Donnerstag, 19. Januar 2012

Hampi I


Umgeben von Bananenplantagen, Kokosplamen und pastellroten Felsen liegt die überschaubare friedfertige Stadt Hampi mit ihren einladenden Obstständen, Handwerksläden und Dachrestaurants. Die Hauptstraße führt zur großen Tempelanlage im Westen, deren dominierender Hauptturm aus dem 7. Jahrhundert die gesamte Stadt überblickt, und im Norden grenzt ein breiter Fluss an die Siedlung, in dem der hiesige Tempelelefant jeden Morgen ein ausgiebiges Bad nimmt.
Es riecht nach frischen Früchten, Sandelholz und Chai; aus einer schmalen Gasse dringen indigene Trommelrhythmen und eine melodische Bambusflöte, und ich bin überrascht wie wenig Touristen zu sehen sind. Außer einer älteren Schwedin, die ich im Bus kennengelernt habe, sind im Stadtbild keine Weißen zu sehen, vermutlich alle in Goa, das auf gleicher Höhe wie Hampi liegt, aber an der Küste des Arabischen Meeres, ca. 250 Kilometer westlich.
Ich beginne den Tag wie ich jeden guten Tag in einer neuen Stadt beginne – mit einem süßen heißen Chai. Der Ausblick vom bunt gestrichenen Dachrestaurant ist fantastisch, die Sonne wärmt angenehm die müden Glieder, und die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt, ist Balsam für meine Seele nach der anstrengenden Reise.

Ich habe mit vielen darüber gesprochen, was dieses Fleckchen Erde so besonders macht: vielreisende Touristen, andere Praktikanten, Inder aus den großen Städten sowie Einheimische, die nie aus der näheren Umgebung heraus gekommen sind – und für jeden hat Hampi eine besondere Bedeutung, ist für einige gar gleichzusetzen mit dem Taj Mahal in Agra oder dem goldenen Tempel in Amritsar. Es ist nicht nur die idyllische Natur, das reiche kulturelle Erbe oder das angenehme Klima, es ist das, was dieser magische Ort unmerklich mit einem anstellt. Er legt einen zeitlosen Zauber auf jeden, der hier verweilt und die Aura von gleichsam Schönheit und Vergänglichkeit in sich aufzunehmen vermag.

Ich besichtige den zentralen Virupaksha-Tempel, der vor indischen Schulklassen nur so wimmelt, von denen manche anscheinend sehr selten weiße Menschen zu Gesicht bekommen. Dreißig Münder schreien mir „Hi! How are you? What is your name?“ entgegen, unzählige Hände winken oder wollen mit mir einschlagen, während sie im Gänsemarsch hinter ihren Lehrern einhertrotten. Selbst letztere kommen aufgeregt auf mich zu, erzählen von ihren Fächern und wollen mehr über Europa wissen. Die Ausflügler stammen alle aus Karnataka und fahren noch am selben Tag wieder zurück.

Ich reihe mich in die halbwüchsige Pilgerherde ein, besuche das innere Heiligtum, und bekomme für eine kleine Spende einen Segen vom Tempelelefanten in Form eines behutsamen Kopftätschelns mit dem Rüssel.


Mit umgerechnet zwei Schweizer Franken besteche ich einen Aufseher, der mir daraufhin Zutritt zum 50-Meter hohen Hauptturm gewährt. Aus dem Kindermeer geht es im stockfinsteren Treppenhaus über abgelaufene schräge Steinstufen und staubige Steinplatten nach oben. Je höher ich komme, desto enger wird der Gang, weil der Turm nach oben spitz zuläuft und sich die Treppe an der Außenmauer orientiert. Dann stehe ich schließlich in einem quadratischen Raum mit zwei diametralen Öffnungen nach draußen. Die Aussicht ist fantastisch.
Bevor die es zu spät ist, beeile ich mich jedoch, wieder nach unten zu kommen, lasse die überall herumspringenden frechen Affen beiseite, und genieße den Sonnenuntergang auf den Felsen nahe einer massiven Ganeesh-Statue (der Gott mit dem Elefantenkopf, der Glück für jegliche Vorhaben und Reisen gewährt und darum in jedem Taxi an Mittelkonsole oder Rückspiegel zu finden ist). Während auf der einen Seite der goldene Feuerball zwischen Tempelbauten und dem dunkelgrünem Palmendickicht versinkt, beginnen auf der gegenüberliegenden Seite die Felsen tiefrot zu glühen. Eine unbeschreibliche Atmosphäre!

Zurück in der Stadt werde ich von einem Straßenhändler namens Babu angesprochen. Trotz meiner wohltrainierten Versicherungen, dass ich nichts zu kaufen beabsichtige, bleibt er an meiner Seite. „Heute ist eh nicht viel los. Dann kann ich genauso gut mit dir herum gehen und dir die Stadt zeigen. No shopping.“ Zuerst bin ich misstrauisch, dann denke ich: Warum eigentlich nicht. Was kann man schon entdecken, wenn man immer nur im sicheren Hafen bleibt?

Babu beginnt, mir mehr über den Ort und seine Geschichte zu erzählen, zeigt mir heilige Saibabas, die den staunenden Kindern verblüffende Zaubertricks präsentieren, und führt mich durch die Läden, die ich sehen will. Sandelholzöl, Klangschalen, Götterfiguren – alles lasse ich mir zeigen und erklären, erstehe jedoch nichts.
Zuletzt besuchen wir einen Laden für Musikinstrumente, der junge aufgeregte Verkäufer ist ganz außer sich, will mir von Bongotrommel bis Didgeridoo das komplette Arsenal an Fußgängerzonenequipment aufschwatzen. Ich zeige mich jedoch allein an einer kleinen bauchigen Flöte in Schildkrötenform interessiert.
Natürlich ist diese die letzte im Angebot, darüber hinaus mit einer hohen persönlichen Bedeutung für den Verkäufer verbunden und von ausgezeichneter Qualität, handbemaltes Terrakotta. Noch bevor er seine Geschichte zu Ende gespult hat, nehme ich ihm das Ding aus der Hand. „Handbemaltes Terrakotta? Das ist eine Plastikflöte mit einem Papiersticker drauf. Nein Danke!“ Der Verkäufer entgegnet mit einem ertappten Grinsen „Aber trotzdem immer noch sehr schön, oder nicht?!“ Wir müssen alle drei lachen.
Als auch ihm klar wird, das ist nichts kaufen werde, wird die Situation entspannter und unsere Gespräche authentischer. Für den abendlichen Jahreswechsel lädt er mich zu einer Jam-Session in eines der Dachrestaurants ein.
Auch Babu ist sichtlich froh über unsere Begegnung – trotz meiner Sparsamkeit. Auf dem Rückweg lädt er mich für den folgenden Tag zu sich nach Hause zum Mittagessen ein und schneidet erstmals auch persönliche Gesprächsthemen an. Er ist in der Nähe von Hampi aufgewachsen, 36 Jahre alt und bereits Großvater. Er hat mit 17 geheiratet und seine Tochter mit 16 Jahren verheiratet.
„In eine gute Familie?“ Oh Gott, habe das gerade wirklich ICH gefragt? Das ist ja erschreckend wie schnell man sich an die Normalität der arrangierten Ehe gewöhnt.
Dem strahlenden Babu hingegen scheint die Nachfrage ausgesprochen gut zu gefallen. Stolz berichtet er „Aber ja! Es sind meine Nachbarn, eine sehr respektable Familie. Und so kann ich immer schnell nach dem Rechten sehen, wenn ich zuhause bin.“
Er begleitet mich noch bis zu dem Restaurant, das mir mein Reiseführer empfiehlt, dann verabschieden wir uns, bis morgen. Das Büchlein hat tatsächlich nicht gelogen, The Mango Tree ist ein wunderschönes ambientiges Lokal im Schutze des riesigen namengebenden Mangobaumes. Versteckt zwischen Bambuswäldchen, Bananenstauden und Kokospalmen sitze ich mit Blick auf den nachtschwarzen Tungabhadra River unter bunten Lichterketten, schlürfe meine Chai, koste das ausgezeichnete Alu Paneer, schreibe, lasse den Abend ausklingen.


Gegen 23 Uhr finde ich mich in besagtem Dachrestaurant zur Jam-Session ein, gebe dem freudigen Verkäufer von zuvor die Hand und nehme auf der ausgedehnten Kissenlandschaft Platz, die bereits von zwei Dutzend Indern und weißen Hippies bevölkert wird. Die halbe Ausstattung aus dem Geschäft für Musikinstrumente findet sich hier wieder, jeder kann alles einmal ausprobieren, oder einfach zurücklehnen und die wilden Klänge der Gitarren, Flöten, Didgeridoos, Trommeln und Sitars genießen. Man musiziert zusammen, tauscht Reiseerfahrungen und andere Anekdoten aus, verlebt einen entspannten Jahreswechsel zusammen...

2 Kommentare:

  1. Herrlich, man glaubt dabeigewesen zu sein, authentisch und glaubwürdig wirkt diese Beschreibung allemal. Wir warten mit Spannung auf den nächsten Bericht. VLG. Die Baumbarts.

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  2. Ein sehr abwechslungsreicher spannender letzter Tag im Jahr 2011, den du da erlebt hast!
    (Mir gefällt besonders das Sonnenuntergang-Bild - und, dass alle Inder so gastfreundlich und herzlich sind ;) )

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