Dienstag, 27. Dezember 2011

25./26.12. Shopping

Nach einem entspannten Spaziergang an der sichelförmigen Westpromenade der Stadt, die auch um 23:00 noch so voller Händlern, Autos, Kutschen, Hupen und spielenden Kindern ist, dass man sich fragt, ob sowas wie Nacht oder Schlaf überhaupt in Bombay existiert, lasse ich den Tag zwischen all den Menschen hier mit einem süßen Chai und einer saftigen Kokosnuss, die allerorten trink- und essbereit angeboten werden, mit dem Blick auf das schwarze Meer ausklingen.
Der nächste Tag beginnt erneut mit Wassereimer und Kernseife, und einem ausgiebigen Frühstück bei meinem Lieblingsmuslim um die Ecke.

Der heutige Tag ist gekennzeichnet vom Stöbern über verschiedenste Basare und Märkte. Im Crawford Market gibt es so ziemlich alles, von exotischen Gewürzmischungen bis hin zu Hundewelpen. Ich lerne einen netten Führer namens Nairan kennen, der mir die Geschichte und die Angebote der verschiedenen Märkte erklärt, und mir den Weg zu den Produkten meines Interesses weist. Vor dem Fleischmarkt bleibt er stehen.

Als Hindu dürfe er dort nicht hinein gehen, erklärt er mir, denn dort werden Kühe von Muslimen geschlachtet und verkauft. Er deutet auf sein rotes Stirnmal und verspricht mir, draußen auf mich zu warten.

Was im Innern dagegen auf mich wartet, ist kaum zu beschreiben. Der Reiseführer weist bereits auf die Notwendigkeit von starken Nerven hin, und diese Szenerie lässt auch mich schaudern. In dem rundum offenen Schlachthof liegen überall Überreste von Kadavern verstreut, der Boden ist entweder dreckig oder über und über in Blut getränkt, an den schmutzigen Wänden blättert der Putz, und von der Decke hängen wuchtige gusseiserne Metzgerhaken. Eine prima Umgebung, falls Bollywood doch noch auf Horrorfilme umsteigen möchte.

Das grausigste für meinen Geschmack sind allerdings die unzählbar vielen dicken schwarzen Krähen, die laut krächzend über die Dachverstrebungen hüpfen und hier und da herunter flattern, um ein Stück Fleisch aufzuschnappen.



Ich lasse Nairan aus selbigem Anlass nicht allzu lange warte und hole mir eine Wegbeschreibung zum Mangalda Market, dem Platz für erlesene Stoffe, prachtvolle Saris und die weltberühmten indischen Schals. Hier werde ich fündig und kaufe für mich und Freunde beste Qualität aus exquisiter Kaschmiri-Ziegen-Wolle.

Durch ein paar Seitengassen lasse ich mich wieder in das bunte Treiben der Stadt aufnehmen, probiere rohe Zuckerrohrwürfel (sehr lecker und saftig, nur muss man danach den zerkauten Teil immer wieder auf die Straße spucken, was ich nach indischem Vorbild dann auch ungehemmt tue und spaßig finde), probiere meine von Narain beigebrachten Marathi-Wörter beim Wasserhändler aus („Schukreia! Pani? Dannewatt!“), und bekomme ein erstes Lob für meine Sprachkenntnisse.
Dann finde ich meinen Weg zum Mumbadevi-Tempel, dem Namensgeber Mumbais (welches bis vor einigen Jahren noch offiziell Bombay hieß und daher synonym verwendet wird). In den Straßen rundherum werden rituelle Opfergaben verkauft: bunte Blumenketten, Räucherwerk, und schmuckvoll geflechtete Papierformen.
Kühe spazieren gemütlich durch die Straße, Priester erteilen Segenssprüche, singen Mantras, verteilen rote Punkte auf Stirn und Hals – auch ich werde nicht verschont.


Im Vorhof des Tempels ziehe ich dem Beispiel der Inder folgend meine Schuhe aus, Reihe mich in die Schlange ein, und trotte im Gänsemarsch in das Heiligtum hinein. Ich habe keine Ahnung, was nun passiert oder was die Sitte von mir erwartet, aber ich lasse es einfach mal auf mich zukommen.

Die Gläubigen mit Opfergaben werfen diese den mannshohen Götterstatuen von Vishnu, Shiva, Kali, Ganeesha, Krishna und anderen vor die Füße. Rupienmünzen werden ebenfalls akzeptiert, und da ich keine Opfergaben gekauft habe, entscheide ich mich für die Cash-Variante.

Die Menge trottet weiter und wir umkreisen den kompletten Schrein, während manche an jeder Wand und an jeder Ecke ein kurzes Gebet rezitieren und die weißen Fliesen dabei sanft berühren.

Mich zieht es in eine kleine Seitenkammer. Für 20 Rupien bekomme ich einen Schluck heiliges Wasser zu trinken, einen Segensspruch und eine Auffrischung meines Stirnmales.



Nach dieser Zeremonie ziehe ich meine Schuhe wieder an und setze mich in den angrenzenden Park. Hier spielend Kinder Cricket, klettern auf den Spielplatzgebäuden herum und lassen selbstgebastelte Drachen aus Zeitungspapier steigen.

Ich muss unwillkürlich an meine Zeit als Kindergärtner in Frankreich denken. Die Kulturen könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Kinder sind hier genauso wie überall auf der Welt – neugierig, frech, und voller freudiger Energie.

Der älteste Junge von vielleicht 12 Jahren bemerkt meine Kamera, spricht mich an, möchte ein Foto machen. Ich erkläre ihm den Auslöser und los geht’s. Bevor er abdrücken kann, habe ich schon den ersten Frechdachs neben mir. Keine zwei Sekunden später bin ich umringt von kleinen Köpfen und Händen, die alle einmal knipsen und die Fotos sehen wollen. Ich frage alle nach ihren Namen, lasse sie ihre Englischkenntnisse austesten und verteile schließlich meine restlichen Zuckerrohrwürfel, bevor ich wieder weiterziehe.



Den Sonnenuntergang am Churpatty Beach will ich auf keinen Fall verpassen, wandere die plamengesäumte Promenade entlang und genieße die Meeresluft.



Am Strand sind unzählige indische Familien und Päärchen unterwegs. Ich stelle mich für ein schmackhaftes Bhelpuri an, lege mich in den Sand und lasse mich wieder von den Eindrücken um mich herum begeistern.



Auf dem Rückweg erlerne ich das Busfahren neu. Zwar stehen an Bushaltestelle die Liniennummer auf Hindi und in arabischen Ziffern, jedoch gibt es nirgends einen Fahrplan. Also heißt es wieder durchfragen. Mein Bus kommt näher, wird langsamer... und fährt an mir vorbei.
Verdutzt schaue ich hinterher.
„Sir. That was your bus!“
Ich weiß, aber warum hat er nicht angehalten?
„Oh, bus not stop every time, Sir. You must run and jump!“
Achso.

Den nächsten Bus nehme ich dann tatsächlich rennend, die Türen sind sowieso immer geöffnet (so kann man auch viel besser raushängen, wenn drinnen viel los ist). Mit einem stuntverdächtigen Sprung befördere ich mich und meine Tasche also ins Innere, zahle lächerliche 7 Rs und – stehe im Stau. Einen so hoffnungslos zwischen Autos, Motorrädern und Passanten verkeilten Bus wie den unsrigen auf der nächsten Kreuzung habe ich noch nie erlebt.

Aber in Indien geht alles irgendwie dann doch wie es soll. Man muss nur Geduld haben…

25.12. – Zwischen Realität und Tourismus

In manchen Momenten fühlt sich Indien immer noch sehr unreal an. Soviel habe ich im Vorfeld darüber gelesen, so viele Dokumentationen gesehen, und plötzlich stehe ich mitten drin – ein Gefühl als wäre man auf einen Schlag in einen Film teleportiert worden, den man schon viel zu oft gesehen hat.

Und so ist mir manchmal wirklich nur nach Zuschauen zumute. Ich lasse mich durch das Straßenleben treiben, beobachte, probiere hier und dort, sitze, schreibe, nehme die Stadt in mich auf. Es kommt vor, dass ich für Stunden kein anderes weißes Gesicht zu sehen bekomme. Die Bombayer sind den Anblick aber anscheinend gewöhnt. Ich werde in der Regel ganz nach Art der Großstadt ignoriert, und das ist mir auch recht so.



Angesprochen werde ich äußerst selten, meistens Straßenhändler, die Sonnenbrillen, T-Shirts oder anderen Ramsch verkaufen wollen. Im Gegensatz zu manch anderen touristisch geprägten Ländern reicht ein einziges „No!“, ein lächelndes Kopfschütteln oder simples Ignorieren aber aus, um sie die Lust verlieren zu lassen.

Noch mehr überrascht mich, wie wenig hier gebettelt wird. Ich hatte Horden mafiamäßig organisierter Bettlerheere erwartet. Davon ist hier keine Spur. Im Gegenteil gilt die Regel: Je ärmer die Gegend, desto unwahrscheinlicher wird gebettelt. Die wenigen professionellen Bettler sind ausschließlich an lukrativen Stellen um den Bahnhof, vorm Strand oder bei anderen Touristenmagneten anzutreffen.



Manchmal gebe ich einen sehr kleinen Geldbetrag, manchmal teile ich Essen (z.B. Bananen oder mein Bhel vom Straßenstand), und manchmal gebe ich auch einfach gar nichts. Kommt ganz darauf an wie ich die allgemeine potenzielle Arbeitskraft des Bettelnden einschätze.

Ein gesunder Mann kann trotz größter Armut immer noch kleine Dienstleistungen anbieten (auf dem Bürgersteig wird nämlich nicht nur geschlafen oder Ramsch verkauft, sondern auch Bart und Haare gestutzt, Schuhe geputzt, ja manchmal sogar professionell Ohren gereinigt) oder Tee feilzubieten, diesen ehrbaren Verdienst unterstütze ich lieber mit etwas Geld.

Ansonsten kommen die Leute selten auf einen zu. Manchmal möchten junge Männer mit mir ihr Englisch trainieren und fragen, woher ich komme, erzählen von ihren Familien, von Indien, oder versuchen mir freundlicherweise den Weg zu erklären, wenn ich mal etwas orientierungslos dreinschaue.

Am „Gateway of India“, das auch sehr viele indische Touristen aus dem ganzen Land anzieht, kommt es dann doch soweit: Mehrere Familien wollen sich mit mir fotografieren lassen. Ich dachte erst, ich sollte ein Foto von ihnen zusammen machen, aber stattdessen wollen sie anscheinend lieber einen Weißen in ihre Erinnerungen an den Mumbai–Ausflug verewigen.

Ich komme mit einem Aussteiger aus Schweden ins Gespräch. Der etwa 50jährige Rucksacktourist hat vor zwei Monaten seine Wohnung und seinen Job als Schulpsychologe gekündigt, um nun seinen Traum von einer Weltreise zu verwirklichen und dahin zu gehen „where my feet take me“. Zwei Stunden genießen wir plaudernd die Sonne, das Meer und die Tanzaufführungen am Gateway, machen Fotos mit fröhlich lächelnden indischen Familien, in denen meistens nur der älteste Sohn etwas Englisch spricht, und gehen dann wieder unserer Wege. Solche Begegnungen hat man hier immer wieder, plauscht locker mit Australiern, Amerikanern und Kanadiern, und tauscht Erfahrungen und Empfehlungen aus.

Nach ausreichend Erholung und Einbruch der Dunkelheit gegen 18:00 Uhr ziehe ich tiefer hinein nach Colaba, dem Touristenviertel. Verglichen mit dem Rest der Stadt, ist es hier fürchterlich: Die Klischee-Bilder des bettelnden Krüppels im Wägelchen, vom vielleicht 10jährigen Mädchen mit Baby im Arm, und von hemmungslos klagenden grauhaarigen Witwen auf der Straße sind hier alle vertreten.

Während man dann durch die komplett kommerzialisierte Straße des Leopold’s Café (Shantaram-Leser erinnern sich) streift, kann man vor lauter Ramschläden kaum auf dem Bürgersteig treten. Zum ersten (und bisher letzten) mal sind die Leute wirklich aufdringlich.

Nach einer kleinen Verschnaufpause in einem allzu klimatisierten Nike-Shop, in den anscheinend nur Weiße vom Wachpersonal eingelassen, dafür aber von allen fünf Verkäufern persönlich mit Handschlag begrüßt werden, umfängt mich wieder die angenehm warme Meeresbrise der Stadt, voller Duft nach frischer Zuckerrohrlimonade und würzig-leichtem Sandelholz.

Ich merke zuerst gar nicht, dass die leise raunende Stimme zu mir spricht, die ich plötzlich links von mir orte. Ein schmaler Teenager-Junge, einen Kopf kleiner als ich, folgt mir wie ein Schatten. Immer eng bei mir, genau mein Schritttempo einhaltend und so unauffällig, dass er mir selbst nicht aufgefallen wäre, wenn er mir nicht selbst ins Ohr flüstern würde.

„Do you want Marihuana, Hash? Good quality! Really good stuff! Look!”

Er deutet mit einer Geste auf seine Hand, in der sich ein kleiner in Plastikfolie eingewickelter brauner Klumpen befindet. Ich verzichte und gehe weiter, nach einigen Metern verliert er das Interesse und bleibt hinter mir zurück. Das gleiche Spiel passiert mir noch ein paar mal auf demselben Bürgersteig mit ähnlich jungen Dealern. Der letzte erweitert sein Angebot nach meinem Desinteresse an Drogen schließlich noch um Prostituierte, die er mit „cheap and sexy“ anpreist. Oh Gott, wie ich touristische Orte hasse!

Apropos Gott: „There is no Christmas without Jesus“ prangert es von der Leuchttafel der nahe gelegenen Wesley-Kirche, dem groteskesten Ort für meinen ersten Tag in der Stadt. Man stelle sich eine gotische Kirche vor, die in die billige Weihnachtsdekoration eines großen Einkaufscenters gezwängt wurde. Die Palmen im Vorhof sind über und über mit bunt blinkenden Girlanden umwickelt, genauso wie die Jahrhunderte alten prächtigen Steinbauten nach unbestreitbar europäischem Vorbild.



Das Kirchenschiff ist mit einer Doppelreihe wild kreisender ventilatoren ausgestattet und neben dem Altar steht ein Plastik-Weihnachtsbaum im selben grün-blau-pink-gelb-rot-violetten Licht der wild blinkenden Girlanden. Dazu steht die Tür zur Hauptstraße offen, sodass man vor lauter Gehupe (der stetige Soundtrack der Stadt) seine eigenen Gebete nicht mehr hört.

Merry Christmas!

25.12. Erste Eindrücke

Nach diesem schmackhaften Mittagessen ging es dann zum ersten mal wirklich in diese verrückte, laute, hektische, und einfach wundervolle Stadt hinein. Beschreiben kann man das nicht.

Mumbai ist ein Ort wie keiner, an dem ich je war. So viele Menschen wie hier, ihre Sprachen, ihre Alltagsgeschäfte, ihre Bräuche – alles ist bunt, farblich und metaphorisch gesprochen.

Egal wohin man schaut, es scheint als passiere überall etwas Interessantes. Dort treiben Händler ihre Schachereien, da spuckt ein Mann roten Betelsaft quer über die Straße, ein Lastenträger rollt seinen Karren zwischen beiden hindurch, entgegen kommen zwei ins Gespräch vertiefte Frauen mit prächtigen golddurchwirkten Saris und überall hupt, klingelt oder schreit der Verkehr in den von Menschen verstopften Straßen.
In der CST Railway Station ist die Hölle los. Wer „Slumdog Millionaire“ gesehen hat, mag sich an die Endszene in diesem Bahnhof mit Tanzeinlage nach Bollywood-Manier erinnern. Auch heute sind hier unfassbar viele Menschen. Am Metalldetektor, der munter vor sich hin piept, ohne dass es irgendjemanden interessiert, stoße ich beinahe mit zwei buddhistischen Mönchen zusammen. Weiter hinten auf einem Bahnsteig fällt mir ein seltsames Schild auf, das auf extra Waggons für Behinderte und Krebskranke hinweist – inklusiver einer schematischen Krebszeichnung.



Da der Ticketschalter geschlossen ist, geht es aus dem prächtigen Gebäude, der ehemaligen Victoria Station, wieder hinaus in die „winterliche“ Hitze.



Die Filiale der Deutschen Bank wird von einer kleinen Privat-Armee blau uniformierter Wachen mit Holzknüppel bewacht, die mich darauf hinweist, dass sonntags geschlossen ist. Warum man dann trotzdem so viele Aufpasser braucht, bleibt mir unverständlich.

Dann plötzlich, eine Seitengasse weiter, säumen hohe exotische Bäume eine ruhige Straße. Alte verfallene Herrschaftshäuser im Kolonialstil geben dem ganzen eine Indiana-Jones-hafte Dschungel-Stimmung. Katzen balancieren auf den Dächern und trinken munter aus den Regenrinnen, während eine Frau einen großen Korb auf ihrem Kopf balanciert. An einem kleinen Shiva-Schrein bleibt sie stehen, legt ihre Handflächen zum kurzen Gebet aneinander, zieht weiter. Hinter der nächsten Ecke weiderum türmen sich Müllberge auf dem Bürgersteig. Darin vergraben sitzen eine Frau und ein Mann, suchen nach wertvollen oder zumindest verwertbaren Überresten.

Noch eine Abzweigung weiter komme ich wieder zu einer Hauptstraße. An dessen Rand wartet ein überladener Stand, der Zuckerrohrlimonade verkauft. Die Zuckerrohrstangen lagern auf dem Dach, werden von Hand geschält und mit einer antik anmutenden Gusseisen-Maschine gepresst, mit Zitronensaft vermengt und als kiwi-farbener dickflüssiger Saft aus Gläsern verkauft.

Als ich die große Menge trinkender Inder sehe, steigt mein Mut. Das Getränk für 10 Rs ist ausgesprochen lecker und erfrischend in der Mittagshitze, erinnert mich irgendwie an eine Art nicht-alkoholischen Caipirinha – klar, Rohrzucker + Limettensaft.


Dann wieder enge Gassen, in denen kleine Kinder zwischen hupenden Autos und gemächlich trottenden Kühen Cricket spielen. Ein alter brauner Tennisball und ein Palmenzweig reichen vollkommen aus, um Spaß zu haben.

Dazu gibt es eine unglaublich große Palette an Gerüchen – von lecker oder verführerisch über fremd bzw. unbestimmbar würzig bis hin zu ekelerregend. Am liebsten ist mir jedoch der Sandelholzduft, der einem immer wieder, teilweise an den ungewöhnlichsten Orten, vom Wind zugetragen wird.

Indien, das Land der Gerüche.

25.12. Jewan - Essen

Nach einem vierstündigen Schlaf in meinem kleinen aber zweckmässigen Hotelzimmer (siehe Foto vom Fensterausblick) lassen mir die Hitze, der Muhedin von der Moschee nebenan und meine eigene Vorfreude keine Ruhe mehr. Ich dusche – the Indian way – mit einem grossen Eimer, den ich zur Hälfte mit warmem Seifenwasser fülle, welches ich mit einem kleinen Eimer herausschöpfe und über mich leere. Kaum zu glauben wie wassersparend diese Technik ist.



Dann stelle ich meinen Magen auf die erste Probe. Keine zehn Schritte von meinem Hotel entfernt, hat ein Muslim sein Restaurant. Siddharth hatte es mir bereits empfohlen und auch jetzt ist es voller Menschen – alles Einheimische. Ich werte das als gutes Zeichen, trete ein, bekomme einen Tisch zugewiesen und eine Karte in die Hand, auf der ich kein einziges Gericht kenne.

Ich probiere es nach Kategorien. „Eggs & Brain“ ist wohl eher nichts für den Anfang. Ich entscheide mich für „Vegetables“ und lasse meinen Finger über den exotischen Namen kreisen.

Dal Pain, Chana Masala, Alu Palak… Aus einer Laune heraus bestelle ich Jaipuri. Ich schaue mich um. In dem komplett weiß gestrichenen Laden sitzen zwei Dutzend dunkelhäutige Gäste an abgewetzten Tischen und sprechen unverständliche Sprachen, während an der hohen Decke mehrere Ventilatoren ihr Bestes geben. Der Ladenbesitzer in traditioneller islamischer Tracht, komplett in Weiß gehüllt, mit Hut und eindrucksvollem Bart, steht an der Kasse und scheucht die vier oder fünf Kellner herum, die wohl alle jünger sind als ich.

Mein Essen kommt kaum zwei Minuten nach der Bestellung. Es gibt eine Schüssel Reis, eine Schale mit „grüner Soße“ (das muss das Jaipuri sein) und einen Teller mit geschnittener Zitrone. Ich mische den Reis mit der warmen Masse und probiere. Es schmeckt ausgezeichnet! Ein bisschen scharf zwar, aber je nach Reismenge gut auszuhalten. Ich bestelle Reis nach und lasse nichts übrig.

Die Zitrone esse ich zuletzt. Ob sie dafür oder zum Hände waschen gedacht ist, weiß ich nicht, aber ein paar Vitamine können schließlich nicht schaden.

Der Preis ist lachhaft billig und das Essen genial. „Chana Masala“ schmeckt beispielsweise ein bisschen wie Chili sin Carne mit mir unbekannten Hülsenfrüchten, in Form und Größe am ehesten mit Cashnew-Nüssen vergleichbar.

Ich war seitdem bereits dreimal dort und habe stets etwas Neues probiert, wie auch bei den Ständen auf der Straße. Sobald eine Gruppe von Indern etwas Interessantes isst, möchte ich es ebenfalls probieren.
Als letztes hatte ich bei meinem Muslim um die Ecke „Dal Fry Puri“, ebenfalls ein super schmackhaftes Gericht mit viel Koriander, siehe unteres Foto. Inklusive Reis, Chapati (sieht aus wie ein Pfannkuchen), und heißem Chai (Tee) kostet der gesamte Spaß umgerechnet immer noch weniger als ein Euro.

25.12. Taxi Taxi

Erster Eindruck: Es ist warm. Nicht heiss, aber drückend warm. Mein Schweizer Winteroutfit wird drastisch reduziert. Nun ist es angenehm. Da sich Siddharth nicht in die endlose Warteschlange für Prepaid-Taxis (die sicherste Variante, überteuerte Fahrpreise zu vermeiden) einreihen will und ich seinem Hindi ausreichend vertraue, machen wir uns auf den Weg aus den geschützten Flughafen mauern. Sofort strömen Taxifahrer von allen Seiten auf uns zu und reden auf uns ein. Ich halte mich strikt hinter Siddharth, der auf die abgehende Strasse zusteuert. Entschuldigung, ich meine natürlich Autobahn. Mit Rollkoffer und Umhängetasche geht es nun gefühlte 10 Minuten über den Asphalt, immer auf der schmalen unsichtbaren Geraden hinter Siddharth, der ein Gespür dafür zu haben scheint, wie man zwischen den rasant an uns vorbeirauschenden Taxis auf der einen Seite und den parkenden Autos und den wartenden Bettlern (manche davon sicherlich noch vor ihrem 6. Geburtstag) auf der anderen Seite gefahrlos einhergehen kann.
Schließlich spricht er einen Rikscha-Fahrer an. Kaum wurden zwei Sätze gewechselt, stehen plötzlich an die 10 Männer um uns herum und beginnen wild gestikulierend aufeinander einzureden. Ich verstehe kein Wort. Und so langsam frage ich mich, ob ich nicht doch lieber auf die Prepaid-Taxen hätte warten sollen. Es ist dunkel und um uns herum sind außer einer großen Autobahnbrücke und einigen Wellblechhütten nur noch auf dem Boden schlafende Menschen und streunende Hunde zu sehen.

„It’s OK! I made a deal with the Rikshaw driver. Get in!”

Allein mein Reisekoffer füllt die gesamte einzige Sitzreihe hinter dem Fahrer. Mit den Rollen im Rücken und den Händen ans Dach geklammert fühle ich wie der Fahrer beschleunigt.

Oh Gott, auch noch Linksverkehr. Aber die Fahrt macht auf seltsame Art und Weise Spaß. Erinnert mich irgendwie an die Kirmesattraktionen von früher. Wilde Maus im ungesicherten Waggon.

Wo wir auch hinfahren, es bleibt heruntergekommen und schmuddelig. Mehr Hunde, mehr Hütten, mehr schlafende Menschen auf dem Bürgersteig. Und gleichzeitig bin ich nicht geschockt, nicht angewidert oder frustriert. Ich bin glücklich. Endlich Indien, endlich da!

Und was verglichen mit Europa ärmlich aussieht, ist verglichen mit Europa unendlich faszinierender. Nach 48 Stunden mit weniger als 6 Stunden Schlaf ist von Müdigkeit keine Spur. Aufregend ist diese fremde Welt, ich weiß zeitweise gar nicht, wohin ich als erstes hinschauen soll.

Wir halten an der Auffahrt zur echten Autobahn. Umsteigen ins Taxi, gehört alles zum Deal. Der Rikscha-Fahrer muss unsere Weiterfahrt aushandeln, davon hängt sein Anteil an den anfänglich vereinbarten 400 Rupien [Rs] ab. Eine clevere Idee von Siddharth, fällt mir auf – so bleibt uns selbst das erneute Feilschen erspart. Der Taxifahrer bleibt hart, es werden Flüche und Verwünschungen ausgetauscht, die ich (vermutlich glücklicherweise) nicht verstehe, dann geht es weiter.

Da sich in dem kleinen kastenförmigen Ambassador auch kein Platz für meine Tasche und das übrige Gepäck findet, wird diese einfach auf das Dachgitter geworfen. Eine Entscheidung, die mir noch Nerven kosten wird.

Dann nehmen wir auf den pinken-schwarzen Sitzen mit Tigermuster Platz, nicken kurz der roten elefantenköpfigen Ganeesh-Statue über der Mittelkonsole zu, und düsen los. Die Stadt lässt zum ersten mal ihren Kontrastreichtum durchblicken: Zwischen Kloaken und Slums ragen moderne Wolkenkratzer hervor wie Tempelsäulen.

Der Fahrer beschleunigt, obwohl direkt vor uns ein man auf die Strasse tritt, um die achtspurige Autobahn zu Fuß zu überqueren. Haarscharf kommen wir an dem Mann vorbei, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit gemächlich geradeaus läuft. Zu allem Überfluss putzt er sich dabei auch noch die Zähne.

Tschak! Das erste Schlagloch. Mit Sorge gleiten meine Augen nach oben. Hoffentlich passiert meiner Tasche nichts. Der Fahrer muss sie vergessen haben, sonst würde er nicht so schnell fahren, schließlich ist sie nicht festgemacht. Tschak! Das zweite Schlagloch.

Gerade als ich den Fahrer bitten möchte, etwas vorsichtiger zu fahren, setzt dieser zum Überholmanöver an. Er beschleunigt auf 100 km/h und schert aus… in die Gegenfahrbahn! Auf der Autobahn! Ich sage nichts in diesem Moment – ich kann gar nichts sagen. Ich bin erst überrascht, dann froh noch zu leben, und letztlich amüsiert über mich selbst.

Tschak! Das dritte Schlagloch, vom Dach ist ein Rumpeln zu hören. Blitzschnell drehe ich mich um. Ist da im Dunkeln gerade etwas heruntergefallen? Länger schweigen geht nicht. Ich rede zuerst auf den Taxifahrer, dann auf Siddharth ein. Mein sorgenvoller Protest wird lachend übergangen: „First time India, eh?! No worries. I can see your bag in the mirror.“

OK, dann lasse ich mich eben darauf ein. Trotzdem frage ich alle zwei Minuten nach, ob meine Tasche noch sichtbar ist – nur so zur Sicherheit. Dazwischen erklärt mir Siddharth die Stadt, zeigt auf vorbeiziehende Slums, Parks und Hochhäuser, auf die Orte, an denen er gewohnt, gefeiert und gelacht hat. Und manchmal ist sogar er erstaunt über die Veränderungen. Vor allem die Umweltverschmutzung sei viel schlimmer geworden in den zwei Jahren, die er nicht hier war.

„You‘ve been too long in Switzerland, eh?!“, gebe ich grinsend zurück. „Yeah, maybe…“

Wir tauschen Nummern und Emailadressen aus, und ich wünsche ihm eine schöne Urlaubswoche mit seiner Familie und seinen Freunden. Geld von mir für die Taxifahrt Hilfe lehnt er strikt ab.
„You can offer me a beer in Fribourg when you’re back.” Deal.

24./25.12. Travel Trouble

Wow! Bombay ist unglaublich, kaum in Worte zu fassen.
Ich weiß nur, dass es mir hier gefällt. Bin ich verrückt, wenn es sich hier mehr danach anfühlt, zuhause zu sein anstatt in der Fremde?

Aber der Reihe nach, die Reise verlief ja nicht gerade nach Plan…

Freitag Abend machte ich mich also auf die Reise und nahm den letzten Zug nach Genf, um morgens rechtzeitig einzuchecken zu können. Die Nacht auf dem vorweihnachtlichen Flughafen war eher unterdurchschnittlich gemütlich, vor allem ob der Sorge um Hab und Gut, von Laptop bis Bargeld.

Von Genf nach Zürich verging die Reisezeit wortwörtlich wie im Flug - kaum hatten wir Reisehöhe erreicht, meldete sich der Captain, teilte uns witzigerweise mit, dass wir uns nun über Fribourg befinden und zum Landeanflug ansetzen. Als er die Ansage auf Englisch wiederholte, waren wir bereits über Bern. So klein ist die Schweiz.

Mit dem Handgepäck gings es nun also nochmal in die Duty-Free-Zone in Zürich, wo man u.a. exzellente Schweizer Schokolade feilgeboten bekommt, was ich direkt als brauchbares Gastgeschenk deutete. Wie gut diese nun mit den Temperaturen zurecht kommt, werde ich spätestens in Pune erfahren…

Der Airport Zurich ist bermerkenswert grösser als Genf. Zum jeweiligen Gate wird man mit einer Art kitschiger U-Bahn befördert, in der fernklingendes Gejodel und hinterschwelliges Kuhglockengebimmel jegliche Touristenherzen höher schlägen lässt. Die Tür öffnet sich dann zu einem langgezogenen „Muuuh!“. Die Hindus hier wären begeistert!

Nach diesem ersten Kulturschock ging‘s dann ab in den Flieger, eine vollbesetzte Maschiene voller Inder – und mir. Welcher Europäer ist schließlich so blöd, den kompletten Weihnachtstag im Flugzeug zu verbringen?

Das muss sich zumindest unser Pilot gedacht haben, denn kurz nach Istanbul drehte er „aufgrund eines technischen Problems“ kurzerhand um und flog zurück nach Zürich. In der allgemeinen Entrüstung lernte ich meinen Nebensitzer kennen, Siddarth, ein Bombayer, der seit ein paar Jahren im schweizerischen Kanton Zug für eine grosse Trading-Firma arbeitet. Stahl, Nickel, Kobalt – aus Afrika oder Brasilien nach Indien, Russland oder China – oder je nach Preislage auch umgekehrt.

Seine Bekanntschaft sollte mir später noch sehr nützlich sein, doch vorerst unterhielten wir uns über gemeinsam gelesene Bücher wie Shantaram und Siddhartha, über den Unterschied zwischen indischen und europäischen Frauen, und natürlich über Indien.

Glücklicherweise hatte man schnell einen Ersatzflug gefunden, der alle Passagiere mit ca. 8 Stunden Verspätung doch noch nach Bombay fliegen sollte. Die breite Videothek der Swiss International Airline kommt in solchen Situationen mehr als gelegen. Vor allem den Film „Beginners“ kann ich sehr empfehlen. Das Flugzeugmenü hingegen eher nicht. Zweimal Weihnachtstruthahn aus der Alufolie muss echt nicht sein…

Alles andere lief dann jedoch problemlos. Und der zauberhaft schöne nächtliche Blick auf Istanbul, Teheran und Bombay kann für so manches entschädigen.

Freitag, 23. Dezember 2011

Und plötzlich ist es soweit...

Wow! Das ging schneller als erwartet. Zwischen Prüfungsvorbereitung, Weihnachtsstress und Abschiedsfeiern rinnt die Zeit nur so davon und plötzlich steht man mit gepackten Koffern in seinem Zimmer und fragt sich, wie es denn nun tatsächlich soweit sein kann.
Aber nur Mut, ich bin gut vorbereitet (siehe Foto) und mit sämtlichen guten Tipps, frohen Glückwünschen und mütterlichen Ratschlägen ausgestattet, sodass ich vorerst optimistisch in dieses Abenteuer starten kann.
In einer Stunde sitze ich im Zug nach Genf, in 11 Stunden beschleunige ich gerade auf dem Rollfeld, und in 24 Stunden bin ich bereits ein weiterer Gestrandeter auf Mumbais International Airport...
So langsam wird es spannend!

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Halleluja!

Endlich ist es soweit, das Arbeitsvisum wurde in letzter Minute bewilligt und fliegt mir per Kurier entgegen.
Alles andere hätte mich auch in arge organisatorische Schwierigkeiten gestürzt. Auf ein Backpacker-Urlaub bin ich derzeit in etwa so gut vorbereitet wie Europa auf die Schuldenkrise.
Einziger Unterschied: Ich habe mir gestern bei Amazon einen unauffälligen Ledergürtel mit Geheimfach für grössere Geldsummen gekauft, sodass ich selbst nach unvorhersehbaren Überfällen oder Verlust (an) der Börse flüssig bleibe.
Beruhigend zu wissen, dass ich für die kommenden zwei Monate einen Arbeitsplatz, eine feste Wohnung und verlässliche Ansprechpartner bei AIESEC und ZF haben werde.
Die touristischen Ausflüge sind natürlich nicht gestrichen. Vor allem am Wochenende möchte ich viel reisen und die jetzige Situation erlaubt es mir darüber hinaus, mir ein eigenen Scooter zu mieten, sodass ich auch im Alltag mobil und nicht auf Taxis/Rikshas angewiesen bin.
Ein Europäer ohne Rollererfahrung im indischen Verkehr - wenn das mal kein Abenteuer für sich gibt...

Montag, 12. Dezember 2011

Auf dem heissen Stein...

Und noch immer ist nicht raus, was genau ich in Indien tun werde.
Mein Schicksal liegt schon seit geraumer Zeit in den Händen des indischen Konsulates in München. Die Entscheidung, ob mir ein Arbeits- bzw. Trainingsvisum für mein Praktikum gewährt wird, muss wohl noch etwas ausgiebiger aus dem Kaffeesatz gelesen werden, denn seit ca. anderthalb Monaten steht diese Frage im Raum.
Mal wird ein persönliches Statement von mir gefordert, dann ein Einladungsschreiben der Firma, dann doch nochmals ein finanzieller Nachweis über meine eigene Bonität und nun hüllt man sich wieder gekonnt in Schweigen.
Die definitive Entscheidung hatte ich für heute erwartet, wurde nun aber doch wieder auf Mittwoch vertröstet. Problematisch dabei ist, dass mir so langsam die Zeit davon läuft, und selbst der "Notfallplan Touristenvisum" dann terminlich sehr knapp wird.
Schliesslich könnte ich die gebuchten zwei Monate auch mit Reisen zubringen, wenn es denn nicht anders geht. Und eine zweimonatige Praktikantentätigkeit ohne Entsendung und Kostenübernahme aus Deutschland ist leider noch so aussergewöhnlich, dass mir niemand eine (Miss)erfolgsprognose aussprechen will. Da bleibt nur Warten...
Doch für den Ernstfall kämen mir sicherlich viele Ideen, womit man die zwei freien Monate füllen könnte: eine Meditationswoche im buddhistischen Kloster, Teeauslese in Darjeeling, Ruinenerkundung in Hampi, Strandurlaub in Goa, Bergwanderung im Himalaya, Tempeltour in Varanasi, Slumabenteuer in Mumbai, Basarshopping in Neu-Delhi oder einfach nur Backpacking querfeldein...
Eine indienerfahrene Freundin meinte vor kurzem zu mir, realistisch gesehen bräuchte man ein Jahr pro Bundesstaat - und von denen gibt es in Indien 28!
Also selbst wenn es mit dem Arbeitsvisum nichts mehr werden sollte, langweilig wird es sicher nicht...

Mittwoch, 7. Dezember 2011