Nach einem entspannten
Spaziergang an der sichelförmigen Westpromenade der Stadt, die auch um 23:00
noch so voller Händlern, Autos, Kutschen, Hupen und spielenden Kindern ist,
dass man sich fragt, ob sowas wie Nacht oder Schlaf überhaupt in Bombay
existiert, lasse ich den Tag zwischen all den Menschen hier mit einem süßen
Chai und einer saftigen Kokosnuss, die allerorten trink- und essbereit
angeboten werden, mit dem Blick auf das schwarze Meer ausklingen.
Auf dem Rückweg erlerne ich das Busfahren neu. Zwar stehen an Bushaltestelle die Liniennummer auf Hindi und in arabischen Ziffern, jedoch gibt es nirgends einen Fahrplan. Also heißt es wieder durchfragen. Mein Bus kommt näher, wird langsamer... und fährt an mir vorbei.
Verdutzt schaue ich hinterher.
„Sir. That was your bus!“
Ich weiß, aber warum hat er nicht angehalten?
„Oh, bus not stop every time, Sir. You must run and jump!“
Achso.
Der nächste Tag
beginnt erneut mit Wassereimer und Kernseife, und einem ausgiebigen Frühstück
bei meinem Lieblingsmuslim um die Ecke.
Der heutige Tag ist
gekennzeichnet vom Stöbern über verschiedenste Basare und Märkte. Im Crawford
Market gibt es so ziemlich alles, von exotischen Gewürzmischungen bis hin zu
Hundewelpen. Ich lerne einen netten Führer namens Nairan kennen, der mir die
Geschichte und die Angebote der verschiedenen Märkte erklärt, und mir den Weg
zu den Produkten meines Interesses weist. Vor dem Fleischmarkt bleibt er
stehen.
Als Hindu dürfe er
dort nicht hinein gehen, erklärt er mir, denn dort werden Kühe von Muslimen
geschlachtet und verkauft. Er deutet auf sein rotes Stirnmal und verspricht
mir, draußen auf mich zu warten.
Was im Innern dagegen
auf mich wartet, ist kaum zu beschreiben. Der Reiseführer weist bereits auf die
Notwendigkeit von starken Nerven hin, und diese Szenerie lässt auch mich
schaudern. In dem rundum offenen Schlachthof liegen überall Überreste von
Kadavern verstreut, der Boden ist entweder dreckig oder über und über in Blut
getränkt, an den schmutzigen Wänden blättert der Putz, und von der Decke hängen
wuchtige gusseiserne Metzgerhaken. Eine prima Umgebung, falls Bollywood doch noch
auf Horrorfilme umsteigen möchte.
Das grausigste für
meinen Geschmack sind allerdings die unzählbar vielen dicken schwarzen Krähen,
die laut krächzend über die Dachverstrebungen hüpfen und hier und da herunter
flattern, um ein Stück Fleisch aufzuschnappen.
Ich lasse Nairan aus
selbigem Anlass nicht allzu lange warte und hole mir eine Wegbeschreibung zum
Mangalda Market, dem Platz für erlesene Stoffe, prachtvolle Saris und die
weltberühmten indischen Schals. Hier werde ich fündig und kaufe für mich und
Freunde beste Qualität aus exquisiter Kaschmiri-Ziegen-Wolle.
Durch ein paar
Seitengassen lasse ich mich wieder in das bunte Treiben der Stadt aufnehmen,
probiere rohe Zuckerrohrwürfel (sehr lecker und saftig, nur muss man danach den
zerkauten Teil immer wieder auf die Straße spucken, was ich nach indischem
Vorbild dann auch ungehemmt tue und spaßig finde), probiere meine von Narain
beigebrachten Marathi-Wörter beim Wasserhändler aus („Schukreia! Pani?
Dannewatt!“), und bekomme ein erstes Lob für meine Sprachkenntnisse.
Dann finde ich meinen
Weg zum Mumbadevi-Tempel, dem Namensgeber Mumbais (welches bis vor einigen
Jahren noch offiziell Bombay hieß und daher synonym verwendet wird). In den
Straßen rundherum werden rituelle Opfergaben verkauft: bunte Blumenketten,
Räucherwerk, und schmuckvoll geflechtete Papierformen.
Kühe spazieren gemütlich
durch die Straße, Priester erteilen Segenssprüche, singen Mantras, verteilen
rote Punkte auf Stirn und Hals – auch ich werde nicht verschont.
Im Vorhof des Tempels
ziehe ich dem Beispiel der Inder folgend meine Schuhe aus, Reihe mich in die
Schlange ein, und trotte im Gänsemarsch in das Heiligtum hinein. Ich habe keine
Ahnung, was nun passiert oder was die Sitte von mir erwartet, aber ich lasse es
einfach mal auf mich zukommen.
Die Gläubigen mit
Opfergaben werfen diese den mannshohen Götterstatuen von Vishnu, Shiva, Kali,
Ganeesha, Krishna und anderen vor die Füße. Rupienmünzen werden ebenfalls
akzeptiert, und da ich keine Opfergaben gekauft habe, entscheide ich mich für
die Cash-Variante.
Die Menge trottet
weiter und wir umkreisen den kompletten Schrein, während manche an jeder Wand
und an jeder Ecke ein kurzes Gebet rezitieren und die weißen Fliesen dabei
sanft berühren.
Mich zieht es in eine
kleine Seitenkammer. Für 20 Rupien bekomme ich einen Schluck heiliges Wasser zu
trinken, einen Segensspruch und eine Auffrischung meines Stirnmales.
Nach dieser Zeremonie
ziehe ich meine Schuhe wieder an und setze mich in den angrenzenden Park. Hier
spielend Kinder Cricket, klettern auf den Spielplatzgebäuden herum und lassen
selbstgebastelte Drachen aus Zeitungspapier steigen.
Ich muss unwillkürlich
an meine Zeit als Kindergärtner in Frankreich denken. Die Kulturen könnten
unterschiedlicher nicht sein, aber die Kinder sind hier genauso wie überall auf
der Welt – neugierig, frech, und voller freudiger Energie.
Der älteste Junge von
vielleicht 12 Jahren bemerkt meine Kamera, spricht mich an, möchte ein Foto
machen. Ich erkläre ihm den Auslöser und los geht’s. Bevor er abdrücken kann,
habe ich schon den ersten Frechdachs neben mir. Keine zwei Sekunden später bin
ich umringt von kleinen Köpfen und Händen, die alle einmal knipsen und die
Fotos sehen wollen. Ich frage alle nach ihren Namen, lasse sie ihre
Englischkenntnisse austesten und verteile schließlich meine restlichen
Zuckerrohrwürfel, bevor ich wieder weiterziehe.
Den Sonnenuntergang am
Churpatty Beach will ich auf keinen Fall verpassen, wandere die plamengesäumte
Promenade entlang und genieße die Meeresluft.
Am Strand sind
unzählige indische Familien und Päärchen unterwegs. Ich stelle mich für ein schmackhaftes
Bhelpuri an, lege mich in den Sand und lasse mich wieder von den Eindrücken um
mich herum begeistern.
Auf dem Rückweg erlerne ich das Busfahren neu. Zwar stehen an Bushaltestelle die Liniennummer auf Hindi und in arabischen Ziffern, jedoch gibt es nirgends einen Fahrplan. Also heißt es wieder durchfragen. Mein Bus kommt näher, wird langsamer... und fährt an mir vorbei.
Verdutzt schaue ich hinterher.
„Sir. That was your bus!“
Ich weiß, aber warum hat er nicht angehalten?
„Oh, bus not stop every time, Sir. You must run and jump!“
Achso.
Den nächsten Bus nehme
ich dann tatsächlich rennend, die Türen sind sowieso immer geöffnet (so kann
man auch viel besser raushängen, wenn drinnen viel los ist). Mit einem
stuntverdächtigen Sprung befördere ich mich und meine Tasche also ins Innere,
zahle lächerliche 7 Rs und – stehe im Stau. Einen so hoffnungslos zwischen
Autos, Motorrädern und Passanten verkeilten Bus wie den unsrigen auf der
nächsten Kreuzung habe ich noch nie erlebt.
Aber in Indien geht
alles irgendwie dann doch wie es soll. Man muss nur Geduld haben…
