Samstag, 25. Februar 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Jaipur

Und weiter geht die Reise, diesmal besorge ich mir aber zumindest noch ein Handtuch in einer von Delhis unzähligen Shoppingmalls, bevor ich mich zu meinem Sleeperbus Richtung Jaipur begebe. Denn spätestens seit Buch & Film „Per Anhalter durch die Galaxis“ sollte man wissen, dass Handtücher die wichtigsten und vielseitigsten Gegenstände unseres Planeten sind.

Die Temperaturen sind nicht besser als in der Nacht zuvor, aber mit dem Handtuch als Decke ist zumindest der Luftstrom aus den undichten Fenstern weniger aggressiv und ich schlafe für ein paar Stunden.

Früh am Morgen erreichen wir Jaipur, die Hauptstadt des Staates Rajasthan. Frühstück, Chai, Rickshaw – alles wie gehabt. Mein Hauptinteresse gilt dem Amer Fort, ca. 10 Kilometer außerhalb der Stadt, das auf einem mehrfach befestigten Berg sitzt und für die außerordentliche schöne Hindu- und Rajput-Palast-Architektur berühmt ist.

Schon auf dem Weg dorthin fallen mir die vielen Elefanten auf, die wir nach und nach überholen. Am Fuße des Berges findet sich eine ganze Herde von ihnen, teilweise mit religiösen Schutzsymbolen bemalt und alle mit Elefantentreiber und einer Passagierbank auf dem Rücken.

Immerhin 900 Rupien kostet ein Ritt bergauf bis in den Innenhof des Palastes, doch ich habe Glück: In einer großen französischen Reisegruppe geht meine Zahlungsbereitschaft einfach unter, ich werde zwischen Elefantentreibern, Ramschhändlern und Touristen treppauf weitergeschoben und mit einem Franzosen mittleren Alters auf einen Elefanten gesetzt. Er ist froh über die Gesellschaft und zu Späßen aufgelegt, und so schunkeln wir scherzend an Befestigungsmauern entlang und durch breite Tore hindurch, während unser Rüsseltier gemächlich schreitend den Aufstieg meistert. Der Elefant fühlt sich seltsam warm an, doch seine Haut ist unglaublich hart und rau.

Erbaut Ende des 16. Jahrhunderts ist das Amer Fort erstaunlich gut erhalten, selbst farbenprächtige Malereien strahlen noch mit ganzer Kraft und geben ein gutes Bild, wie es sich hier als mittelalterlicher Raja gelebt haben muss. Weite Empfangsräume, prunkvolle Privatgemächer, einladende Bäder, sogar der ehemals streng bewachte Haremsbereich (denn zumindest 9 offizielle Ehefrauen waren für das herrschende Staatsoberhaupt die unterste Norm) stammen unverändert aus alter Zeit. Darüber hinaus ist das gesamte Areal begehbar und lädt zum eigenständigen Erkunden der verwinkelten Räumlichkeiten ein.

In einer Seitengasse findet sich der mamorweiße Sila Devi Tempel zu Ehren von Kali, Göttin des Todes, des Feuers und der Zerstörung. Bis in die 70er Jahre hinein wurden hier regelmäßig Ziegen geopfert, doch auf Druck der Öffentlichkeit hat man diese Praxis inzwischen ausgelagert.

Während ich, meiner Schuhe entledigt, die Tempelstufen emporsteige, spricht mich ein Verkäufer an. Er hat einen kleinen Stand und verkauft (nun vegetarisches) Opfergut wie Blumen, Räucherwerk, geflechtete Ketten. Ich versuche ihn abzuschütteln, doch er zeigt sich sehr hartnäckig.

„First customer! Please buy, only little thing is enough.“

Ach deshalb. Der erste Kunde ist in Indien sehr wichtig, kommt ihm hier eine Art prophezeiende Funktion zu. Wenn das erste Geschäft des Tages platzt, dann steht der gesamte Tag unter einem schlechten Stern. Andererseits kann man das, sofern man früh genug aufsteht, bei vielen Transaktionen auch als Druckmittel verwenden. Denn der Verkäufer wird eher einen schlechten Deal eingehen, als ein unheilvolles Schicksal zu riskieren.

Und so erwerbe ich für eine läppische Summe zwei Stäbchen, auf die der dankbare Opfergabenvertreter zwei behutsam in Parfüme getränkte Wattebäuschchen steckt. Ich steige weiter hinauf, bestaune die kunstvoll geschmiedete silberne Eingangstür und betrete das Heiligtum. Drinnen überreiche ich meine duftenden Zahnstocher einem Priester, der diese mit feierlicher Miene der monströsen Kali-Statue zusteckt, tradionsgemäß dargestellt mit vier Armen und einer Kette aus abgetrennten Köpfen.

Ich genieße noch eine Weile das Ambiente des Palastes, lausche meinem Audioguide und beschließe dann, mich auf den Rückweg zu machen.

In Jaipur wartet der berühmte Stadtpalast mit der sagenumwobenen Hawa Mahal („Palast der Winde“) auf mich, danach wird es langsam Abend.

Ein Spezialität dieser Stadt sind die vielen traditionellen Kunsthandwerke, die in der Region produziert und hier verkauft werden. Die Hauptstraßen sind voller Läden für Götterstatuen, Marmorfiguren, Seidenschals, Teppiche, Lampen, Keramik und Parfüm.

Doch die wichtigste Einnahmequelle ist die Juwelierkunst. Sie ist die beste Indiens und darüber hinaus eine der begehrtesten der Welt.

Jaipur ist Asiens größter Exporteur von Gold-, Silber-, Diamant- und Edelsteinerzeugnissen und die Schaufenster quellen über vor Schmuck. Die wirklich exquisiten Schmuckstücke und konkurrenzlose Schnäppchen finden sich jedoch außerhalb der Stadt, in den lokalen Manufakturbetrieben. Auf Empfehlung meines brasilianischen Mitbewohners, der hier ein kunstvolles Amulett aus in Silber eingefassten Halbedelsteinen gefunden hat, nehme ich mir eine Rickshaw und besuche die umliegenden Gebiete. Ich suche nach der gleichen Fertigungstechnik, aber mit einem Ohm-Zeichen oder einer Sonne als Motiv.

Die Produzenten sind sehr nett, zeigen mir ihre Werkstätten und Arbeitsweise im Schleifen und Einpassen der Steine, doch keiner kann mir mit dem gesuchten Motiv in der gewünschten Technik weiterhelfen.

Die Zeit drängt und nach fünf ergebnislosen Abstechern versuchen wir einen letzten Juwelierladen mit eigener Produktion. Ich beschreibe dem Verkäufer, was ich suche, und er zieht umgehend einen alten Schuhkarton aus einem Schrank hervor.

Den gesamten Inhalt kippt er auf die Glastheke und meine Augen gleiten über die glitzernde Ware.

Da! Ein Medaillon ist genau, was ich suche, ein Ohm-Zeichen in einer Sonne aus Türkis und Lapislazuli.

Nun gut, die Verhandlung ist eröffnet. Aber den First-Customer-Bonus kann ich um diese Uhrzeit vergessen.

Mein Gegenspieler: Ein schleimiger Juwelier mit zurückgegelten Haaren, Schnurrbart und einem weißen Mafiaanzug, der Pablo Escobar alle Ehre gemacht hätte. Das Ziel: So wenig bezahlen wie möglich.

Professionell Feilschen kann ich spätestens seit Goa, doch in Indien muss stets auf der Hut sein. Jetzt bloß nicht zu früh Interesse signalisieren.

Ich stochere gelangweilt in dem Haufen Schmuck herum, fische wahllos Anhänger heraus und werfe sie zurück in die Unordnung.

„Setzen Sie sich doch! Möchten Sie einen Chai, Sir?“ werde ich mit gelecktem Lächeln gefragt.

Dingdingding – Runde 1: zeitliche Fixierung des Kunden durch Warten auf und Trinken eines Tees. Ich nehme an.

Sofort wird mit befehlender Geste und strengem Ton ein Mitarbeiter losgeschickt. Dann ist das künstliche Lächeln wieder da und wird auf mich gerichtet.

Ich ziehe vier bis fünf Stücke aus dem Salat, meinen geheimen Favoriten inklusive.

„Ohh, Sie haben exquisiten Geschmack, Sir!“

Dingdingding – Runde 2: Einschmeicheln.

„Ich weiß nicht. Das ist eigentlich nicht, was ich suche.“

„Aber doch, ja, sehr schöne Handarbeit, alles Unikate! Und eine Echtheitsgarantie für die Steine und das Sterlingsilber gibt es noch dazu. Eine zertifizierte Urkunde mit Geld-zurück-Garantie. Denn bei mir gibt es keine Fälschungen wie in der Stadt.“

Dingdingding – Runde 3: Abwertung der Konkurrenz

Ich nippe desinteressiert am Chai.

„Naja, aber die Farben... Da gibt es sicherlich noch schönere Exemplare.“

„Dann vielleicht als Geschenk für einen Freund? Ich habe auch wundervolle Ohrringe, zum Beispiel als Souvenir für die Mutter oder die Freundin.“

„Nein, nein. Was sind überhaupt die Preise?“

Ich zeige nacheinander auf alle ausgewählten Stücke, meinen Favoriten wohlwissentlich nicht als erste und auch nicht als letzte Anfrage. Der Preis für das Ohm in der Sonne beträgt 6000 Rupien. Damit hat er mir verraten, dass es nicht mehr als 2000 wert ist, denn zwei Drittel sind oftmals Verhandlungsspielraum.

Ich stürze den Rest meines Tee hinunter und schaue den Verkäufer weiterhin unbeeindruckt an.

„Also überzeugt bin ich nicht. Das scheint mir alles ein bisschen teuer, habe ich schon woanders billiger gesehen. Außerdem habe ich gerade erst begonnen, mich umzuschauen und bin noch für ein paar Tage in Jaipur. Ich denke, ich werde erstmal die anderen Shops besuchen und mir dort ein Bild machen. Vielleicht haben die eher, was ich suche.“

Dingdingding – Runde 4: Lügen

„Mein Freund, ich mache dir ein besonderes Angebot, Freundschaftspreis! Du bist ein vernünftiger Typ, du magst Chai, du hast Geschmack. Lass uns ein Geschäft machen!“

Zeit für den ersten Schlagabtausch.

„Naja, also das Ohm-Amulett da würde ich mitnehmen, für 1500.“

Don Schnurrbart lehnt sich lachend zurück.

„Aber nein, mein Freund, wovon soll ich leben? Ich kaufe die Steine und das Silber für 3000 und dann muss ich noch meine Arbeiter beschäftigen. Aber ich gebe dir einen Discount, weil ich dich mag. Für dich: 5000 Rupien!“

Mein Gegner strauchelt, meine Taktik zeigt Wirkung. In einem normalen Fall hätte nun das abwechselnde preisliche Aufeinanderzukommen eingesetzt, mit einem Treffen um 3000 Rupien, doch aus einem Gefühl heraus beschließe ich, alles auf eine Karte zu setzen und bei meiner Geschichte zu bleiben.

„Nein, ich sagte doch, nicht mehr als 1500. Ansonsten ärgere ich mich nur, wenn ich morgen ein billigeres oder schöneres Angebot in einer anderen Manufaktur bekomme.“

„4500 ist mein letztes Angebot. Sonst mache ich gar  keinen Gewinn.“

„Nun, das ist schade, aber in dem Fall werden wir uns wohl nicht einig. Ich bin sicher, in den anderen Shops werde ich etwas finden, dass eher meinem Geschmack entspricht. Aber vielen Dank nochmals für den Chai.“

Ich stehe von meinem Stuhl auf, hänge mir meine Reisetasche um und mache Anstalten, zu gehen. Gerade als ich nach der Türklinke greifen will, höre ich die befreienden Worte.

„OK. 1500.“

K.O.-Sieg in Runde 4. Mit knirschenden Zähnen und gänzlich ohne Lächeln zählt mein Geschäftspartner mehrmals die drei 500er Scheine durch, unterschreibt die Echtheitsurkunde und händigt mir meinen Anhänger aus, die symbolische Siegermedaille.

Just-in-Time: Mit der Rickshaw geht es direkt zum Busbahnhof, und die Zeit vor Abfahrt reicht gerade noch so... für einen letzten Chai in Jaipur.

Montag, 20. Februar 2012

4 Staedte in 4 Staaten in 4 Tagen – Delhi

Mit der erstbesten Rikshaw fahre ich vom Busbahnhof südlich hinein nach Alt-Delhi, eigentlich um das Red Fort zu besichtigen, doch noch bevor wir ankommen, bitte ich den Fahrer anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Wir haben gerade ein überaus imposantes Bauwerk hinter uns gelassen, das ich näher betrachten möchte.

Mein Reiseführer klärt mich auf, es handelt sich um Jama Masjid, die größte Moschee Indiens und eine der größten Moscheen der Welt.

Da diese aber erst ab 8 Uhr geöffnet ist, frühstücke ich vorerst in einem lokalen Restaurant. Je traditioneller, desto besser, und hier gibt es nicht einmal den Versuch einer englischsprachigen Menükarte.


Das Essen und der Chai enttäuschen mich nicht, und die Bedienung beschließt spontan, mir Gesellschaft zu leisten. Nach einem gemütlichen Smalltalk ist es dann auch spät genug für den Aufbruch.

Ich bin der erste und einzige Tourist in dem leergefegten Hof, der über 25.000 Gläubigen Platz bietet. Hier herrscht striktes Schuhverbot, und so tapse ich barfuß über den nachtkalten roten Sandstein, aber ich vermute mal, nach der eisigen Busfahrt macht das wohl auch nicht mehr viel aus.

Die Architektur ist imposant, geradezu gigantisch, und da die gesamte Anlage auf einem 9-Meter hohen Sockel gebaut wurde, überragt sie mühelos das restliche Delhi. „Moschee, die auf die Welt blickt“ bedeutet Jama Masjid übersetzt, und dieser Name ist mehr als treffend.

Gebaut von Shah Jahan, dem Großmogul von Indien Mitte des 17. Jahrhunderts, überrascht es kaum, dass seine große Leidenschaft die Architektur gewesen ist. Während ich eines der 40-Meter hohen Minarette zu einem rundum offenen Pavillon hinaufsteige, geht über der Stadt die Sonne auf – ein atemberaubender Augenblick.

Ich knipse unzählige Fotos von den weiten Arkaden, die sich über den langen morgendlichen Schatten erheben, streife durch den hohen mittigen Iwan, und sehe dem Prachtstück aus weissem und schwarzem Marmor beim Erwachen zu.

Der gesamte Norden Indiens atmet noch die Vergangenheit des Mogulreiches, das es innerhalb von drei Jahrhunderten geschafft hat, bis heute überdeutliche Spuren in Kultur und Architektur zu hinterlassen. Alle Festungen und Gräber, die ich in den nächsten Tagen besichtigen werde, inklusive dem weltberühmten Taj Mahal, stammen aus dieser prägenden Herrschaftsperiode islamischer Könige.

Auch das rote Fort gehört dazu, und mit wärmenden Schuhen an den Füssen, mache ich mich auf den Weg dorthin. Eine unmotorisierte Cycle-Rikshaw hält neben mir und überredet mich zum Einsteigen. Noch etwas, das man in Indien einfach gemacht haben muss. Der ältere Herr legt sich mächtig ins Zeug und strampelt sich einen Ast, doch die quietschende Rostlaube bleibt bei mäßiger Geschwindigkeit. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Fort, und mir kommt eine Idee. Warum eigentlich nicht?

Ich gebe ihm ein saftiges Trinkgeld, und frage ihn anschließend, ob ich selber mal probieren dürfte, das Ding zu fahren. Er wirkt erst etwas verwirrt, dann stimmt er lachend zu. Die anderen Rikshaw-Fahrer sehen ungläubig zu, wie wir die Plätze tauschen. Der anfängliche Widerstand der Pedalen ist tatsächlich schweißtreibend, doch sobald man eine bestimmte Grundgeschwindigkeit aufgebaut hat, ist es eigentlich gar nicht mehr so schwierig, diese zu halten. Bremsen dagegen schon. Vor allem bergab.

Haarscharf verfehlen wir einen Gemüsestand und kommen unter dem johlenden Applaus der wartenden Touristenführer und anderer Straßenhändler zum Stehen. Der Bremsweg war vielfach länger als erwartet, die Fahrt jedoch hat Spaß gemacht. Ich danke und gehe meiner Wege zum roten Fort, das wenige Jahre vor der Jama Masjid aus dem selben roten Sandstein erbaut wurde, und dadurch seinen Namen erhalten hat.

Mit einem Audioguide ausgerüstet streife ich durch das monumentale Bauwerk, übrigens das größte in Delhi, das seit den Plünderungen durch persische Truppen und durch stationierte britische Soldaten nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Trotzdem blieb noch viel zu sehen: Hallen für private und öffentliche Empfänge, Marmorpaläste, luxuriöse Privaträume, eine Moschee und kunstvoll angelegte Gärten lassen erahnen wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Das waffenkundliche Museum beherbergt eine erstaunliche Anzahl auch deutschen Kriegsgeräts, und die weitläufigen Parkanlagen versprühen eine herrliche Ruhe mitten im Herzen Delhis.

Ein weiteres UNESCO Weltkulturerbe ist hiermit abgehakt, und so geht es per Rikshaw für den Nachmittag nach Neu-Delhi ins Regierungsviertel. Die königliche Rajpath-Promenade, die das Arc-de-Triomphe-ähnliche India Gate mit der offiziellen Residenz des indischen Präsidenten verbindet, steht noch ganz im Zeichen des gestrigen Republic Day. Hunderte Flaggen flankieren die breite Hauptstraße, die von mehrstöckigen leeren Tribünen gesäumt ist.

Gestern hat es hier die jährliche Militärparade gegeben, inklusive Panzer und Atombomben, mit finaler Flugshow der indischen Luftwaffe. Vor dem palastartigen Herrschaftsgebäude sind immer noch ein Dutzend Militärkamele inklusive Reiter auszumachen, aber ich biege zuvor in eine Seitenallee ein, und verbringe die restlichen Stunden im „National Museum“, dem Schlüssel zu Indiens Kultur, mit Ausstellungsstücken aus über 5000 Jahren indischer Geschichte.

Die Sammlung ist beeindruckend, sprengt in Ihrer Vielseitigkeit jedoch den Rahmen einer Beschreibung an dieser Stelle. Besonders zu empfehlen sind die Miniaturmalereien mit (hauptsächlich) religiösem Inhalt. Mit wunderschönen Farbkontrasten und filigranster Detailgenauigkeit schlägt die indische Kunst alles, was ich in diesem Genre im Abendland jemals gesehen habe.

Müde und erschöpft von den vielen Eindrücken trete ich hinaus in die untergehende Sonne. Ich beschreibe einem Rikshaw-Fahrer den Abfahrtsort meines nächsten Busses, und lehne mich entspannt zurück, während wir durch Delhis abendliche Rush-Hour tuckern.

Der indische Verkehr ist eine ganz besondere Erfahrung, und wenn ich jetzt an meine erste Taxifahrt in Bombay zurück denke, kann ich nur schmunzeln. Sporadisch aufflammende Todesangst gehört für Ausländer anfangs einfach dazu, aber sobald man sich einmal daran gewöhnt hat, ist alles halb so wild.

Ich fahre nun ja auch schon seit ein paar Wochen jeden Tag selbst zur Arbeit mit meiner treuen Honda Activa und muss sagen, dass es verdammt viel Spaß macht – trotz dem Wissen, dass allein in Pune jeden Tag durchschnittlich 5 Menschen auf Zweirädern ums Leben kommen. In Indien muss man einfach Vertrauen haben, sonst hat man sowieso schon verloren.

Hier Roller zu fahren, fühlt sich an wie ein Videospiel. Es gibt keine Regeln. Überhole links oder überhole rechts, ganz wie es sich gerade besser für dich anfühlt. Ampeln sind allenfalls als stimmungsvolle Lichter zu betrachten, nicht als bindende Hinweise.

Nunja, es gibt vielleicht doch ein paar Regeln, aber eher implizit angewandte.

Zum Beispiel: Der Größere hat Vorfahrt. Das bedeutet, dass die großen rumpelnden Schwertransporte und die klobigen zerdellten TATA-Busse eigentlich alles machen können, worauf sie Lust haben, alle anderen werden sich schon danach richten.

Eine andere Regel lautet: Hupen ist immer gut und angebracht. Auf vielen LKWs steht hinten sogar „PLEASE HONK! THANK YOU!“. Das ist nicht sarkastisch gemeint, im Gegenteil, Hupen ist die indische Antwort auf die alte metaphilosophische Frage: Existiere ich wirklich?

Wer hupt, zeigt an, dass er da ist, darum wird immer gehupt, um den anderen Verkehrsteilnehmern klarzumachen, dass man sich ebenfalls im Universum Straße befindet. Nur sichtbar zu sein, heißt nämlich noch lange nicht, dass man deswegen auch ernst genommen wird. Aber ein kleines Hupen von hinten beispielsweise sagt jedem sofort: Ich bin hinter dir, also brems nicht abrupt, vielleicht überhole ich dich auch, mach also nichts Unüberlegtes. Genauso warne ich bzw. mache ich auf mich aufmerksam, beim Abbiegen, beim Überholen, und in allen anderen potenziell haarigen Verkehrssituationen. Gibt Sicherheit. Zumindest ein Gefühl davon.

Nächste Richtlinie: Je mehr du zu verlieren hast, desto vorsichtiger fährst du. Darum warten die teuren BMWs, Audis und Mercedes stets auf freie Fahrt, anstatt auch nur eine einzige Delle zu riskieren. Die Rikshaw-Fahrer hingegen werden jedes noch so waghalsige Harakiri-Manöver eingehen, wenn sich eine Lücke zum Überholen auftut.

Doch die vermutlich allerwichtigste Regel lautet: Die Kuh hat IMMER Recht!

Ein gläubiger Hindu würde lieber eine dreißigköpfige Schulklasse auf dem Gehweh überfahren als das Sakrileg zu begehen, eine heilige Kuh zu verletzen. Daher ist bei gemütlich auf der Straße trottenden Kühen (und diese sind keine Seltenheit!) besondere Vorsicht geboten. Für Kühe auf der Fahrbahn wird immer gebremst. Für Fußgänger nicht immer.

Ansonsten darf man sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mir sind im Straßenverkehr schon folgende Teilnehmer begegnet: Fußgänger, Handkarren, Fahrräder, ochsengezogene Wagen, Mopeds, Roller, Motorräder mit bis zu fünf Passagieren, (motorisierte und unmotorisierte) Rikshaws, Autos, VANs, Busse (gerne auch mit Fahrgästen auf dem Dach), LKWs, Baufahrzeuge, Trecker, Kühe, Pferde, Esel, Maultiere, Hunde, Hühner, Schafe, Schweine, Affen, Kamele, Elefanten und Strauße.

„Straße“ ist sowieso ein sehr dehnbarer Begriff und wird ortsabhängig auch gerne zum Schlafen, Brettspielen, Teetrinken, Wäschetrocknen oder als Verkaufsfläche genutzt.

Holzauge, sei wachsam.

Mittwoch, 15. Februar 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Amritsar

Nach einer Übernachtung im Wartebereich von Delhis internationalem Flughafen (übrigens die gemütlichste Nacht des gesamten Trips) geht es morgens weiter mit dem Flieger nach Amritsar, spirituelles Zentrum des Sikhismus nahe der pakistanischen Grenze.
Die Stadt ist Zeuge verschiedener historischer Proteste und deren blutiger Auflösung durch vormals britische und in neuerer Zeit auch indische Truppen, die die Unabhängigkeitsbestrebungen der Sikhs bisher stets zu überwinden wussten. Diese machen gerade mal 2% der indischen Gesamtbevölkerung aus, aber hier im Bundesstaat Punjab sind sie in absoluter Mehrheit, was wiederkehrend den Nährboden für separatistische Bestrebungen bildet.
Und so ist mein erster Eindruck auch geprägt von mit Stolz getragenen, üppigen Bärten und bunten Turbanen, die das gesamte Stadtbild zu beherrschen scheinen. Ansonsten wirkt der Norden allgemein etwas ärmer als die verwestlichten Städte Bombay und Pune, dafür aber auch „echter“, traditioneller, authentischer.
Bevor ich mein erstes Etappenziel, den legendären goldenen Tempel, das oberste Heiligtum der Sikhs erreiche, werde ich von einem jungen Mann angesprochen, der mir anbietet, mich später zur Flaggenzeremonie an die pakistanische Grenze zu fahren.
Er muss Gedanken lesen können, das steht tatsächlich auf meiner heutigen Agenda, aber 100 Rupien scheinen mir doch etwas verdächtig wenig für die einstündige Fahrt plus Wartezeit. Ich stelle ihn auf die Probe, indem ich seine Gastfreundschaft teste, lasse mir die Stadt erklären und mich durch überfüllte Straßen zum besten einheimischen Restaurant führen, das er kennt.
Ein „Tout“ (wie die betrügerischen Kundenanwerber an den Touristenorten genannt werden) hätte längst die Geduld verloren. Er bekommt seine 50 Rupien Anzahlung und wir verabreden uns für 15 Uhr zur Abfahrt.
Nun teste ich erstmal das Lokal und gönne mir ein ausgedehntes Frühstück à la carte. Das Chana Masala, das Paratha und der Chai sind tatsächlich ausgezeichnet.
Vor dem Eingang zum Tempel befindet sich riesiges kostenloses Schuhabgabe-Center, wo man rund um die Uhr sein Schuhwerk deponieren kann, da man den Sakralbau nur barfuß und mit Kopfbedeckung betreten darf. Ich kaufe noch schnell einem Straßenjungen eine Art Piratentuch ab, dann eilen auch schon bärtige Turbanträger herbei, die hier ihre freiwillige Fronarbeit im Dienste Gottes verrichten, indem sie meine Treter in die verschachtelten Gängen aus Schränken, Schubladen und hölzernen Fächern davontragen. Zum Tausch erhalte ich eine abgegriffene Metallplakette mit einer verschnörkelten Nummer in Hindi darauf.
Weiter geht es zur Waschstation. Ein Imperium aus kleinen Wasserhähnen flankiert die gesamte Straße. Erst mit sauberen Händen darf man zum Fußwaschbecken vorrücken.
Was auf den ersten Blick an den Eingang ins Freibad erinnert, ist hier heiliges Ritual. Unter den strengen Blicken der mit Krummschwertern bewaffneten Tempelgarde wird in dem flachen Bassin ausgiebigst vom großen Zeh bis zum Hacken alles gewaschen und gesäubert, dazu Mantras und Gebete gemurmelt, das Wasser zum Salben und Heiligen verwendet - ja teilweise sogar getrunken.
Ich begnüge mich jedoch damit, mein Kopftuch leicht zu benetzen und mit rutschigen Füssen die weißen Marmortreppen emporzusteigen. Der gesamte Komplex ist von jeweils einem Tor in jeder Himmelsrichtung umschlossen, was die Offenheit der Sikhs gegenüber allen Menschen und Religionen symbolisieren soll.
Auf der anderen Seite führen die Treppen der wieder hinab in den gewaltigen rechteckigen Palasthof, der von weiteren marmornen Bauten und Mauern umschlossen ist und einen kalten klaren See einfasst. In dessen Mitte, und nur über eine schmale Brücke zu erreichen ragt der fein verzierte und ausnahmslos mit Gold überzogene Tempel aus dem Wasser, ein Juwel ohnegleichen.

Unermüdlich, ja unendlich scheint es, zieht ein Pilgerheer im Uhrzeigersinn um das riesige Becken. Tausende Menschen trotten das Ufer entlang, einige baden zeremoniell im eiskalten Wasser, andere rasten am Rand unter den schneeweißen Arkaden.
Der gesamte Ort strahlt trotz der vielen Besucher einen Frieden und eine Ruhe aus, die kaum beschreibbar ist. Dazu sickert aus den überall versteckten Lautsprechern ein mystischer Gesang, der rund um die Uhr live aus dem Inneren des Tempels übertragen wird. 24 Stunden am Tag werden die Gebete von den Hohepriestern aufrechterhalten, die Anlage schließt nie. Viele Gläubige schlafen sogar hier, während die gesungenen Mantras wie gleichförmige Wellen über die Wasseroberfläche wehen.
Mit dem ersten Schritt auf den kalten Marmorweg verschmelze auch ich mit der gemächlich dahinfließenden Masse aus gläubigen Sikhs und ehrfürchtigen Pilgern, werde eins mit der Musik, der Ruhe, und der Schönheit dieses Ortes.
Ein paar Stunden verwehen bis ich mich an die Abmachung mit meinem Stadtführer erinnere, dann mache ich mich auf den Rückweg, hole meine Schuhe ab und finde mich am verabredeten Platz ein.
Vor Ort wartet bereits australischer Backpacker auf den gleichen Transport. Wir verstehen uns gut, tauschen Reiseanekdoten aus, witzeln über kulturelle Fauxpas und Fettnäpfchen.
Dann erscheint der junge Mann wieder, mit acht weiteren indischen Touristen im Schlepptau. Durch den zähen Verkehr drängeln wir uns bis in ein nahegelegenes Parkhaus, wo uns ein zahnloser Fahrer vor einem rostigen Jeep willkommen heißt. Ich beginne langsam zu verstehen wie der unschlagbar günstige Preis zustande kommt.
Dann sitzen wir auch schon zu dritt auf dem Beifahrersitz, der Rest quetscht sich weiß Gott wie auf die hinteren Plätze. Aufgrund des akuten Sauerstoffmangels, der Wärme, und der Nacht auf dem Flughafen falle ich noch vor Verlassen der Stadt in einen betäubten Schlaf. Von einer Sekunde auf die andere sind wir an der Grenze zu Pakistan, laufen den letzten Kilometer über einen militärisch abgeriegelten Highway zum Grenzposten.
Hier wird jeden Abend feierlich die offizielle Grenzschließung inklusive Fahnenappell zum Sonnenuntergang zelebriert, was sich im Laufe der Zeit zu einem volksfestartigen Spektakel entwickelt hat. Längst wurden riesige steinerne Zuschauertribünen in Form eines römischen Theaters für die jubelnde Menge an Schaulustigen installiert.

Doch eines habe ich nicht bedacht: Es ist der 26. Januar, Republic Day.
Genau vor 62 Jahren ist die Verfassung der unabhängigen indischen Republik in Kraft getreten, ein offizieller Feiertag. Das bedeutet, dass heute noch mehr stolze Inder gekommen sind, um „Hindustan“ zu loben und nebenbei noch den Erzfeind Pakistan in Grund und Boden zu schreien, das auf der anderen Seite die exakt gleichen Zuschauertribünen errichtet hat, um in dem kindischen Spektakel mithalten zu können.
Sämtliche Plätze sind hoffnungslos überbevölkert, es werden bereits Hunderte von Menschen am Eingangstor abgewiesen.
Doch wir haben Glück: Ausländische Besucher werden auf die reservierte VIP-Reihe gelassen, und so werden auch mein australischer Freund und ich nach kurzer Gesichtskontrolle vom Militär am Sonderposten durchgewunken und ganz nach vorne geführt.
Dort sind die Feierlichkeiten bereits voll im Gange: Eine traditionelle Tanzgruppe wird von volkstümlicher Live-Musik begleitet.

Die in kunterbunte Saris gekleideten Frauen singen, klatschen und drehen sich, bis die Musik aus den Lautsprechern plötzlich zu bekannten Bollywood-Rhythmen umschlägt und die Tänze wilder werden. Die Menge tobt, brüllt und feiert sich, überall werden im Takt der Musik Flaggen geschwenkt.
Danach betritt eine Kinderschar im Grundschulalter die Bühne, um die Geschichte der Unabhängigkeit Indiens nachzuspielen, inklusive grausam mordender Briten und Gandhi mit Wanderstab.
Der finale Akt in geht in tosendem Applaus unter, die Kinder verneigen sich und alle Augen blicken zu den brüderlich nebeneinander wehenden Bannern Indiens und Pakistans. Das Flaggenkommittee wird unter grölenden Rufen und den aufheizenden Kommentaren eines Moderators vereidigt, bevor es zur Grenzlinie galoppiert.

Galoppieren nicht wegen etwaigen Pferden, sondern deshalb, weil das Marschieren in den leicht lächerlich wirkenden Uniformen je prestigeträchtiger sein soll, desto höher man die Beine dabei hebt – manche hauen sich regelrecht ihr eigenes Knie ins Gesicht. Mir kommen dabei augenblicklich Monthy Pythons „Silly Walks“-Sketche in den Sinn, alle anderen schauen fasziniert und stolz brüllend zu.
Unter Trompetenschall werden die Flaggen gleichzeitig Stück für eingeholt, gefaltet, und mit elterngleicher Fürsorge zurückgetragen. Die Grenze ist nun offiziell bis zum Sonnenaufgang geschlossen. Der Jubel brandet in der Treppentribüne, dann wird wieder Musik gespielt und die Leute springen tanzend und feiernd auf den zuvor abgesperrten Mittelweg.
Nach dem überschwänglichen Spektakel schnappe ich mir meinen Kollegen von Down-Under und wir brausen im überfüllten Jeep zurück nach Amritsar. Diesmal ist die Stimmung ausgelassen, wir singen Bollywood-Songs, die mir mehr und mehr vertrauter werden und teilen unterwegs gekaufte Snacks.
Die Stadt ist bereits in tiefschwarze Nacht gehüllt und ich mache mich nochmals auf zum Goldenen Tempel.
Vor der zeremoniellen Waschung kaufe ich auf Anweisung meiner Kollegen bei ZF India noch mehrere eiserne und goldene Bangles an einem kleinen Seitenstand, das sind die typisch indischen Armreifen.
Sie werden mich auf meiner Reise stets begleiten und alle besichtigten Heiligtümer physisch berühren. Ein Teil der spirituellen Energie - auch völlig fremder Glaubensrichtungen - soll so auf das Schmuckstück und dessen Träger übermittelt werden. Meinen Chef Ravisu und meine Kollegin Paromita habe ich seit meiner Rückkehr zu keinem Zeitpunkt ohne den schützenden Talisman am Handgelenk angetroffen, und da ich mehrere verschiedene Größen besorgt habe, ist sogar Ravisus 4jähriger Sohn bestens versorgt.
Auf dem Gelände herrscht eine gespenstische Stimmung und das nachtschwarze Wasser liegt schwer in dem marmorweißen Innenhof, der im Schein des Halbmondes ätherisch leuchtet. Und wieder ist es der raunende Gesang der Mantras, der den gesamten Eindruck abrundet und auf seltsame Art und Weise mit Magie erfüllt.

Es sind kaum noch Menschen zu sehen und daher beschließe ich, nun endlich auch das Innere zu besichtigen. Im Gänsemarsch geht es über den schmalen und reich verzierten Marmorsteg bis zum stockenden Eingang. Immer wieder werfen sich Gläubige vor der Türschwelle auf den Boden, eine Geste ehrfürchtigen Respekts.
Auch ich berühre die Türschwelle mit der (guten) rechten Hand, mache aus Mangel an Alternativen eine Bekreuzigungsgeste und trete in den funkelnden Minipalast.
Im Innern finde ich nun auch endlich den Ursprung der Gesänge: Drei Hohepriester sitzen hinter einem überdimensionierten Buch, der Heiligen Schrift der Sikhs, und rezitieren unermüdlich dessen Verse, dazu werden Musikinstrumente gespielt und die Spenden von den Pilgern eingesammelt, die pausenlos auf ausgelegte samtrote Kissen regnen und in blütengefüllte silberne Schalen wandern.
Dutzende von Menschen sitzen mit geschlossenen Augen leise mitbetend oder still meditierend in den Ecken. Während mich die Masse an nachrückenden Besuchern weiterschiebt, muss ich aufpassen, niemandem auf Hände oder Füße zu treten.
Der gegenüberliegende Ausgang führt auf eine halbrunde Veranda, von der aus man das heilige Seewasser abschöpfen darf. Auf dem rutschigen Marmor stehen ganze Großfamilien trinkend und weihend, manche füllen kleine Philiolen für den heimischen Gebrauch.
Während ich mir ebenfalls einen Schluck gönne, schwimmen im Scheinwerferlicht mächtige Kois und Goldfische vorbei wie schwerelos gleitende Fleischpakete.
Dann lasse ich mich ebenfalls an der Außenfassade nieder, atme die sandelholzgetränkte Luft ein und schließe die Augen. Die gesamte Atmosphäre und deren Wirkung auf den Geist ist unbeschreiblich.
Nach unschätzbarer Zeit stehe ich auf, kehre in den Innentempel zurück und steige die hohen Treppen hinauf. Auch hier ist alles aus einwandfreiem weißen Marmor gefertigt, der erste Stock ist komplett mit rotem Teppich ausgelegt und die Wände beherbergen eine Vielzahl an Regalen mit Kopien und Übersetzungen der Heiligen Schrift, die von den Pilgern ausgeliehen und studiert werden.
Im Zentrum befindet sich eine kreisrunde Tribüne, von der aus man auf das heilige Zentrum, die Hohepriester mit dem gewaltigen Kodex, hinunterblicken kann. Auch hier sitzen überall Menschen tief in Kontemplation versunken, tauchen meditierend in die Musik, in sich, in Gott selbst ein. Ich tue es ihnen gleich.
Nach einer betörend langen Stunde verlasse ich das Heiligtum wieder, schweren Herzens und mit langsamen Schritten.
Zurück am Ufer gibt es eine gesegnete Speise für jede bittende Hand. Die warme breiige Masse schmeckt süß und nahrhaft, eine einfache Zubereitung aus Getreide und Honig, aber sie tut gut und macht meinem Magen Lust auf mehr.
In einer hinduistischen Gesellschaft, in der Kasten- und Geschlechtszugehörigkeit einen Großteil der Menschen entrechten, hat sich der Sikhismus als eine Gegenbewegung entwickelt, die niemanden mehr diskriminiert, und damit große Popularität in den unterprivilegierten Schichten der Bevölkerung erlangt, wurde jedoch immer wieder gewaltsam unterdrückt, sowohl von Hindus als auch von Muslimen.
Ein Charakteristikum der sozialen Offenheit dieser Religion sind die öffentlichen Speisesäle, die sich bei jedem Tempel finden und kostenlose Mahlzeiten für alle anbieten, ohne gesellschaftliche Trennung. Hier werden täglich tausende Münder mithilfe freiwilliger Köche und Tellerwäscher gestopft, und auch ich will probieren.
Ich spende eine kleine Summe, nehme mir ein Tablett mit Schüssel und lasse mich nach dem Händewaschen in der riesigen Halle nieder, auf der erstbesten freien Matte zwischen zwei indischen Familien. Ein Essenausteiler wirft mir im Vorbeigehen zwei Chapatis auf das Tablett und haut eine Kelle Dhal in meine Schüssel.
Dhal ist das Standardgericht der armen Leute, ein stark gewürzter Brei aus allen Arten von eingekochten Hülsenfrüchten und Gemüse, je nach dem, was gerade verfügbar ist. Ausschließlich mit der rechten Hand reiße ich nun meine Chapati-Fladen in mundgerechte Happen, belade sie mit Dhal und genieße mein typisch indisches Abendessen zwischen Menschen, die mir nicht fremder sein könnten, und mit denen ich doch mehr teile als Nahrung und Platz allein.
Dann beeile ich mich zurück zur Schuhausgabe und bin pünktlich kurz vor Mitternacht am Busbahnhof, wo mein Sleeper Bus schon auf die Abfahrt nach Delhi wartet.
Es wird schlimmer als Hampi.
Anfangs noch froh über den geräumigen Liegeplatz muss ich schnell feststellen, dass die Zelle für zwei Personen gedacht ist, und mein Kajütengenosse entpuppt sich als übergewichtiger Inder mit besorgniserregender Schlafapnoe.
Nach etwa einer halben Stunde bedrängten Ohrensausens mache ich die nächste folgenschwere Entdeckung: Undichte Fenster, die mit zunehmendem Fahrtwind und fortschreitender Nacht mehr und mehr eiskalte Luft einlassen.
Da mag jetzt einer denken: „Der hat gut Reden, sitzen wir bei zweistelligen Minusgraden in Europa und der beschwert sich über schlechtes Wetter in Indien.“
Aber man muss bedenken, dass der Punjab im kontinentalen Nord liegt und die nächtlichen Temperaturen im Januar zwischen 2 und 4 °C liegen. Außentemperatur ist bei rundum offenen Fenstern mehr oder weniger gleich Innentemperatur, sodass ich nach einer weiteren halben Stunde meine Füße nicht mehr spüre und mit steifgefrorenen Fingern meine T-Shirts aus der Reisetasche fische, um so etwas wie eine improvisierte Patchwork-Decke auf meine dünne Jeans zu legen.
Eine weitere zittrige Stunde später bin ich bereits so verzweifelt auf der Suche nach Wärme, dass ich bedächtig an meinen schnarchenden Bettgenossen heran rutsche, der natürlich prompt aufwacht und verärgert die Kabine verlässt.
Mehr Platz, mehr Durchzug, mehr Kälte, und noch keine Spur von Delhi. Ich versuche die Lücken mit meinen Socken zu stopfen, knete meine tauben Zehen und verfluche meine unvollständige Reiseausrüstung.
Diese Nacht schlafe ich keine Sekunde, doch der heiß dampfende Chai, den ich am nächsten Morgen früh um 6 in Delhi an einem notdürftig zusammengezimmerten Straßenstand trinke, ist der beste meines Lebens!

Mittwoch, 8. Februar 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Prequel

Wenn ich an meinen Trip nach Nordindien denke, gibt es keine konstante Erinnerung, keinen chronologischen Film, den ich vor- oder zurückspulen könnte, sondern es kommen mir Momente und Situationen in den Sinn, die für diese Reise prägend waren - wie ein Mosaik aus lauter kleinen bunten Augenblicken, die ein Gesamtbild von unschätzbarem inneren Wert bilden.



Schon der Beginn der Reise ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben.

Die letzten drei Tage hatten mein Boss, zwei HR-Kollegen und ich bereits auf die gleiche Weise zugebracht:

Jeden Morgen fahren wir jeweils zu einer anderen Hochschule im Grossraum Pune, trinken Chai mit den Rektoren und laden anschließend die notenmäßig besten 100 Ingenieursabsolventen zu unserem Recruiting-Tag ein. In großen Aulen und Kinosälen sitzen dann die Entwickler und Manager von morgen.

Indische Unis kann man aber schlecht mit europäischen vergleichen. Schon beim Eintreten in den Raum wird das deutlich, als alle uniformierten Studenten mit Hemd und Krawatte hochdiszipliniert von ihren Sitzen aufspringen und ein „Good morning, Sirs!“ im Chor durch den Raum wehen lassen.

Nach der üblichen Begrüßungsrunde war ich dann an der Reihe, den offiziellen Vortrag zu beginnen und als offensichtliche deutsche Leihgabe über die ZF Group zu referieren: Firmengeschichte, Standorte, Kennzahlen, Kunden, Produkte, Unternehmenskultur gehören ebenso dazu wie die Beantwortung von Publikumsfragen, die mich manchmal schon ganz schön ins Schwitzen bringen, z.B.:

„Warum sind die Deutschen so gut in Technik?“ oder „Wie wird der hohe Qualitätsgrad erreicht?“


Die Präsentation von ZF India übernimmt dann wieder mein Chef Ravisu, genauso wie die Ausführungen über das Internationale Traineeprogramm, das den technisch ausgerichteten Studenten erlaubt, diesen Herbst im begehrten Deutschland ihre ersten Projekte zu starten.
Doch die Konkurrenz ist hoch und Ende des Tages bleiben von den 100 höchstens noch 10 übrig, die in späteren Runden noch gegen die anderen Colleges, ja letztendlich sogar gegen alle Kandidaten weltweit antreten müssen.

Fünf Studenten räumen noch vor Beginn der Gruppendiskussionen mit ernsten Mienen das Feld. Sie würden gerne teilnehmen, aber sie sind das einzige Kind ihrer Eltern. Die Familie würden ihnen nie erlauben, das Land zu verlassen, zu wichtig ist die Stellung die sie einnehmen, sowohl aus rituell-religiösen als auch aus rein pragmatischen Gründen. In Indien existiert ein Rentensystem bisher allein für Beamte, alle anderen sind auf den Nachwuchs angewiesen.

Ihre Kommilitonen sind trotzdem noch zahlreich, wir teilen Sie in Gruppen ein und lassen alle gestaffelt über verschiedene Themen diskutieren, nehmen die besten in die nächste Runde, bis wir uns am Ende des Tages nach 3 Durchgängen erschöpft auf 10 Favoriten einigen.



Davor haben wir alles gesehen, von schüchtern bis aggressiv, von brüchigem Englisch bis zum eloquenten Verkaufstalent, vom innovativen Denker bis zum empathischen Gruppensprecher.

Für mich ist es spannend, mal auf der anderen Seite zu sitzen und zu merken, was tatsächlich gut ankommt. Geht es wirklich darum, die Argumentationskette um jeden Preis zu gewinnen oder sind andere Faktoren nicht viel wichtiger? Wie strahlt man Durchsetzungsvermögen aus, auch ohne jemandem unhöflich das Wort abzuschneiden?

Auf diese und viele weitere Fragen finde ich Antworten in den guten und schlechten Beispielen direkt vor meiner Nase. Und nach jeder Runde haben wir vier ZFler unabhängig voneinander fast immer die gleichen Eindrücke und Empfehlungen bezüglich der Kandidaten.

Doch Schockschwerenot – schon so spät! Mein Flieger geht in anderthalb Stunden!

Mit quietschenden Reifen rast mein Chef über die dämmernden Straßen, besteht darauf, mich persönlich am Flughafen abzuliefern, da ich es per Rikshaw nicht schaffen würde. Da könnte er Recht haben. Kurzerhand tausche ich auf dem Rücksitz Anzug und Krawatte gegen T-Shirt und Jeans aus – den verdutzten Blicken einiger Motorradfahrer an der nächsten Kreuzung zum Trotz.

Und wir kommen rechtzeitig...