spüre ich auch einen kleinen Hunger.
Das „Haus“ hat gerade einmal zwei Zimmer. Ich begrüße Babus Frau, die soeben aus der Küche tritt, und lasse mich im Hauptraum auf dem Boden nieder. Stühle oder Tische gibt es nicht, die Familie braucht den Platz zum Schlafen. Hinter der Tür lagern noch mehr von Babus Waren und bearbeitbare Rohmaterialien. Sieben Tage die Woche bringt er morgens bis abends auf den Straßen Hampis zu, nur zum Mittagessen geht er nach Hause, und bei Einbruch der Nacht schnitzt er neue Holzflöten und Schmuckkästchen für den Verkauf.
Babus Frau serviert zuerst mir, dann Babu, dann Rafik, und zuletzt den zwei kleinen Nachbarkindern, die neugierig auf den fremden Besuch waren, die Gerichte. Sie selbst hat mit dem Essen zu warten bis die Männer im Haus mit ihrem Mahl fertig sind.
Das mir unbekannte vegetarische Reisgericht mit Gemüse ist unglaublich gut, dazu gibt es Kokosnuss-Chutney, Chapatis und einen scharfen Currytopf. Im Schneidersitz schlemme mich durch die verschiedenen Platten, trinke meinen Chai und plaudere mit Babu und Rafik, bis ich mit höflichem aber deutlichem Nachdruck den dritten Nachschlag verweigern muss und mich gesättigt zurücklehne.
Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass es kein Besteck gibt. Sämtliche noch so saftige Happen müssen also mit der rechten Hand (denn die linke ist ausschließlich für unreine Tätigkeiten zu verwenden!) zusammengepresst, in die Handfläche gelegt und mit dem Daumen in den Mund befördert werden. Die Nachbarkinder schauen mir neugierig zu wie ich einige unsaubere Anläufe brauche bis mir die Technik endlich gelingt. Am Schluss gibt es noch eine kleine Baby-Banane, die süßer schmeckt als alle Exemplare, die ich jemals zuvor probiert habe.
Das sind die Erlebnisse, die für mich das Alleinereisen so spannend machen.

Letztes Wochenende haben wir zu fünfzehnt in Goa verbracht und hatten natürlich eine Menge Spaß in unserer großen Gruppe. Für faule Strandtage und exzessive Partynächte mag das sicherlich die bessere Variante sein.

Aber für das echte Eintauchen in eine andere Kultur ist man auf sich allein gestellt viel offener und empfänglicher für spontane Impulse. Nicht nur weil man sich viel freier und unabhängiger bewegen kann, sondern auch weil man freiwillig oder zwangsläufig mit viel mehr anderen Menschen in Kontakt kommt.
Alleine reisen heißt nicht alleine sein – vor allem nicht in so einem überbevölkerten Land wie Indien. Man weiß nie was passiert...
Nach dem Essen durchlaufen wir noch einmal dieselbe Waschprozedur, was nach dem ganzen Gemantsche mit den Fingern auch durchaus Sinn macht, dann begeben wir uns auf den Rückweg, der uns wieder in das von unzähligen Affen behauste Hampi bringt - etwas außerhalb gibt es sogar einen "Monkey Temple", der den bepelzten Kleingangstern und ihrer hinduistischen Entsprechung, dem Gott Hanuman, gewidmet ist.

Zurück in der Stadt verabschieden wir uns brüderlich – ich bin immer noch überwältigt ob der offenherzigen und selbstlosen Gastfreundschaft, die ich hier erfahren habe.
„In Indien sind Gäste zu behandeln... wie Gott. Das ist eine alte Tradition, die im ganzen Land und in allen Schichten verbreitet ist, aber in den großen Städten langsam verloren geht.“ erklärt Babu.
Dann drücke ich ihm ein letztes mal die Hand, sage Lebewohl, und nehme den Bus nach Hospet, um von dort aus meinen vollklimatisierten Luxusbus zurück nach Pune zu besteigen.
„Mrs.“ Schilske schaut über den eingebauten Bordfernseher noch eine Bollywood-Komödie auf Hindi an, dann versinke ich sanft schaukelnd in einen süßen Schlaf, der mich über Nacht bis nach Hause trägt.

Busfahren kann ja so entspannend sein!

Donnerstag, 19. Januar 2012

Hampi I


Umgeben von Bananenplantagen, Kokosplamen und pastellroten Felsen liegt die überschaubare friedfertige Stadt Hampi mit ihren einladenden Obstständen, Handwerksläden und Dachrestaurants. Die Hauptstraße führt zur großen Tempelanlage im Westen, deren dominierender Hauptturm aus dem 7. Jahrhundert die gesamte Stadt überblickt, und im Norden grenzt ein breiter Fluss an die Siedlung, in dem der hiesige Tempelelefant jeden Morgen ein ausgiebiges Bad nimmt.
Es riecht nach frischen Früchten, Sandelholz und Chai; aus einer schmalen Gasse dringen indigene Trommelrhythmen und eine melodische Bambusflöte, und ich bin überrascht wie wenig Touristen zu sehen sind. Außer einer älteren Schwedin, die ich im Bus kennengelernt habe, sind im Stadtbild keine Weißen zu sehen, vermutlich alle in Goa, das auf gleicher Höhe wie Hampi liegt, aber an der Küste des Arabischen Meeres, ca. 250 Kilometer westlich.
Ich beginne den Tag wie ich jeden guten Tag in einer neuen Stadt beginne – mit einem süßen heißen Chai. Der Ausblick vom bunt gestrichenen Dachrestaurant ist fantastisch, die Sonne wärmt angenehm die müden Glieder, und die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt, ist Balsam für meine Seele nach der anstrengenden Reise.

Ich habe mit vielen darüber gesprochen, was dieses Fleckchen Erde so besonders macht: vielreisende Touristen, andere Praktikanten, Inder aus den großen Städten sowie Einheimische, die nie aus der näheren Umgebung heraus gekommen sind – und für jeden hat Hampi eine besondere Bedeutung, ist für einige gar gleichzusetzen mit dem Taj Mahal in Agra oder dem goldenen Tempel in Amritsar. Es ist nicht nur die idyllische Natur, das reiche kulturelle Erbe oder das angenehme Klima, es ist das, was dieser magische Ort unmerklich mit einem anstellt. Er legt einen zeitlosen Zauber auf jeden, der hier verweilt und die Aura von gleichsam Schönheit und Vergänglichkeit in sich aufzunehmen vermag.

Ich besichtige den zentralen Virupaksha-Tempel, der vor indischen Schulklassen nur so wimmelt, von denen manche anscheinend sehr selten weiße Menschen zu Gesicht bekommen. Dreißig Münder schreien mir „Hi! How are you? What is your name?“ entgegen, unzählige Hände winken oder wollen mit mir einschlagen, während sie im Gänsemarsch hinter ihren Lehrern einhertrotten. Selbst letztere kommen aufgeregt auf mich zu, erzählen von ihren Fächern und wollen mehr über Europa wissen. Die Ausflügler stammen alle aus Karnataka und fahren noch am selben Tag wieder zurück.

Ich reihe mich in die halbwüchsige Pilgerherde ein, besuche das innere Heiligtum, und bekomme für eine kleine Spende einen Segen vom Tempelelefanten in Form eines behutsamen Kopftätschelns mit dem Rüssel.


Mit umgerechnet zwei Schweizer Franken besteche ich einen Aufseher, der mir daraufhin Zutritt zum 50-Meter hohen Hauptturm gewährt. Aus dem Kindermeer geht es im stockfinsteren Treppenhaus über abgelaufene schräge Steinstufen und staubige Steinplatten nach oben. Je höher ich komme, desto enger wird der Gang, weil der Turm nach oben spitz zuläuft und sich die Treppe an der Außenmauer orientiert. Dann stehe ich schließlich in einem quadratischen Raum mit zwei diametralen Öffnungen nach draußen. Die Aussicht ist fantastisch.
Bevor die es zu spät ist, beeile ich mich jedoch, wieder nach unten zu kommen, lasse die überall herumspringenden frechen Affen beiseite, und genieße den Sonnenuntergang auf den Felsen nahe einer massiven Ganeesh-Statue (der Gott mit dem Elefantenkopf, der Glück für jegliche Vorhaben und Reisen gewährt und darum in jedem Taxi an Mittelkonsole oder Rückspiegel zu finden ist). Während auf der einen Seite der goldene Feuerball zwischen Tempelbauten und dem dunkelgrünem Palmendickicht versinkt, beginnen auf der gegenüberliegenden Seite die Felsen tiefrot zu glühen. Eine unbeschreibliche Atmosphäre!

Zurück in der Stadt werde ich von einem Straßenhändler namens Babu angesprochen. Trotz meiner wohltrainierten Versicherungen, dass ich nichts zu kaufen beabsichtige, bleibt er an meiner Seite. „Heute ist eh nicht viel los. Dann kann ich genauso gut mit dir herum gehen und dir die Stadt zeigen. No shopping.“ Zuerst bin ich misstrauisch, dann denke ich: Warum eigentlich nicht. Was kann man schon entdecken, wenn man immer nur im sicheren Hafen bleibt?

Babu beginnt, mir mehr über den Ort und seine Geschichte zu erzählen, zeigt mir heilige Saibabas, die den staunenden Kindern verblüffende Zaubertricks präsentieren, und führt mich durch die Läden, die ich sehen will. Sandelholzöl, Klangschalen, Götterfiguren – alles lasse ich mir zeigen und erklären, erstehe jedoch nichts.
Zuletzt besuchen wir einen Laden für Musikinstrumente, der junge aufgeregte Verkäufer ist ganz außer sich, will mir von Bongotrommel bis Didgeridoo das komplette Arsenal an Fußgängerzonenequipment aufschwatzen. Ich zeige mich jedoch allein an einer kleinen bauchigen Flöte in Schildkrötenform interessiert.
Natürlich ist diese die letzte im Angebot, darüber hinaus mit einer hohen persönlichen Bedeutung für den Verkäufer verbunden und von ausgezeichneter Qualität, handbemaltes Terrakotta. Noch bevor er seine Geschichte zu Ende gespult hat, nehme ich ihm das Ding aus der Hand. „Handbemaltes Terrakotta? Das ist eine Plastikflöte mit einem Papiersticker drauf. Nein Danke!“ Der Verkäufer entgegnet mit einem ertappten Grinsen „Aber trotzdem immer noch sehr schön, oder nicht?!“ Wir müssen alle drei lachen.
Als auch ihm klar wird, das ist nichts kaufen werde, wird die Situation entspannter und unsere Gespräche authentischer. Für den abendlichen Jahreswechsel lädt er mich zu einer Jam-Session in eines der Dachrestaurants ein.
Auch Babu ist sichtlich froh über unsere Begegnung – trotz meiner Sparsamkeit. Auf dem Rückweg lädt er mich für den folgenden Tag zu sich nach Hause zum Mittagessen ein und schneidet erstmals auch persönliche Gesprächsthemen an. Er ist in der Nähe von Hampi aufgewachsen, 36 Jahre alt und bereits Großvater. Er hat mit 17 geheiratet und seine Tochter mit 16 Jahren verheiratet.
„In eine gute Familie?“ Oh Gott, habe das gerade wirklich ICH gefragt? Das ist ja erschreckend wie schnell man sich an die Normalität der arrangierten Ehe gewöhnt.
Dem strahlenden Babu hingegen scheint die Nachfrage ausgesprochen gut zu gefallen. Stolz berichtet er „Aber ja! Es sind meine Nachbarn, eine sehr respektable Familie. Und so kann ich immer schnell nach dem Rechten sehen, wenn ich zuhause bin.“
Er begleitet mich noch bis zu dem Restaurant, das mir mein Reiseführer empfiehlt, dann verabschieden wir uns, bis morgen. Das Büchlein hat tatsächlich nicht gelogen, The Mango Tree ist ein wunderschönes ambientiges Lokal im Schutze des riesigen namengebenden Mangobaumes. Versteckt zwischen Bambuswäldchen, Bananenstauden und Kokospalmen sitze ich mit Blick auf den nachtschwarzen Tungabhadra River unter bunten Lichterketten, schlürfe meine Chai, koste das ausgezeichnete Alu Paneer, schreibe, lasse den Abend ausklingen.


Gegen 23 Uhr finde ich mich in besagtem Dachrestaurant zur Jam-Session ein, gebe dem freudigen Verkäufer von zuvor die Hand und nehme auf der ausgedehnten Kissenlandschaft Platz, die bereits von zwei Dutzend Indern und weißen Hippies bevölkert wird. Die halbe Ausstattung aus dem Geschäft für Musikinstrumente findet sich hier wieder, jeder kann alles einmal ausprobieren, oder einfach zurücklehnen und die wilden Klänge der Gitarren, Flöten, Didgeridoos, Trommeln und Sitars genießen. Man musiziert zusammen, tauscht Reiseerfahrungen und andere Anekdoten aus, verlebt einen entspannten Jahreswechsel zusammen...

Mittwoch, 18. Januar 2012

Der verrückte Rikscha-Fahrer Sanjay und der Höllenritt nach Hampi

Der 30. Dezember war geprägt von internen Beratschlagungen darüber, wo wir, die aus aller Welt gestrandeten Praktikanten, Silvester verbringen sollten.

Eine Strömung favorisierte Goa, das aber sicherlich überfüllt und teuer sein würde, eine andere Fraktion wollte in einem Strandhotel in Bombay den Jahreswechsel feiern.

Dies war mein dritter Tag in Pune, und mit überteuerten Taxis und ohne Übernachtungsmöglichkeit wieder zurück nach Bombay zu fahren, war nicht unbedingt mein Herzenswunsch, sodass ich mich vorerst zur Gruppe der Unentschlossenen gesellte.

Noch drei freie Tage bis zum Arbeitsbeginn bei ZF India – diese Ressource kann ich doch nicht einfach für ein simples kalendarisches Phänomen verschwenden. Um 21 Uhr stand mein Entschluss fest: Ich fahre nach Hampi, die einstmalige Hauptstadt eines vormals äußerst mächtigen südindischen Hindu-Reiches, das mit wunderschönen Landschaften und imposanten Sakralbauten eine unglaubliche Atmosphäre erzeugt, und mir mehrfach von Indern und Europäern empfohlen wurde – es sollte mein bisher bester Trip werden...

Um 22 Uhr bin ich mit gepackten Sachen auf dem Weg zum Rikscha-Stand, als plötzliche ein wild hupendes Exemplar vor dem Nachbarhaus hält und einen Fahrgast entlässt. Froh über den Zufall marschierte ich direkt auf das schwarz-gelbe Gefährt zu und schüttle einem breit grinsenden Inder die Hand, der mich bereits auf den ersten Blick an Prabaker aus dem Buch Shantaram erinnert – die Analogie sollte sich auf der Fahrt noch weiter festigen.

Die einzige Information, die ich so kurzfristig aus dem Internet ziehen konnte, ist, dass ein Bus nach Hospet, das liegt ca. eine halbe Stunde von Hampi entfernt, vom Busbahnhof Swargate aus um 23 Uhr abfahren soll.

Ich versuche dem Fahrer, dessen Name nicht Prabaker ist, sondern Sanjay, meine Destination klarzumachen, bin mir aber immer noch nicht sicher, ob er sie wirklich verstanden hat, als wir bereits knatternd durch das nächtliche Pune düsen.

Sein Englisch ist sehr begrenzt, aber das tut seiner freudig-offenen Art keinen Abbruch - im Gegenteil werden die Gespräche dadurch viel direkter:

„You children? No? You married? No? Good! Married dangerous!”

Er lacht lauthals auf und greift dabei meine Hand.

„Married very dangerous! No fucking, only cost money! Me wife and me fighting all the time! I say: fucking, she say: no, no, no!”

Er wedelt drohend mit dem Zeigefinger, seine Ehefrau imitierend, dann lässt er wieder ein sich überschlagendes Gluckern hören und packt meine Hand, um sicherzustellen, dass ich die Pointe auch mitbekommen habe.

Meine erste Reaktion ist eine Art peinlicher Berührung und ein verwirrtes Kopfnicken ob der soeben offenbarten Intimitäten von einem komplett Fremden, dann entscheide ich mich dafür, einfach mit einzusteigen, und Sanjays abstruse, jedoch immer anzügliche Gesprächsthemen mit aufrichtiger Neugier und vergnügten Kommentaren zu verfolgen.

Er ist kaum zu stoppen im Erzählen, Lachen und Imitieren. Wortwörtlicher Höhepunkt der Fahrt ist die Demonstration seiner vielseitigen Stellungskenntnisse, zuletzt inklusive Gestöhne mitten auf einer vielbefahrenen Kreuzung, eine Hand am Lenkrad, die andere in seine Haare vergraben, die Augen lassiv nach hinten verdreht, das Becken im Sitz aufgebäumt und auf Höhe der Rückspiegel rhythmisch kreisend und stossend. Wie wir diese Verkehrssituation unbeschadet überstanden haben, ist mir bis heute immer noch ein Rätsel, aber für den Moment bin ich prächtig amüsiert.

In Swargate angekommen reihe ich mich in die Schlange zu einem Ticketschalter ein. Die Schilder und Hinweistafeln sind leider alle auf Hindi, sodass ich keine Ahnung habe, ob ich richtig stehe, während mir so langsam die Zeit davon läuft. Die Verhandlungen an der Kasse ziehen sich unangenehm in die Länge, und als ich endlich an dritter Stelle bin, frage ich zur Sicherheit den Kunden vor mir nach dem Bus nach Hospet.

Inzwischen habe ich gelernt ich, nach welchen äußeren Merkmalen man Ausschau halten muss, um eine gute Chance auf englischsprachige Hilfe zu bekommen. Der Mann vor mir trägt schwarze Business-Schuhe, eine saubere Hose, ein gebügeltes Hemd, eine feingliedriges Brillengestell und hat einen modischen Haarschnitt – sicherlich ein Büroangestellter. Meine Intuition lässt mich nicht im Stich.

Leider gibt es jedoch heute Abend keinen Bus nach Hospet. Stattdessen soll ich den nach Hubli nehmen und von dort aus nach Hospet umsteigen. Ich frage nach dem Abfahrtssteg. Anstatt mir einfach die Nummer zu nennen, tritt der Mann ohne Umschweife aus der Schlange heraus, in der ER der nächste Kunde gewesen wäre, und führt mich bis zum anderen Ende des Busbahnhofs, klärt den Busfahrer in der Landessprache über meine Situation auf, und wünscht mir händeschüttelnd noch alles Gute für die Reise - weder zum ersten noch zum letzten Mal bin ich über die Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit völlig fremder Inder erstaunt. In Europa wäre das sicherlich anders gelaufen...

Was nun folgt, ist die schlimmste Busfahrt meines Lebens. Die nächtlichen 430 Kilometer, die ich eigentlich im gemütlichen Touribus mit kippbarer Rückenlehne verschlafen wollte, sitze ich nun auf der harten Holzbank eines alten staatlichen TATA-Busses ab.





Zugegeben, umgerechnet 5 Euro für diese Strecke ist kein schlechter Deal, aber welchen Preis meine Knie noch zahlen werden, ist auch noch nicht absehbar. Ein weiterer taktischer Fehler besteht darin, dass ich mich ganz nach hinten in die letzte Bank setze – die Katapultposition. Denn Stoßdämpfer, Aufhängung und Federung des Kastenwagens scheinen aus feudalischer Zeit zu stammen: Jede Unebenheit, jeder Geschwindigkeitsbegrenzungshubbel, jedes Kieselsteinchen lässt sich seismographisch genau mit dem Hinterteil ablesen – analog und in Echtzeit, und in der hintersten Reihe durch den Hebeleffekt sogar noch potenziert.

Ich möchte die Reisezeit wenigstens dazu nutzen, meine Begegnung mit Sanjay stichwortartig festzuhalten, doch auf dem Papier bleibt aufgrund dem Geschaukel nur unlesbares Gekrakel zurück. Das ist doch mal eine echte Motivation, sich für ein Unternehmen wie ZF einzusetzen, das Fahrkomfort auf höchster Qualität ermöglicht. Na gut, dann warte ich eben auf bessere Strassen als hier in Stadt. Nach einer halben Stunde erreichen wir endlich die Autobahn. Ich packe ungeduldig mein Notizbuch aus, setze den Stift an und höre einen schrillen Pfiff aus der Trillerpfeife des Busbegleiters. Augenblicklich gehen sämtliche Lichter aus – Schlafenszeit. Hmpf.

Der Fahrer scheint ein besonderes Talent für unerwartete Bremsmanöver zu haben, sodass meine Kniescheiben bereits nach 10 Minuten von rot zu blau wechseln, weil die viel zu eng voreinander geschweissten Sitze hinten immer noch mit einer soliden Stahlstange auf Kniehöhe verstärkt sind.

Sobald die Vorderreifen die Problemzone  passiert haben, wird aber auch schon wieder kräftig Gas gegeben, sodass wenigstens die Hinterreifen (und damit vor allem ich) was von dem Spass abbekommen.

Im ZF-Büro ist die Geschichte vom Deutschen, der mit dem staatlichen Nachtbus nach Hampi gefahren ist, bereits legendär und muss immer wieder neuen Kollegen erzählt werden. Die Strassen in Karnataka, dem Bundesstaat Hampis, gehören zu den schlechtesten von ganz Indien, hat mir einer von ihnen inzwischen anvertraut, und ja, das kann ich bestätigen!

Denn bei Vollspeed auf der Autobahn ist ein Schlagloch kein Schlagloch mehr, sondern ein regelrechtes Flugticket. Ich weiss nicht mehr wie oft ich kurz vorm Eindösen plötzlich mit dem gesamten Körper in der Luft hing, aber auf jeden Fall häufig genug, um die ganze Nacht kein Auge zu zu bekommen. Nicht nur einmal bin ich statt im Sitz auf dem Fussboden gelandet – Perspektivenwechsel auf indisch.

Dazu kommt, dass die aufschiebbaren Fensterscheiben ab einer bestimmten Geschwindigkeit automatisch nach hinten rutschen und damit den kalten nächtlichen Fahrtwind einlassen. Da ich die Gepäckbelastung möglichst reduzieren wollte und mich auf südindisches Klima vorbereitet habe, sitze ich nun also für die nächsten Stunden frierend in T-Shirt und kurzer Hose in der Dunkelheit und warte auf verdächtig scharfe Bremsmanöver, die den nächsten Abflug ankündigen könnten. Definitiv eine Erfahrung!

Meine allererste Handlung in Hampi ist  der Kauf eines Rückfahrtickets im vollklimatisierten Reisebus. Da nur noch Frauenplätze übrig sind, werde ich kurzerhand als „Mrs. Schilske“ gebucht, aber das ist mir in dem Moment auch ganz egal.

Vorher heisst es aber noch Umsteigen in Hubli, wieder mit einigen Wirrungen und Missverständnissen, bis ich schließlich im Bus nach Hospet lande, der für vier lange Stunden über die Dörfer tuckert und Horden von Kindern in blauen Schuluniformen und mit roten Bändchen im Haar zu ihren jeweiligen Lehranstalten bringt, bevor wir endlich Hospet erreichen.



So langsam kann ich Busse nicht mehr sehen, dafür wird die Landschaft außerhalb immer tropischer und faszinierender. Da der Bahnübergang einen Zug abwartet, wird aus der halben Stunde nach Hampi eine ganze, und dann bin ich endlich da – im Paradies!

Freitag, 13. Januar 2012

Working in Pune


Seit dem 03.01. arbeite ich nun bei ZF India als Praktikant im Human Resources Department.

Glücklicherweise befinden sich die Muttha Towers, ein wuchtiges Hochhaus, das die Headquarters von ZF India beherbergt, ganz in der Nähe von Brahma Sun City, sodass ich mit dem gemächlichen Roller gerade mal 10 Minuten zur Arbeit brauche, in der Rush Hour etwas mehr.


Mein erster Tag verläuft sehr smooth. Zunächst einmal bin ich beeindruckt von den spiegelnd glitzernden Bürokomplexen, die in diesem Teil Punes in den Himmel wachsen. Neben den Muttha Towers befinden sich weitere stahlblaue Quader aus Glas und Beton, und von der anderen Strassenseite her trotzt uns eine mächtige IBM-Festung entgegen. Überall stehen Wachmänner in blauen Uniformen und mit milimetergenau gestuzten Schnauzbärten an den Zufahrten, Schranken und Gitterportalen.

Mit einem Lächeln wird mir Zutritt gewährt, ohne weitere Fragen – ein Weisser in Anzug und Krawatte kommt hier überall hin.

Und doch wieder das gleiche Bild: Rund um die Kolosse der Moderne brandet eine nicht enden wollende Flut von braun-grauen Wellblechhütten und Unterklassebehausungen. Das Slum um die Muttha Towers herum ist das größte in Pune und beherbergt Zehntausende von Menschen. Egal wo man bei ZF aus dem Bürofenster blickt, die Gegensätze könnten nicht krasser sein.

Die gläserne Front und die weitläufige marmorne Eingangshalle der Muttha Towers dagegen sind auf Hochglanz poliert, im Gebäude herrschen konstant heruntergekühlte 20 Grad Celsius.

Ich drücke den Fahrstuhlknopf und warte darauf, dass eine der vier Kabinen zu mir herunterkommt.

Die Tür geht auf, im Innern sitzt ein Inder neben der Bedienkonsole auf einem Hocker.

„Which company, Sir?“

ZF. Er drückt die 4. Aus den Aufzuglautsprechern dudelt eine Panflötenversion von Céline Dions Titanic-Hit „My Heart will go on“, während ich über die Beschäftigungsnotwendigkeit und Arbeitsbefriedigung von Liftboys nachdenke.

Dann fällt mir wieder ein, was ich vor kurzem in „Culture Shock India“ gelesen habe: Ein Überbleibsel aus dem offiziell abgeschafften Kastenwesen ist die strikte Trennung von körperlicher und mentaler Arbeit. Je weniger man selbst physisch tun muss, desto höher der Status. Deshalb haben wir jemanden, der uns die Knöpfe im Lift drückt und beschäftigen Sandibh, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als Kaffee und Tee für uns Sesselfurzer zu kochen und zu servieren – und ich dachte, ich wäre hier der Praktikant!

Wirklich grotesk wird es aber erst dann, wenn neue Bilder und Tafeln aufgehängt werden müssen, und fünf Manager mit den Händen in den Hüften zuschauen wie Sandibh auf einem wackeligen Stuhl die Plakate balanciert, und sie hier und da noch ein paar Tipps oder Korrekturvorschläge einwerfen.

Als ich am ersten Tag meinen Laptop aufbauen wollte, wurde ich regelrecht mit Gewalt davon abgehalten, den Adapter in die Stromleiste einzustecken, und bevor ich wusste, was geschah, war auch schon Sandibh auf Hindi herbeigeordert und an meiner Statt unter den Tisch geschickt worden – perplexer als in dem Moment hat mich Indien bisher nie wieder gemacht!

Ich blicke gedankenverloren an die Decke - hier hat sogar jeder einzelne Fahrstuhl eine eigene Klimaanlage, fällt mir auf, dann bin ich auch schon wieder draussen.

In der linken Hälfte des vierten Stocks befindet sich mein Ziel. Auf einer Glasfront lese ich „ZF India Pvt. Ltd.“ und trete in einen Empfangsraum mit zwei weiteren freundlichen Wachmännern in Uniform hinter einem hellbraunen Schreibtisch.


Ein Termin mit Mr. Badal? Aber natürlich. Ich werde unverzüglich in ein Besprechungszimmer hofiert, bekomme Tee von Sandibh serviert und werde gebeten zu warten, Herr Badal ist noch nicht da. Es ist 9:30 Uhr. Ich schaue mich um.

Die Hälfte der Arbeitsplätze, die ich von hier aus im modern eingerichteten Großraumbüro überblicken kann, sind immer noch leer. Und ich dachte schon, ich wäre spät dran. Indische Arbeitszeiten sind in der Tat sehr langschläferfreundlich, dafür bleibt man aber auch viel länger als in Deutschland.

Name, Wohnort, Grund des Besuchs, Uhrzeit, Telefonnummer – alles wird händisch vom Wachpersonal in ein grosses Buch eingetragen, elektronisches Stempeln wird hier nicht praktiziert.

Ich lasse den Blick weiter schweifen. Es sieht tatsächlich sehr nach ZF aus: Das Besprechungszimmer ist medial einwandfrei ausgestattet, und an der Wand hängen die mir bekannten großflächigen Fotografien von Getrieben, Schaltungen, und anderen ZF-Produkten, dazu das Leitbild „Give me 5“ mit detaillierten Ausführungen zu Werten, Vision, Identität, Verantwortung und Kultur des Unternehmens.

Ich geniesse meinen Tee, schreibe, beobachte wie nach und nach Büroangestellte hereinspazieren, die meisten mit einem Rucksack über der Schulter und einem Motorradhelm in der anderen Hand.

Um 10 Uhr kommt Herr Badal, begrüßt mich herzlich und heisst mich bei ZF India willkommen. Da er erst heute aus dem Urlaub zurück ist, bittet er mich, nochmals zu warten, bis er mit der Runde bei seinen Mitarbeitenden fertig ist.

Um 11 Uhr kommt Herr Badal zurück, und nimmt sich eine komplette Stunde für mich Zeit. Wir sprechen über meinen bisherigen Aufenthalt, über Deutschland und die Schweiz. Herr badal ist verheiratet und einen zweijährigen Sohn - meine Schweizer Schokolade als Gastgeschenk kommt demnach sehr gut an.

Nach dem Smalltalk geht es um den strukturellen Aufbau der hiesigen Organisation, die aktuellen Projekte, meine Erwartungen und Einsatzmöglichkeiten.

Ich freue mich darauf, in wichtige Projekte im Personalmarketing eingebunden zu sein. Diese Woche werde ich eine Präsentation über die ZF Group und deren relativ junge Tochter ZF India erstellen, um die Karrieremöglichkeiten für Jungakademiker, vor allem im technischen Bereich, aufzuzeigen. Damit fahren wir dann zu verschiedenen lokalen Hochschulen, um die Bachelorabsolventen für eine Karriere bei ZF zu begeistern und in ersten Gruppendiskussionen direkt für den weiteren Bewerbungsprozess vorzuselektieren.

Ausserdem werde ich interne Policies ausarbeiten, schriftliche Vereinbarungen über die indischen Sicherheitsstandards, (inter)nationale Reisebestimmungen, und die allererste allgemeine Betriebsordnung für den Standort Pune.

Von meinen Mitbewohner arbeiten viele im Marketing, ihre Internationalität soll den Firmen helfen, global Fuß zu fassen, meistens durch telefonische Kundenaquise im jeweiligen Heimatland des Praktikanten. Aber nicht alle sind so zufrieden wie ich. Bei manchen indischen Firmen sind die Arbeitsbedingungen sehr kontraproduktiv, in einigen Fällen gibt es weder PCs noch Internet, und dazu fällt noch regelmäßig der Strom aus. Andere haben einen Anfahrtsweg von fast einer Stunde, müssen über Überlandstraßen und Trampelpfade ihren Arbeitsplatz erreichen.

Unsere Kollegen aus der anderen Wohnung klingen im Grossen und Ganzen zufrieden mit ihren Jobs. Sie verdienen zwar kein Geld in ihren sozialen Projekten, freuen sich jedoch über weit entspanntere Arbeitszeiten und hohen kulturellen Austausch, z.B. beim Unterrichten von indischen Schulkindern in Englisch und Naturwissenschaften, oder bei der Aufklärungsarbeit über HIV und andere Gesundheitsthemen mit der unterpriviligierten und wenig gebildeten Bevölkerung, deren unheimliche Gastfreundschaft ihresgleichen sucht.

Allein Ibrahim aus Ägypten lässt seiner Frustration manchmal freien Lauf. Er ist Teil eines Teams, das das Slum nahe den ZF-Büros täglich mit einem Übersetzer im Schlepptau aufsucht, Interviews führt und Fotos von den Familien macht. Dieses Material wird dann in einem zweiten Schritt aufgearbeitet und soll für eine Fundraising-Kampagne verwendet werden, um die Situation der Menschen nachhaltig verbessern zu können.

„Mann, die wollen da nicht mal raus! Ganz ehrlich, den meisten geht es super gut dort! Die haben Strom, fliessend Wasser, TV-Anschluss... Zugegeben, sie leben beengt zusammen, aber in der AIESEC-Wohnung zu siebzehnt ist’s auch nicht viel besser im Moment, und die kennen es ja nicht anders. Du kannst es dir nicht vorstellen, aber es ist echt verdammt schwer, im Slum ein Foto von einem unglücklichen Kind zu schießen. Guck hier! Die grinsen alle bis über beide Ohren und wollen mit uns Cricket spielen. Und manche von Typen da haben gut bezahlte Jobs bei IBM als Programmierer. Wie sollen wir denn da Mitleid erregen?!“

Tatsächlich ist kaum jemand wirklich unzufrieden. Aber das liegt auch daran, dass dem Großteil der Bevölkerung die Einsicht fehlt, welche langfristigen Gefahren im Slum lauern, sowohl durch die soziale Stigmatisierung, die sich nachteilig auf dem Arbeitsmarkt auswirkt, als auch durch die Normalität des täglichen Alkoholkonsums, der Kriminalität, der Unterschätzung der Wichtigkeit von Bildung und der Unkenntnis von medizinischen Grundzusammenhängen.

Ein anderer Slumarbeiter hat mir vor ein paar Tagen erzählt, wie er einer Frau erklären wollte, warum man Wasser abkochen, verdorbenes Essen vermeiden und Körperhygiene pflegen sollte. Seine Gesprächspartnerin wusste nicht einmal, was „gesund“ überhaupt bedeutet.

„Das heisst“, versuchte er zu umschreiben, „dass man länger lebt.“

„Länger leben? Wozu denn das?“, war die fatalistische Antwort. In ihrem Mindset machte es mehr Sinn, auf eine glücklichere Wiedergeburt zu warten.

Solche Begegnungen zeigen, dass Armut alleine nicht das Problem ist. Tatsächlich wurden einigen Slumbewohnern in Pune im Rahmen eines sozialen Projektes vor ein paar Jahren kostenlose Wohnungen in besseren Gegenden vom Staat gestellt. Die Aktion kam super bei der Slumbevölkerung an, jedoch stellt man nach ein paar Monaten fest, dass kaum jemand umgezogen war. Stattdessen waren die schicken Wohnungen einfach als zusätzliche Einnahmequelle von den glücklichen Besitzern vermietet worden.

Eine wirkliche Veränderung wird wohl ihre Zeit brauchen, und die gesammelten Spenden sollen darum auch nicht an die Familien (und damit oftmals direkt an den nächsten Schnapsladen) gehen, sondern in nachhaltige Aufklärungsprojekte investiert werden.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Arriving in Pune

Aus Mumbai kommend ist Pune sowas wie India light – immer noch eine Millionenstadt, aber so viel grüner, so viel mehr Platz, so viel ruhiger.

Tatsächlich hört man die allgegenwärtige Hupe durchschnittlich nur noch alle 10 statt jede Sekunde, und die Straßen sind breiter, teilweise sogar von Bäumen, Büschen und Wiesen gesäumt.

Zuerst geht es jedoch mit dem Taxi vom Hotel in Mumbai eine halbe Stunde zur Busstation. Der Taxifahrer hat natürlich kein Wechselgeld. Anfängerfehler. Taxifahrer haben nie Wechselgeld, wenn sie merken, dass man nur in 100er-Scheinen bezahlen kann. Eine letzte Opfergabe also in den nimmersatten Rachen dieser verrückten Stadt.

Mit dem hochmodernen, komfortablen Volvo-Bus, dessen Klimaanlage viel zu stark für diese Jahreszeit arbeitet, geht es aus dem versmogten Bombay im Stop-and-Go durch die verstopften Straßen, bis uns die hitzig-hektische Stadt endlich auf die gut asphaltierte Autobahn (in Indien eine Rarität) entlässt, und der Horizont weiter und klarer zu werden beginnt.

Die Gegend wird ländlicher und ärmlicher, die penetrante Umweltverschmutzung fällt hier in der Natur noch mehr auf als zwischen den grauen Häusern der Stadt. Der Müll ist einfach überall in Indien!

Und da Mülleimer im Regelfall sowieso unauffindbar sind, ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass absolut jeder (und da schließe ich mich nicht aus) seine Bananenschalen und Plastikflaschen einfach in den nächsten Straßengraben wirft.

Hin und wieder halten wir an, nehmen weitere Fahrgäste an Brücken und Autobahnkreuzen auf. Dort warten dann auch schon Gruppen von Jugendlichen, die mit Chips, Wasser oder Schuhpolitur bewaffnet den Bus stürmen und lärmend ihre Produkte und Dienstleistungen feilbieten.

Der Busfahrer wartet nicht auf ihren Ausstieg – wer zu lange braucht, muss aus dem bereits wieder fahrendem Bus springen und zurück laufen.

Das Gelände steigt an, schließlich geht es über weit geschwungene Serpentinen die West-Ghat-Berge hinauf – Pune liegt immer noch relativ tief auf ca. 600 Metern über dem Meeresspiegel, doch das Klima ist bereits um einiges kühler und angenehmer als in Bombay.
Das ist Pune (Balkonausblick):


Nach ca. 4 Stunden erreichen wir die Endstation. Mit einer Rikshaw geht es nun in mein neues Zuhause: Brahma Sun City.
Wir fahren durch das sonnige Pune in immer grüner und moderner werdende Gegenden, dann halten wir plötzlich vor einem mächtigen Eisentor mit mehreren Wachleuten vor Ein- und Ausfahrt. Dahinter erheben sich mehrere 9-stöckige Wohnkomplexe, moderne Architektur, frisch gestrichen, das letzte immer noch im Bau.
Dazwischen verlaufen grüne Parks mit hohen Palmen und bunten Blumen, Spielplätzte, Pools, breite, saubere Straßen (ohne Müll!), und herrliche Luft, alles von einer hohen Mauer umgeben. Ich muss im Paradies angekommen sein.

Hier werde ich also wohnen. Für meine Behausung hatte ich alles erwartet, von bescheiden bis hin zu armselig – bloß das nicht.
Nun ja, man gewöhnt sich an alles, nicht wahr?^^

Brahma Sun City ist tatsächlich eine Wohngegend hauptsächlich für internationale Besucher und reiche Inder – das Beverly Hills von Pune sozusagen. Solche  „Societies“ finden sich hier im Nordosten Punes, rund um die wohlhabende Gegend Koregaon Parc sehr häufig, genauso wie westliche Szenebars, Kinocenter, Shoppingmalls – ja sogar ein offizielles Hard Rock Cafe.

Nicht dass es irgendwas an der indischen Realität ändern würde – direkt hinter unseren zackenbewährten Schutzmauern stehen die gleichen Slum-Wellblechhütten wie in Dharavi, ironischerweise vermutlich von eben jenem Wachpersonal bewohnt, das hier rund um die Uhr an jeder Zufahrt und jedem Hauseingang sitzt und freundlich grüßt. Ohne ein Glauben an Karma und eine dementsprechend gestaltete Wiedergeburt sind solche Ungerechtigkeiten kaum auszuhalten.

Brahma Sun City ist und bleibt ein Rückzugsort für elendsmüde Seelen – eine hübsche künstliche Enklave im Strudel der Gegensätze.

AIESEC Pune hat hier zwei Wohnungen gemietet, ich wohne mit den Praktikanten zusammen, die wie ich ein professionelles Firmenpraktikum machen. Zu acht leben wir in der 3-Zimmerwohnung: Ana aus Kolumbien, Amr aus Ägypten, Ching aus China, Diego aus Peru, Larissa aus Brasilien, Simone aus Italien, noch eine Deutsche namens Lena, und ich.


Privatsphäre ist selten, Spaß dagegen nicht. Abends gehen wir aus oder kochen, quatschen und feiern zusammen, meist begleitet von einigen aus der anderen Wohnung im Nachbargebäude, die für Praktikanten in sozialen Projekten vorgesehen ist. Dort leben 17 Internationale viel zu beengt zusammen und haben sich trotzdem noch gern.
Not schweißt eben zusammen. Und was AIESEC an Organisationstalent fehlt, gleichen sie an improvisierten Bettstätten wieder aus.

Problematisch dagegen werden dort die neuen animalischen Mitbewohner. In dem überbevölkerten Apartment haben sich seit kurzem Insekten in Matratzen und Bettzeug eingenistet, die nachts hervorgekrabbelt kommen, um Blut zu saugen und lästige Quaddeln zu hinterlassen. Was von den AIESEC-Leuten lakonisch als „Bedbug Issue“ bezeichnet wird, löst bei den Betroffenen wahre Putzattacken und Hetzjagden auf die kleinen Tierchen aus. Ich bin dagegen froh, dass unsere Haustiere bisher nur aus einem Gecko hinterm Kühlschrank und vereinzelt herumirrenden Kakerlaken bestehen.

Ansonsten kommen bei uns verschiedenste Kulturen, Sprachen und Religionen zusammen. Die Hindu-Mädchen Danishta, Rushna und Vasuda aus Mauritius haben mir nun endlich erklärt wie das mit der arrangierten Heirat funktioniert und wieviele Anfragen sie schon bekommen haben, und die ägyptischen Mädels wissen aus erster Hand über die DOs und DON’Ts der islamischen Verschleierung Bescheid.
Ich probiere chinesische Süßigkeiten und kolumbianischen Kaffee, lerne ein paar Wörter Arabisch und lasse mir von der Amerikanerin Salem Insider-Storys über die Arbeit bei McDonalds erzählen.

Manchmal bekommen wir Besuch von Ramy, einem Enkel des ehemaligen tunesischen Premierministers Hédi Nouira, der sich seit drei Monaten in Indien vor seiner „langweiligen und arroganten“ Familie versteckt, und sich seine Zeit und sein Geld hauptsächlich mit Reisen, Lesen, Drogen und seiner polnische Freundin vertreibt, die ebenfalls ein AIESEC-Praktikum macht. Mittags gehen wir manchmal zusammen essen, im rustikalen Restaurant um die Ecke, wo der Kellner jeden Tag in dem gleichen abgewetzten Anzug steckt, der ihm mindestens drei Nummern zu groß ist. Das Essen hingegen ist phänomenal, und kann auf Wunsch eingepackt und mit nach Hause genommen werden.

Ich freue mich über die Gelegenheit, mit einem sehr offenen und breit gebildeten Muslim über Religion und Philosophie diskutieren zu können, und Ramy ist froh, seit langem wieder einmal seine Landes- und Muttersprache Französisch mit mir sprechen zu können.

Abends fahren wir regelmäßig in großen Gruppen zu orientalisch eingerichteten Shisha-Bars, indischen Restaurants in exotischen Gärten oder modernen Clubs, und genießen einen Lebensstil, den wir uns in Europa niemals leisten könnten. Dazu das angenehm warme Klima, die vielen spannenden Menschen und Eindrücke – es fühlt sich an wie Luxus-Urlaub.

Seit kurzem habe ich auch einen eigenen Roller gemietet, mit dem ich den abenteuerlichen indischen Verkehr auf eigene Faust erleben kann. Nach einer kurzen Eingewöhnung macht das „kreative Fahren“ richtig Spass, und die geldgierigen Taxi- und Rikscha-Fahrer können endlich vermieden werden.


Heute Abend geht es ins Kino. Auf meiner TO-DO-Liste für Indien steht nach wie vor, einen Bollywood-Film, wie kitschig er auch sein mag, original auf Hindi anzuschauen.

Namasté!

Mittwoch, 4. Januar 2012

Visuelle Happen für zwischendurch...

Hier der Link zu einem kurzen Film, zusammenbastelt aus Videoschnipseln, die ich während meiner Ausflüge durch Mumbai, Hampi und Karnataka aufgezeichnet habe:

http://www.youtube.com/watch?v=kM3DbNG7o0Q

Enjoy!

Dharavi - 27.12.2011

Mein bisher krassestes Erlebnis hatte ich an meinem dritten Tag in Mumbai.

Diesmal gibt es keine Fotos, dafür umso mehr Text, denn Kameras waren strikt verboten.

Auf Empfehlung einer indienerfahrenen Kommilitonin aus Fribourg habe ich mich bei „Reality Tours“ für eine Dharavi Tour angemeldet.

„Reality Tours“ ist eine soziale Organisation, die verschiedene Führungen durch das wahre Bombay anbieten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad, oder zu Fuß. Eben jene Märkte, Tempel und Uferpromenaden, die ich bereits eigenständig besucht habe, lassen sich dort mit professionellen Guides in Kleingruppen absolvieren.

Das Herzstück ihres Angebotes allerdings ist die Dharavi Slum Tour.

Dharavi ist das größte Slum Asiens, liegt eingepfercht zwischen dem Flughafengelände, zwei Eisenbahnstrecken, und einem verpesteten und vermüllten Sumpf, der Bombay als Schutz gegen potenzielle Tsunamis dient. Slumdog Millionaire wurde ebenfalls hier gedreht.

Für einen Obulus von 1000 Rs wird man auf eigene Gefahr für 4 – 5 Stunden mit in die No-Go-Area genommen. Das Geld kommt sozialen Projekten wie dem dortigen Kindergarten und anderen Förderungsprogrammen für die Bewohner zugute.

Wir treffen uns morgens in Colaba, dem Touristenviertel. Unsere Gruppe besteht aus einem reichen afrikanischen Päärchen aus dem südindischen Kerala, drei aufgeweckten älteren Damen aus den USA, unserem Führer Dillish und mir.

Dillish ist in Dharavi aufgewachsen, kennt sich also bestens aus, und beantwortet geduldig unsere Fragen, während das Großraumtaxi sich in den Verkehr einfädelt.

„Wie finden die Slumbewohner eure Touristentours? Wird das nicht als Armutssafari für Reiche wahrgenommen?“ frage ich nach. Trotz meiner unbändigen Neugier habe ich gemischte Gefühle.

„Nein, das ist nicht das Ziel der Tour. Es geht darum, aufzuzeigen, wie hoch der Zusammenhalt unter den Slumbewohnern ist, und wie produktiv sie sind.

Wir gehen schnell da durch, wir bleiben dicht zusammen und bleiben nur dort stehen, wo ich stehen bleibe. Wir machen keine Fotos und versuchen, niemanden zu stören. Die Privatsphäre der Leute ist auf jeden Fall zu respektieren.

Außerdem wissen sie inzwischen, wer wir sind und welche Projekte damit unterstützt werden. Unser Angebot hat einen sehr guten Ruf, auch im Slum.“

Na gut. Wir fahren ca. anderthalb Stunden durch den dichten Verkehr, Dillish kommentiert vorbeiziehende Bauwerke und Gegenden. Wir passieren zuerst das Rotlichtviertel Kamatipura und halten dann kurz bei den Dhobi Ghats, Bombays Freiluft-Waschmaschiene, einem Relikt aus britischer Zeit, wo früher die Uniformen der Soldaten gesäubert wurden.

Und noch heute sind die unzählbar vielen rechteckigen Steinbecken voll mit Seifenlauge und Kleidung, überall wuseln Menschen herum, waschen, schlagen, wringen Kleidungsstücke aus. Ihre Behausen sind notdürftig zwischen den Becken und Wasserleitungen aufgebaut.

Über dem gesamten Gelände spannt sich ein Spinnennetz aus Wäscheleinen, behängt mit bunten Farbklecksen aus blauen Jeans, weißen Hemden, matt-grünen Krankenhauskitteln und leuchtenden Saris.

Noch eine gefühlte halbe Stunde geht es über die Autobahn, dann endet die Fahrbahn im Nichts, bzw. in einem riesigen fliegenbefallenen Müllberg, dahinter liegt ein umgekippter Laster, wohl schon seit Jahren, quer über allen Fahrspuren.

Von hier geht es nur zu Fuß weiter. Zu unserer Linken erstreckt sich der stinkende Sumpf, dicht von Mangroven bewachsen, und zur Rechten der Straße sehen wir uns einem Wall aus grau-braunen Wellblechhütten gegenüber.

Wir treten ein.

Das erste, was ich bemerke, ist der beißende Rauch. Er ist kaum zu sehen, aber die Luft schmeckt unverkennbar nach verbrennenden Reifen.

Der etwa zwei Meter breite Weg besteht aus uneben festgetretener Erde mit tiefen Schlaglöchern und Stolperfallen. An den Seiten sind unzählige Dinge gestapelt, ob Müll oder Gebrauchsgegenstände, vermag ich nicht zu sagen.

Menschen sind überall, tragen schwere Lasten auf dem Rücken, schieben Karren, oder stehen in den Türrahmen und starren uns an.

„Das ist das Arbeitsviertel.“ erklärt Dillish. „Wir befinden uns gerade beim Plastikrecycling. Alte Plastikbehälter und -gegenstände werden in der Stadt gesammelt oder auf der Müllhalde gesucht, hierher gebracht, geschreddert, gewaschen, getrocknet, eingeschmolzen, und zu kleinen Pellets verarbeitet. Diese werden dann wieder von der Industrie aufgekauft.“

Alle Prozesse sind im großen Stil durchorganisiert. Es gibt eine hohe Arbeitsteilung und klare Rollenverteilung. Sicherheitsstandards oder Schutz gegen die giftigen Gase und Materialien sind unbekannt. Alles wird von Hand oder mit veralteten dieselbetriebenen Maschinen erledigt.

Meine Vorstellung von arbeitsloser Armut im Slum beginnt sich zu wandeln. Die Leute hier sind alle fleißig und beschäftigt, ihre Arbeit jedoch ist mehr als undankbar. Es gibt beispielsweise noch einen Zweig, der sich mit der Säuberung von alten Öl- und Farbbehältern beschaftigt – die dazu notwendigen toxischen Chemikalien lagern in abgewrackten Schuppen und werden von hustenden Arbeitern bei Bedarf einfach am Unterhemd abgewischt.

In einer vollgestopften Hütte, die wir durchqueren, sitzen junge Männer oberkörperfrei bei stark gedämpften Licht vor gusseisernen Gestängen und schweißen Nähte zusammen. Hier werden die intern gebrauchten Maschinen für die anderen Bereiche hergestellt und überholt.

Handschuhe oder Gesichtsmasken werden nicht verwendet. „Ein brasilianischer Ingenieur hat vor kurzem sogar welche nach einer Tour gespendet, doch niemand will sie benutzen, eher werden sie verkauft.“ erklärt Dillish.

Wir kommen durch eine besser beleuchtete Halle, in der ein Dutzend junge Männer an Nähmaschinen sitzen und Saris fertigen. Sie blicken nur kurz auf, und lassen dann wieder flink ihre Hände über die Stoffe gleiten, während ihre wippenden Beine den Rhythmus der Nadel angeben.

„Hier werden sehr billige Kleidungsstücke gefertigt. Außerdem haben wir noch eine Lederverarbeitung ein paar Straßen weiter.“ Die gefälschten Armani-Geldbörsen und Gucci–Taschen bekomme ich später noch zu sehen.

Vorerst treten wir jedoch in eine Art Scheune, in der sich prall gefüllte Säcke bis unter die Decke stapeln. Dillish öffnet einen und fischt uns ein paar Plastikteile heraus.

„Diese hier sind bereits nach Farbe sortiert, geschreddert, gewaschen und getrocknet worden – bereit zum Einschmelzen. Folgt mir aufs Dach, da sieht man mehr.“ Über wackelige Leiter erreichen wir ein rechteckiges Loch, dass aus dem Wellblech herausgeschnitten wurde. Die Sonne blendet für einen Moment, dann überblicke ich plötzlich das gesamte Slum: Ein Flickenteppich aus Wellblech erstreckt sich komplett um uns herum, weit in der Ferne erkennt man die Wolkenkratzer und Minarett-Türme der modernen Stadtteile Bombays.

Vom Dach gegenüber winken uns Jungen um die 15 Jahre. Ihre Aufgabe ist es, den ganzen Tag, auf dem Dach zu stehen, wo die Plastikchips zum Trocknen ausgelegt sind. Hin und wieder schlurfen sie barfuß durch die verschiedenen kleingeschredderten Farbteppiche, um die nassen Kleinteile nach oben und die bereits getrockneten nach unten zu mischen.

In der Nähe kann ich auch den Schmelzofen erkennen, der eine tiefschwarze Rauchsäule in den wolkenlosen Himmel abgibt. In den Gassen unter uns eilen Männer aller Altersklassen umher, entweder Plastikmüll oder rostige Farbkanister auf den Rücken geschnallt.

Von hier aus sieht das Slum zwar immer noch beeindruckend groß aus, jedoch gemessen an seiner flächenmäßigen Ausdehnung hätte ich die Bewohnerzahl vielleicht auf 50.000 geschätzt. In Wirklichkeit sind es über eine Million.

Den Grund für diese Illusion erfahre ich bei unserer nächsten Etappe – dem Wohnviertel. Dillish führt uns über staubige Wege weiter, bis wir eine tatsächlich asphaltierte Straße mit Motorrädern, Eseln und Geschäften zu beiden Seiten erreichen. Sogar „Dharavi Restaurant“ lese ich auf einem verstaubten Aushängeschild. Dann geht es wieder durch verwinkelte Seitenstraßen zwischen Wellblech und niedrigen Backsteinmauern, bis er plötzlich in einer Nische zwischen zwei Hauswänden verschwindet. Den Spalt hätte ich im Leben nicht gesehen. Ich husche den anderen hinterher und sehe erst mal gar nichts.

Stattdessen merke ich wie die Gasse enger wird, ich stoße mit beiden Schultern gegen Widerstände, muss schließlich seitwärts gehen. Auf dem immer noch unebenen Boden tappe ich in Löcher und Pfützen; endlich erkenne ich so etwas wie Trittsteine im Schlamm. Es riecht nach Fäkalien und etwas Unbestimmbares huscht unter bzw. zwischen unseren Füßen vorbei. Eine Katze? Eine Ratte?

Aus unbestimmten Richtungen hört man nahe Stimmen miteinander reden, Kinder schreien, Kochgeschirr klappern.

Ich blicke nach oben. Der Zwischenraum zwischen den steinernen oder blechernen Wänden ist ebenfalls mit Wellblech überdacht, aber so langsam gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis.

Links und rechts führen Eingänge in die Gebäude hinein, meist mit einem Vorhang abgedeckt, oder man sieht schmale steile Holztreppen, die in Luken zum oberen Stockwerk verschwinden.

Wo ein Vorhang nicht den gesamten Eingang verdeckt, blickt man in enge vollgestellte Räume mit kochenden oder strickenden Frauen, zu ihren Füßen mindestens zwei bis zu sechs Kindern, die aufgeregt „Hi!“ rufen, wenn sie uns erblicken, oder uns ihre kleinen Händchen zum Einschlagen entgegenstrecken.

Andere Kinder stehen an einem improvisierten Kiosk und verhandeln mit den Verkäufern um kostenlose Süßigkeiten.

Der Weg an sich verläuft nicht geradlinig, nach jeder Wand gehen neue verwinkelte Gassen ab, manchmal sieht man keine zwei Meter weit. Hinter manchen Hausecken kommen uns plötzlich Gruppen von Kindern entgegen, einzelne alte Männer, hinduistische Frauen und muslimische, aufwändig verschleiert. Wir geben unser Bestes, niemandem im Weg zu stehen, und fühlen uns doch etwas außerirdisch in diesem Labyrinth aus engen Gassen und kleinen Kammern voller Menschen.

Und es ist groß, unglaublich groß. Ich bin froh, dass Dillish die Richtung zielgenau vorgibt, und weiß, welche Sackgassen es zu vermeiden, und welche versteckten Schächte es nehmen gilt.

Die Eindrücke auf unserer vielleicht 20 Minuten dauernden Odyssee sind kaum wiederzugeben - die Menschen, die Behausungen, die Temperaturen, Gerüche, Geräusche, diese komplett unfassbar andere Realität lässt ein Gefühl zurück, das ich nicht beschreiben kann, irgendwo zwischen Staunen und Mitgefühl.

Plötzlich kommen wir auf eine Art kleiner Lichtung. Gegenüber steht ein vergleichsweise großer Bau, ein gekachelter Kubus mit offenem Dach und einer Rinne zum Füßewaschen davor. Im Innenraum hängen Bilder von hinduistischen Gottheiten, von Jesus, Buddha, ja sogar arabische Schriftzeichen, und ein paar Teppiche finden sich auf dem Boden.

„Der Tempel, die Kirche und die Moschee sind zu weit entfernt für die Arbeiter, wenn sie zwischendurch beten wollen. Darum haben wir einen gemeinsamen genutzten Andachtsraum. Hier kommen alle Religionen zusammen, ohne Probleme.“ versichert Dillish. Es scheint unglaublich. Aber in einer nahen Handwerkerstraße im muslimischen Viertel wird uns sogar eine Schreinerei gezeigt, die sich auf die Produktion von Hindu-Schreinen spezialisiert hat. Hier leben die Menschen so dicht zusammen, dass die kulturellen Unterschiede zwangsläufig akzeptiert werden müssen.

Das Land gehört jedoch nicht den Menschen, die dort leben, sondern der Regierung. Jeden Tag können die Bulldozer kommen und alles plattwalzen, jedoch entstehen dann automatisch an anderer Stelle neue Slums, darum haben sich beide Seiten mehr oder weniger damit abgefunden.

Dillish zeigt uns die durchschnittliche Wohnung in Dharavi – ein einziger Raum, ca. 10 m² für eine Familie von 4 – 6 Personen. Dort wird gekocht, geduscht und geschlafen. Und trotzdem zahlt man in Mumbai immer noch eine Menge Geld für solch eine Behausung.

Auf der anderen Seite ist es nicht so unkomfortabel wie man denkt. Die Slumbewohner haben fließend Wasser, Strom, teilweise sogar TV-Anschluss. Sie sind also nicht bettelarm, sondern leben einfach nur sehr beengt. Die Probleme, die sich daraus ergeben, sind vor allem hygienische und medizinische. Auch ist die Kriminalität sehr hoch. Eine Menge Kleingangster wohnen und treffen sich hier. Alkoholismus ist an der Tagesordnung.

Trotzdem entscheiden sich viele, im Slum zu bleiben, selbst wenn sie gut bezahlte Jobs als Ärzte, Anwälte oder Softwaretechniker außerhalb des Slums finden. Sie kennen nichts anderes und haben ihr komplettes soziales Umfeld hier.

Doch die meisten haben nicht das Glück der freien Entscheidung, arbeiten seit frühester Kindheit in den körperlich anstrengenden Bereich, tragen Lasten, töpfern und brennen Tonkrüge, flechten Körbe oder helfen in der Großbäckerei des Slums aus.

Ein kleines Mädchen von allerhöchstens vier Jahren lässt unsere Gruppe dann unwillentlich ins Staunen und Stocken geraten. Mit einer offensichtlich lang eingeübten Routine rollt sie Teig auf einem flachen Stein aus, fegt den Fladen (den man hier Chapatti nennt) auf einen kleinen Stapel, ölt den Stein mit einem Fingerwisch neu ein und holt sich mit einer flinken Handbewegung den nächsten Teigklops. Erst fünf Chapatti später bemerkt sie uns Zuschauer, schaut auf und zeigt uns ein strahlendes Lächeln. Dann fährt sie unbeirrt fort, und Dillish zieht uns weiter.

Kinderarbeit ist in Indien jederzeit präsent. Wie viele Stunden sie täglich arbeiten, ist schwer zu sagen, aber man trifft sie überall. Sie nehmen das Eintrittsgeld für öffentliche Toiletten an Autobahnraststätten und anderen touristischen Orten entgegen, versorgen Läden mit ausverkauften Gütern, servieren an Straßenständen und in Cafés, fegen Straßen, entsorgen Müll, übernehmen einfache handwerkliche Aufgaben (z.B. Kokosnüsse schälen), waschen die Wäsche der Familie am Flussufer, verkaufen Postkarten, Blumenkränze und jeglichen Touristenramsch.

Doch dieses kleine Mädchen in ihrer gleichmütig fleißigen Arbeit und kindlich offenkundigen Freude über unsere Anwesenheit, ist doch nochmals ein Stich in das europäisch sozialisierte Herz.

Die nächste Station ist nicht besser. Wir verlassen das Häusermeer und kommen einen Platz, der angeblich mal eine Wiese gewesen war. Die vielen Kinder hier spielen aber längst nicht mehr auf Rasen, sondern auf einem zwei Meter hohen Müllberg. Am Rand stehen ein paar quatschende Mütter, beobachten aus der Entfernung das Geschehen.

Hinter der Müllkippe erhebt sich eine hohe Betonmauer, das Ende des Slumgebietes. Auf der anderen Seite verlaufen Bahnschienen und dahinter erheben sich mächtige Rohbauten. Das explodierende Bombay wächst in den Himmel, um der erstarkenden Wirtschaft und der steigenden Landflucht Herr zu werden - direkt neben einer Million Menschen, die im Müll ihre Hütten aufgeschlagen haben und in der giftigsten Umgebung arbeiten, die ich kenne.

Und Dharavi ist nur ein Slum Bombays von vielen.

Noch ein paar Straßenzüge, nun wieder etwas breiter, ein paar Slumszenen mehr, und wir finden den Weg hinaus aus Dharavi, betreten das Büro von „Reality Tours“, trinken heißen Chai, fragen Dillish weiter aus und spenden schließlich jeweils vierstellige Rupienbeträge für kostenlose Kindergartenplätze, Englisch- und PC-Kurse. Diese Kenntnisse sind die Eintrittskarte in die Welt der besseren Jobs der Stadt, eine echte Chance auf Veränderung.



Die Rückfahrt ist ruhiger - wir schweigen größtenteils, in unseren Eindrücken versunken.



Den Nachmittag verbringe ich auf Empfehlung meines ehemaligen Geschichtslehrers im „Prince of Wales Museum“, einem imposanten Bau aus englischer Zeit mit wunderschönem Garten, stilistisch zwischen gotischer Kirche und orientalischem Palast, mitten in der Innenstadt.

Der Besuch ist sehr aufschlussreich und soll mir langfristig noch sehr nützlich sein, Feinheiten der indischen Kultur besser zu verstehen und mit Detailwissen über die hinduistische Götterwelt zu punkten.



Ein Hauch von Dharavi bleibt meinem Gemüt jedoch den ganzen Tag anhaften, vielleicht sogar bis heute. Die Menschen mögen komfortabler leben als ich erwartet habe, im Sinne von Grundversorgung und Arbeitsorganisation. Dennoch leben sie in einer Welt, die uns in jeglichen Aspekten unerträglich erscheinen würde.

Und vielleicht ist das Schockierendste an der ganzen Erfahrung, mit was für einer selbstverständlichen Normalität die Menschen dort ihren Alltag bestreiten. Die kleinen Sorgen, die unseren Geist von Zeit zu Zeit belasten, sind lächerlich im Vergleich. Gebettelt wurde übrigens kein einziges mal.



Und so bin ich auch nicht außer mir vor Wut oder Trauer, als mein Zug nach Varanasi am Abend mit 16 Stunden Verspätung angekündigt wird. Stattdessen fahre ich zurück zum Hotel und nehme am nächsten Tag den Bus nach Pune - früher als geplant zwar, aber voller Vorfreude auf die neue Stadt, mein Zuhause für die nächsten zwei Monate.