Mittwoch, 18. Januar 2012

Der verrückte Rikscha-Fahrer Sanjay und der Höllenritt nach Hampi

Der 30. Dezember war geprägt von internen Beratschlagungen darüber, wo wir, die aus aller Welt gestrandeten Praktikanten, Silvester verbringen sollten.

Eine Strömung favorisierte Goa, das aber sicherlich überfüllt und teuer sein würde, eine andere Fraktion wollte in einem Strandhotel in Bombay den Jahreswechsel feiern.

Dies war mein dritter Tag in Pune, und mit überteuerten Taxis und ohne Übernachtungsmöglichkeit wieder zurück nach Bombay zu fahren, war nicht unbedingt mein Herzenswunsch, sodass ich mich vorerst zur Gruppe der Unentschlossenen gesellte.

Noch drei freie Tage bis zum Arbeitsbeginn bei ZF India – diese Ressource kann ich doch nicht einfach für ein simples kalendarisches Phänomen verschwenden. Um 21 Uhr stand mein Entschluss fest: Ich fahre nach Hampi, die einstmalige Hauptstadt eines vormals äußerst mächtigen südindischen Hindu-Reiches, das mit wunderschönen Landschaften und imposanten Sakralbauten eine unglaubliche Atmosphäre erzeugt, und mir mehrfach von Indern und Europäern empfohlen wurde – es sollte mein bisher bester Trip werden...

Um 22 Uhr bin ich mit gepackten Sachen auf dem Weg zum Rikscha-Stand, als plötzliche ein wild hupendes Exemplar vor dem Nachbarhaus hält und einen Fahrgast entlässt. Froh über den Zufall marschierte ich direkt auf das schwarz-gelbe Gefährt zu und schüttle einem breit grinsenden Inder die Hand, der mich bereits auf den ersten Blick an Prabaker aus dem Buch Shantaram erinnert – die Analogie sollte sich auf der Fahrt noch weiter festigen.

Die einzige Information, die ich so kurzfristig aus dem Internet ziehen konnte, ist, dass ein Bus nach Hospet, das liegt ca. eine halbe Stunde von Hampi entfernt, vom Busbahnhof Swargate aus um 23 Uhr abfahren soll.

Ich versuche dem Fahrer, dessen Name nicht Prabaker ist, sondern Sanjay, meine Destination klarzumachen, bin mir aber immer noch nicht sicher, ob er sie wirklich verstanden hat, als wir bereits knatternd durch das nächtliche Pune düsen.

Sein Englisch ist sehr begrenzt, aber das tut seiner freudig-offenen Art keinen Abbruch - im Gegenteil werden die Gespräche dadurch viel direkter:

„You children? No? You married? No? Good! Married dangerous!”

Er lacht lauthals auf und greift dabei meine Hand.

„Married very dangerous! No fucking, only cost money! Me wife and me fighting all the time! I say: fucking, she say: no, no, no!”

Er wedelt drohend mit dem Zeigefinger, seine Ehefrau imitierend, dann lässt er wieder ein sich überschlagendes Gluckern hören und packt meine Hand, um sicherzustellen, dass ich die Pointe auch mitbekommen habe.

Meine erste Reaktion ist eine Art peinlicher Berührung und ein verwirrtes Kopfnicken ob der soeben offenbarten Intimitäten von einem komplett Fremden, dann entscheide ich mich dafür, einfach mit einzusteigen, und Sanjays abstruse, jedoch immer anzügliche Gesprächsthemen mit aufrichtiger Neugier und vergnügten Kommentaren zu verfolgen.

Er ist kaum zu stoppen im Erzählen, Lachen und Imitieren. Wortwörtlicher Höhepunkt der Fahrt ist die Demonstration seiner vielseitigen Stellungskenntnisse, zuletzt inklusive Gestöhne mitten auf einer vielbefahrenen Kreuzung, eine Hand am Lenkrad, die andere in seine Haare vergraben, die Augen lassiv nach hinten verdreht, das Becken im Sitz aufgebäumt und auf Höhe der Rückspiegel rhythmisch kreisend und stossend. Wie wir diese Verkehrssituation unbeschadet überstanden haben, ist mir bis heute immer noch ein Rätsel, aber für den Moment bin ich prächtig amüsiert.

In Swargate angekommen reihe ich mich in die Schlange zu einem Ticketschalter ein. Die Schilder und Hinweistafeln sind leider alle auf Hindi, sodass ich keine Ahnung habe, ob ich richtig stehe, während mir so langsam die Zeit davon läuft. Die Verhandlungen an der Kasse ziehen sich unangenehm in die Länge, und als ich endlich an dritter Stelle bin, frage ich zur Sicherheit den Kunden vor mir nach dem Bus nach Hospet.

Inzwischen habe ich gelernt ich, nach welchen äußeren Merkmalen man Ausschau halten muss, um eine gute Chance auf englischsprachige Hilfe zu bekommen. Der Mann vor mir trägt schwarze Business-Schuhe, eine saubere Hose, ein gebügeltes Hemd, eine feingliedriges Brillengestell und hat einen modischen Haarschnitt – sicherlich ein Büroangestellter. Meine Intuition lässt mich nicht im Stich.

Leider gibt es jedoch heute Abend keinen Bus nach Hospet. Stattdessen soll ich den nach Hubli nehmen und von dort aus nach Hospet umsteigen. Ich frage nach dem Abfahrtssteg. Anstatt mir einfach die Nummer zu nennen, tritt der Mann ohne Umschweife aus der Schlange heraus, in der ER der nächste Kunde gewesen wäre, und führt mich bis zum anderen Ende des Busbahnhofs, klärt den Busfahrer in der Landessprache über meine Situation auf, und wünscht mir händeschüttelnd noch alles Gute für die Reise - weder zum ersten noch zum letzten Mal bin ich über die Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit völlig fremder Inder erstaunt. In Europa wäre das sicherlich anders gelaufen...

Was nun folgt, ist die schlimmste Busfahrt meines Lebens. Die nächtlichen 430 Kilometer, die ich eigentlich im gemütlichen Touribus mit kippbarer Rückenlehne verschlafen wollte, sitze ich nun auf der harten Holzbank eines alten staatlichen TATA-Busses ab.





Zugegeben, umgerechnet 5 Euro für diese Strecke ist kein schlechter Deal, aber welchen Preis meine Knie noch zahlen werden, ist auch noch nicht absehbar. Ein weiterer taktischer Fehler besteht darin, dass ich mich ganz nach hinten in die letzte Bank setze – die Katapultposition. Denn Stoßdämpfer, Aufhängung und Federung des Kastenwagens scheinen aus feudalischer Zeit zu stammen: Jede Unebenheit, jeder Geschwindigkeitsbegrenzungshubbel, jedes Kieselsteinchen lässt sich seismographisch genau mit dem Hinterteil ablesen – analog und in Echtzeit, und in der hintersten Reihe durch den Hebeleffekt sogar noch potenziert.

Ich möchte die Reisezeit wenigstens dazu nutzen, meine Begegnung mit Sanjay stichwortartig festzuhalten, doch auf dem Papier bleibt aufgrund dem Geschaukel nur unlesbares Gekrakel zurück. Das ist doch mal eine echte Motivation, sich für ein Unternehmen wie ZF einzusetzen, das Fahrkomfort auf höchster Qualität ermöglicht. Na gut, dann warte ich eben auf bessere Strassen als hier in Stadt. Nach einer halben Stunde erreichen wir endlich die Autobahn. Ich packe ungeduldig mein Notizbuch aus, setze den Stift an und höre einen schrillen Pfiff aus der Trillerpfeife des Busbegleiters. Augenblicklich gehen sämtliche Lichter aus – Schlafenszeit. Hmpf.

Der Fahrer scheint ein besonderes Talent für unerwartete Bremsmanöver zu haben, sodass meine Kniescheiben bereits nach 10 Minuten von rot zu blau wechseln, weil die viel zu eng voreinander geschweissten Sitze hinten immer noch mit einer soliden Stahlstange auf Kniehöhe verstärkt sind.

Sobald die Vorderreifen die Problemzone  passiert haben, wird aber auch schon wieder kräftig Gas gegeben, sodass wenigstens die Hinterreifen (und damit vor allem ich) was von dem Spass abbekommen.

Im ZF-Büro ist die Geschichte vom Deutschen, der mit dem staatlichen Nachtbus nach Hampi gefahren ist, bereits legendär und muss immer wieder neuen Kollegen erzählt werden. Die Strassen in Karnataka, dem Bundesstaat Hampis, gehören zu den schlechtesten von ganz Indien, hat mir einer von ihnen inzwischen anvertraut, und ja, das kann ich bestätigen!

Denn bei Vollspeed auf der Autobahn ist ein Schlagloch kein Schlagloch mehr, sondern ein regelrechtes Flugticket. Ich weiss nicht mehr wie oft ich kurz vorm Eindösen plötzlich mit dem gesamten Körper in der Luft hing, aber auf jeden Fall häufig genug, um die ganze Nacht kein Auge zu zu bekommen. Nicht nur einmal bin ich statt im Sitz auf dem Fussboden gelandet – Perspektivenwechsel auf indisch.

Dazu kommt, dass die aufschiebbaren Fensterscheiben ab einer bestimmten Geschwindigkeit automatisch nach hinten rutschen und damit den kalten nächtlichen Fahrtwind einlassen. Da ich die Gepäckbelastung möglichst reduzieren wollte und mich auf südindisches Klima vorbereitet habe, sitze ich nun also für die nächsten Stunden frierend in T-Shirt und kurzer Hose in der Dunkelheit und warte auf verdächtig scharfe Bremsmanöver, die den nächsten Abflug ankündigen könnten. Definitiv eine Erfahrung!

Meine allererste Handlung in Hampi ist  der Kauf eines Rückfahrtickets im vollklimatisierten Reisebus. Da nur noch Frauenplätze übrig sind, werde ich kurzerhand als „Mrs. Schilske“ gebucht, aber das ist mir in dem Moment auch ganz egal.

Vorher heisst es aber noch Umsteigen in Hubli, wieder mit einigen Wirrungen und Missverständnissen, bis ich schließlich im Bus nach Hospet lande, der für vier lange Stunden über die Dörfer tuckert und Horden von Kindern in blauen Schuluniformen und mit roten Bändchen im Haar zu ihren jeweiligen Lehranstalten bringt, bevor wir endlich Hospet erreichen.



So langsam kann ich Busse nicht mehr sehen, dafür wird die Landschaft außerhalb immer tropischer und faszinierender. Da der Bahnübergang einen Zug abwartet, wird aus der halben Stunde nach Hampi eine ganze, und dann bin ich endlich da – im Paradies!

2 Kommentare:

  1. Haben Tränen in den Augen, natürlich ausschließlich mitfühlende..., ha ha. Schöne Erfahrungen eines "Weissbrotes"!
    Die Baumbarts

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  2. ich habe mich köstlich amüsiert - danke, für deine lebhaften Auführungen über das indische Busfahren :D

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