Umgeben von Bananenplantagen, Kokosplamen und pastellroten Felsen liegt die überschaubare friedfertige Stadt Hampi mit ihren einladenden Obstständen, Handwerksläden und Dachrestaurants. Die Hauptstraße führt zur großen Tempelanlage im Westen, deren dominierender Hauptturm aus dem 7. Jahrhundert die gesamte Stadt überblickt, und im Norden grenzt ein breiter Fluss an die Siedlung, in dem der hiesige Tempelelefant jeden Morgen ein ausgiebiges Bad nimmt.
Es riecht
nach frischen Früchten, Sandelholz und Chai; aus einer schmalen Gasse dringen
indigene Trommelrhythmen und eine melodische Bambusflöte, und ich bin
überrascht wie wenig Touristen zu sehen sind. Außer einer älteren Schwedin, die
ich im Bus kennengelernt habe, sind im Stadtbild keine Weißen zu sehen,
vermutlich alle in Goa, das auf gleicher Höhe wie Hampi liegt, aber an der
Küste des Arabischen Meeres, ca. 250 Kilometer westlich.
Ich beginne
den Tag wie ich jeden guten Tag in einer neuen Stadt beginne – mit einem süßen
heißen Chai. Der Ausblick vom bunt gestrichenen Dachrestaurant ist fantastisch,
die Sonne wärmt angenehm die müden Glieder, und die Ruhe, die dieser Ort
ausstrahlt, ist Balsam für meine Seele nach der anstrengenden Reise.
Ich habe
mit vielen darüber gesprochen, was dieses Fleckchen Erde so besonders macht:
vielreisende Touristen, andere Praktikanten, Inder aus den großen Städten sowie
Einheimische, die nie aus der näheren Umgebung heraus gekommen sind – und für
jeden hat Hampi eine besondere Bedeutung, ist für einige gar gleichzusetzen mit
dem Taj Mahal in Agra oder dem goldenen Tempel in Amritsar. Es ist nicht nur
die idyllische Natur, das reiche kulturelle Erbe oder das angenehme Klima, es
ist das, was dieser magische Ort unmerklich mit einem anstellt. Er legt einen
zeitlosen Zauber auf jeden, der hier verweilt und die Aura von gleichsam
Schönheit und Vergänglichkeit in sich aufzunehmen vermag.
Ich
besichtige den zentralen Virupaksha-Tempel, der vor indischen Schulklassen nur
so wimmelt, von denen manche anscheinend sehr selten weiße Menschen zu Gesicht
bekommen. Dreißig Münder schreien mir „Hi! How are you? What is your name?“
entgegen, unzählige Hände winken oder wollen mit mir einschlagen, während sie
im Gänsemarsch hinter ihren Lehrern einhertrotten. Selbst letztere kommen
aufgeregt auf mich zu, erzählen von ihren Fächern und wollen mehr über Europa
wissen. Die Ausflügler stammen alle aus Karnataka und fahren noch am selben Tag
wieder zurück.
Ich reihe
mich in die halbwüchsige Pilgerherde ein, besuche das innere Heiligtum, und
bekomme für eine kleine Spende einen Segen vom Tempelelefanten in Form eines
behutsamen Kopftätschelns mit dem Rüssel.
Mit
umgerechnet zwei Schweizer Franken besteche ich einen Aufseher, der mir
daraufhin Zutritt zum 50-Meter hohen Hauptturm gewährt. Aus dem Kindermeer geht
es im stockfinsteren Treppenhaus über abgelaufene schräge Steinstufen und
staubige Steinplatten nach oben. Je höher ich komme, desto enger wird der Gang,
weil der Turm nach oben spitz zuläuft und sich die Treppe an der Außenmauer
orientiert. Dann stehe ich schließlich in einem quadratischen Raum mit zwei
diametralen Öffnungen nach draußen. Die Aussicht ist fantastisch.
Bevor die
es zu spät ist, beeile ich mich jedoch, wieder nach unten zu kommen, lasse die
überall herumspringenden frechen Affen beiseite, und genieße den
Sonnenuntergang auf den Felsen nahe einer massiven Ganeesh-Statue (der Gott mit
dem Elefantenkopf, der Glück für jegliche Vorhaben und Reisen gewährt und darum
in jedem Taxi an Mittelkonsole oder Rückspiegel zu finden ist). Während auf der
einen Seite der goldene Feuerball zwischen Tempelbauten und dem dunkelgrünem
Palmendickicht versinkt, beginnen auf der gegenüberliegenden Seite die Felsen
tiefrot zu glühen. Eine unbeschreibliche Atmosphäre!
Zurück in
der Stadt werde ich von einem Straßenhändler namens Babu angesprochen. Trotz
meiner wohltrainierten Versicherungen, dass ich nichts zu kaufen beabsichtige,
bleibt er an meiner Seite. „Heute ist eh nicht viel los. Dann kann ich genauso
gut mit dir herum gehen und dir die Stadt zeigen. No shopping.“ Zuerst bin ich
misstrauisch, dann denke ich: Warum eigentlich nicht. Was kann man schon
entdecken, wenn man immer nur im sicheren Hafen bleibt?
Babu
beginnt, mir mehr über den Ort und seine Geschichte zu erzählen, zeigt mir
heilige Saibabas, die den staunenden Kindern verblüffende Zaubertricks
präsentieren, und führt mich durch die Läden, die ich sehen will. Sandelholzöl,
Klangschalen, Götterfiguren – alles lasse ich mir zeigen und erklären, erstehe
jedoch nichts.
Zuletzt
besuchen wir einen Laden für Musikinstrumente, der junge aufgeregte Verkäufer
ist ganz außer sich, will mir von Bongotrommel bis Didgeridoo das komplette
Arsenal an Fußgängerzonenequipment aufschwatzen. Ich zeige mich jedoch allein
an einer kleinen bauchigen Flöte in Schildkrötenform interessiert.
Natürlich
ist diese die letzte im Angebot, darüber hinaus mit einer hohen persönlichen
Bedeutung für den Verkäufer verbunden und von ausgezeichneter Qualität,
handbemaltes Terrakotta. Noch bevor er seine Geschichte zu Ende gespult hat,
nehme ich ihm das Ding aus der Hand. „Handbemaltes Terrakotta? Das ist eine
Plastikflöte mit einem Papiersticker drauf. Nein Danke!“ Der Verkäufer
entgegnet mit einem ertappten Grinsen „Aber trotzdem immer noch sehr schön,
oder nicht?!“ Wir müssen alle drei lachen.
Als auch ihm
klar wird, das ist nichts kaufen werde, wird die Situation entspannter und
unsere Gespräche authentischer. Für den abendlichen Jahreswechsel lädt er mich
zu einer Jam-Session in eines der Dachrestaurants ein.
Auch Babu
ist sichtlich froh über unsere Begegnung – trotz meiner Sparsamkeit. Auf dem
Rückweg lädt er mich für den folgenden Tag zu sich nach Hause zum Mittagessen
ein und schneidet erstmals auch persönliche Gesprächsthemen an. Er ist in der
Nähe von Hampi aufgewachsen, 36 Jahre alt und bereits Großvater. Er hat mit 17
geheiratet und seine Tochter mit 16 Jahren verheiratet.
„In eine
gute Familie?“ Oh Gott, habe das gerade wirklich ICH gefragt? Das ist ja
erschreckend wie schnell man sich an die Normalität der arrangierten Ehe
gewöhnt.
Dem
strahlenden Babu hingegen scheint die Nachfrage ausgesprochen gut zu gefallen.
Stolz berichtet er „Aber ja! Es sind meine Nachbarn, eine sehr respektable
Familie. Und so kann ich immer schnell nach dem Rechten sehen, wenn ich zuhause
bin.“
Er
begleitet mich noch bis zu dem Restaurant, das mir mein Reiseführer empfiehlt,
dann verabschieden wir uns, bis morgen. Das Büchlein hat tatsächlich nicht
gelogen, The Mango Tree ist ein wunderschönes ambientiges Lokal im Schutze des
riesigen namengebenden Mangobaumes. Versteckt zwischen Bambuswäldchen,
Bananenstauden und Kokospalmen sitze ich mit Blick auf den nachtschwarzen
Tungabhadra River unter bunten Lichterketten, schlürfe meine Chai, koste das
ausgezeichnete Alu Paneer, schreibe, lasse den Abend ausklingen.
Gegen 23
Uhr finde ich mich in besagtem Dachrestaurant zur Jam-Session ein, gebe dem
freudigen Verkäufer von zuvor die Hand und nehme auf der ausgedehnten
Kissenlandschaft Platz, die bereits von zwei Dutzend Indern und weißen Hippies
bevölkert wird. Die halbe Ausstattung aus dem Geschäft für Musikinstrumente
findet sich hier wieder, jeder kann alles einmal ausprobieren, oder einfach
zurücklehnen und die wilden Klänge der Gitarren, Flöten, Didgeridoos, Trommeln
und Sitars genießen. Man musiziert zusammen, tauscht Reiseerfahrungen und
andere Anekdoten aus, verlebt einen entspannten Jahreswechsel zusammen...
Herrlich, man glaubt dabeigewesen zu sein, authentisch und glaubwürdig wirkt diese Beschreibung allemal. Wir warten mit Spannung auf den nächsten Bericht. VLG. Die Baumbarts.
AntwortenLöschenEin sehr abwechslungsreicher spannender letzter Tag im Jahr 2011, den du da erlebt hast!
AntwortenLöschen(Mir gefällt besonders das Sonnenuntergang-Bild - und, dass alle Inder so gastfreundlich und herzlich sind ;) )