Freitag, 13. Januar 2012

Working in Pune


Seit dem 03.01. arbeite ich nun bei ZF India als Praktikant im Human Resources Department.

Glücklicherweise befinden sich die Muttha Towers, ein wuchtiges Hochhaus, das die Headquarters von ZF India beherbergt, ganz in der Nähe von Brahma Sun City, sodass ich mit dem gemächlichen Roller gerade mal 10 Minuten zur Arbeit brauche, in der Rush Hour etwas mehr.


Mein erster Tag verläuft sehr smooth. Zunächst einmal bin ich beeindruckt von den spiegelnd glitzernden Bürokomplexen, die in diesem Teil Punes in den Himmel wachsen. Neben den Muttha Towers befinden sich weitere stahlblaue Quader aus Glas und Beton, und von der anderen Strassenseite her trotzt uns eine mächtige IBM-Festung entgegen. Überall stehen Wachmänner in blauen Uniformen und mit milimetergenau gestuzten Schnauzbärten an den Zufahrten, Schranken und Gitterportalen.

Mit einem Lächeln wird mir Zutritt gewährt, ohne weitere Fragen – ein Weisser in Anzug und Krawatte kommt hier überall hin.

Und doch wieder das gleiche Bild: Rund um die Kolosse der Moderne brandet eine nicht enden wollende Flut von braun-grauen Wellblechhütten und Unterklassebehausungen. Das Slum um die Muttha Towers herum ist das größte in Pune und beherbergt Zehntausende von Menschen. Egal wo man bei ZF aus dem Bürofenster blickt, die Gegensätze könnten nicht krasser sein.

Die gläserne Front und die weitläufige marmorne Eingangshalle der Muttha Towers dagegen sind auf Hochglanz poliert, im Gebäude herrschen konstant heruntergekühlte 20 Grad Celsius.

Ich drücke den Fahrstuhlknopf und warte darauf, dass eine der vier Kabinen zu mir herunterkommt.

Die Tür geht auf, im Innern sitzt ein Inder neben der Bedienkonsole auf einem Hocker.

„Which company, Sir?“

ZF. Er drückt die 4. Aus den Aufzuglautsprechern dudelt eine Panflötenversion von Céline Dions Titanic-Hit „My Heart will go on“, während ich über die Beschäftigungsnotwendigkeit und Arbeitsbefriedigung von Liftboys nachdenke.

Dann fällt mir wieder ein, was ich vor kurzem in „Culture Shock India“ gelesen habe: Ein Überbleibsel aus dem offiziell abgeschafften Kastenwesen ist die strikte Trennung von körperlicher und mentaler Arbeit. Je weniger man selbst physisch tun muss, desto höher der Status. Deshalb haben wir jemanden, der uns die Knöpfe im Lift drückt und beschäftigen Sandibh, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als Kaffee und Tee für uns Sesselfurzer zu kochen und zu servieren – und ich dachte, ich wäre hier der Praktikant!

Wirklich grotesk wird es aber erst dann, wenn neue Bilder und Tafeln aufgehängt werden müssen, und fünf Manager mit den Händen in den Hüften zuschauen wie Sandibh auf einem wackeligen Stuhl die Plakate balanciert, und sie hier und da noch ein paar Tipps oder Korrekturvorschläge einwerfen.

Als ich am ersten Tag meinen Laptop aufbauen wollte, wurde ich regelrecht mit Gewalt davon abgehalten, den Adapter in die Stromleiste einzustecken, und bevor ich wusste, was geschah, war auch schon Sandibh auf Hindi herbeigeordert und an meiner Statt unter den Tisch geschickt worden – perplexer als in dem Moment hat mich Indien bisher nie wieder gemacht!

Ich blicke gedankenverloren an die Decke - hier hat sogar jeder einzelne Fahrstuhl eine eigene Klimaanlage, fällt mir auf, dann bin ich auch schon wieder draussen.

In der linken Hälfte des vierten Stocks befindet sich mein Ziel. Auf einer Glasfront lese ich „ZF India Pvt. Ltd.“ und trete in einen Empfangsraum mit zwei weiteren freundlichen Wachmännern in Uniform hinter einem hellbraunen Schreibtisch.


Ein Termin mit Mr. Badal? Aber natürlich. Ich werde unverzüglich in ein Besprechungszimmer hofiert, bekomme Tee von Sandibh serviert und werde gebeten zu warten, Herr Badal ist noch nicht da. Es ist 9:30 Uhr. Ich schaue mich um.

Die Hälfte der Arbeitsplätze, die ich von hier aus im modern eingerichteten Großraumbüro überblicken kann, sind immer noch leer. Und ich dachte schon, ich wäre spät dran. Indische Arbeitszeiten sind in der Tat sehr langschläferfreundlich, dafür bleibt man aber auch viel länger als in Deutschland.

Name, Wohnort, Grund des Besuchs, Uhrzeit, Telefonnummer – alles wird händisch vom Wachpersonal in ein grosses Buch eingetragen, elektronisches Stempeln wird hier nicht praktiziert.

Ich lasse den Blick weiter schweifen. Es sieht tatsächlich sehr nach ZF aus: Das Besprechungszimmer ist medial einwandfrei ausgestattet, und an der Wand hängen die mir bekannten großflächigen Fotografien von Getrieben, Schaltungen, und anderen ZF-Produkten, dazu das Leitbild „Give me 5“ mit detaillierten Ausführungen zu Werten, Vision, Identität, Verantwortung und Kultur des Unternehmens.

Ich geniesse meinen Tee, schreibe, beobachte wie nach und nach Büroangestellte hereinspazieren, die meisten mit einem Rucksack über der Schulter und einem Motorradhelm in der anderen Hand.

Um 10 Uhr kommt Herr Badal, begrüßt mich herzlich und heisst mich bei ZF India willkommen. Da er erst heute aus dem Urlaub zurück ist, bittet er mich, nochmals zu warten, bis er mit der Runde bei seinen Mitarbeitenden fertig ist.

Um 11 Uhr kommt Herr Badal zurück, und nimmt sich eine komplette Stunde für mich Zeit. Wir sprechen über meinen bisherigen Aufenthalt, über Deutschland und die Schweiz. Herr badal ist verheiratet und einen zweijährigen Sohn - meine Schweizer Schokolade als Gastgeschenk kommt demnach sehr gut an.

Nach dem Smalltalk geht es um den strukturellen Aufbau der hiesigen Organisation, die aktuellen Projekte, meine Erwartungen und Einsatzmöglichkeiten.

Ich freue mich darauf, in wichtige Projekte im Personalmarketing eingebunden zu sein. Diese Woche werde ich eine Präsentation über die ZF Group und deren relativ junge Tochter ZF India erstellen, um die Karrieremöglichkeiten für Jungakademiker, vor allem im technischen Bereich, aufzuzeigen. Damit fahren wir dann zu verschiedenen lokalen Hochschulen, um die Bachelorabsolventen für eine Karriere bei ZF zu begeistern und in ersten Gruppendiskussionen direkt für den weiteren Bewerbungsprozess vorzuselektieren.

Ausserdem werde ich interne Policies ausarbeiten, schriftliche Vereinbarungen über die indischen Sicherheitsstandards, (inter)nationale Reisebestimmungen, und die allererste allgemeine Betriebsordnung für den Standort Pune.

Von meinen Mitbewohner arbeiten viele im Marketing, ihre Internationalität soll den Firmen helfen, global Fuß zu fassen, meistens durch telefonische Kundenaquise im jeweiligen Heimatland des Praktikanten. Aber nicht alle sind so zufrieden wie ich. Bei manchen indischen Firmen sind die Arbeitsbedingungen sehr kontraproduktiv, in einigen Fällen gibt es weder PCs noch Internet, und dazu fällt noch regelmäßig der Strom aus. Andere haben einen Anfahrtsweg von fast einer Stunde, müssen über Überlandstraßen und Trampelpfade ihren Arbeitsplatz erreichen.

Unsere Kollegen aus der anderen Wohnung klingen im Grossen und Ganzen zufrieden mit ihren Jobs. Sie verdienen zwar kein Geld in ihren sozialen Projekten, freuen sich jedoch über weit entspanntere Arbeitszeiten und hohen kulturellen Austausch, z.B. beim Unterrichten von indischen Schulkindern in Englisch und Naturwissenschaften, oder bei der Aufklärungsarbeit über HIV und andere Gesundheitsthemen mit der unterpriviligierten und wenig gebildeten Bevölkerung, deren unheimliche Gastfreundschaft ihresgleichen sucht.

Allein Ibrahim aus Ägypten lässt seiner Frustration manchmal freien Lauf. Er ist Teil eines Teams, das das Slum nahe den ZF-Büros täglich mit einem Übersetzer im Schlepptau aufsucht, Interviews führt und Fotos von den Familien macht. Dieses Material wird dann in einem zweiten Schritt aufgearbeitet und soll für eine Fundraising-Kampagne verwendet werden, um die Situation der Menschen nachhaltig verbessern zu können.

„Mann, die wollen da nicht mal raus! Ganz ehrlich, den meisten geht es super gut dort! Die haben Strom, fliessend Wasser, TV-Anschluss... Zugegeben, sie leben beengt zusammen, aber in der AIESEC-Wohnung zu siebzehnt ist’s auch nicht viel besser im Moment, und die kennen es ja nicht anders. Du kannst es dir nicht vorstellen, aber es ist echt verdammt schwer, im Slum ein Foto von einem unglücklichen Kind zu schießen. Guck hier! Die grinsen alle bis über beide Ohren und wollen mit uns Cricket spielen. Und manche von Typen da haben gut bezahlte Jobs bei IBM als Programmierer. Wie sollen wir denn da Mitleid erregen?!“

Tatsächlich ist kaum jemand wirklich unzufrieden. Aber das liegt auch daran, dass dem Großteil der Bevölkerung die Einsicht fehlt, welche langfristigen Gefahren im Slum lauern, sowohl durch die soziale Stigmatisierung, die sich nachteilig auf dem Arbeitsmarkt auswirkt, als auch durch die Normalität des täglichen Alkoholkonsums, der Kriminalität, der Unterschätzung der Wichtigkeit von Bildung und der Unkenntnis von medizinischen Grundzusammenhängen.

Ein anderer Slumarbeiter hat mir vor ein paar Tagen erzählt, wie er einer Frau erklären wollte, warum man Wasser abkochen, verdorbenes Essen vermeiden und Körperhygiene pflegen sollte. Seine Gesprächspartnerin wusste nicht einmal, was „gesund“ überhaupt bedeutet.

„Das heisst“, versuchte er zu umschreiben, „dass man länger lebt.“

„Länger leben? Wozu denn das?“, war die fatalistische Antwort. In ihrem Mindset machte es mehr Sinn, auf eine glücklichere Wiedergeburt zu warten.

Solche Begegnungen zeigen, dass Armut alleine nicht das Problem ist. Tatsächlich wurden einigen Slumbewohnern in Pune im Rahmen eines sozialen Projektes vor ein paar Jahren kostenlose Wohnungen in besseren Gegenden vom Staat gestellt. Die Aktion kam super bei der Slumbevölkerung an, jedoch stellt man nach ein paar Monaten fest, dass kaum jemand umgezogen war. Stattdessen waren die schicken Wohnungen einfach als zusätzliche Einnahmequelle von den glücklichen Besitzern vermietet worden.

Eine wirkliche Veränderung wird wohl ihre Zeit brauchen, und die gesammelten Spenden sollen darum auch nicht an die Familien (und damit oftmals direkt an den nächsten Schnapsladen) gehen, sondern in nachhaltige Aufklärungsprojekte investiert werden.

1 Kommentar:

  1. Hallo Willi, viele Grüße vom "langweiligen" Bodensee. Du schreibst unglaublich toll, es ist schön, deine Erlebnisse aus der Ferne verfolgen zu können.

    Ganz liebe Grüße
    Margit

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