Am nächsten
Morgen geht es früh aus den Federn, heute möchte ich den Rest des
UNESCO-Weltkulturerbes besichtigen, das größtenteils außerhalb der Stadt liegt.
Ich miete mir eine Rikscha inklusive Fahrer für einen halben Tag und los geht die Tour über staubige Straßen durch die tropische Flora, hin zu unzähligen Tempeln, turmbewehrten Festungen, gut versteckten Kellergewölben, weitläufigen Parkanlagen, adeligen Wohnquartieren und kunstvollen Badehäusern, die seit anderthalbtausend Jahren der Witterung trotzen.
Busfahren kann ja so entspannend sein!
Ich miete mir eine Rikscha inklusive Fahrer für einen halben Tag und los geht die Tour über staubige Straßen durch die tropische Flora, hin zu unzähligen Tempeln, turmbewehrten Festungen, gut versteckten Kellergewölben, weitläufigen Parkanlagen, adeligen Wohnquartieren und kunstvollen Badehäusern, die seit anderthalbtausend Jahren der Witterung trotzen.
Bei jeder
Station erklärt mir mein Fahrer in ein paar kurzen Sätzen die Architektur und
den historischen Hintergrund, dann gehe ich mit Kamera im Anschlag auf Entdeckungstour,
während er mit seinen Kollegen schwatzt oder auf der Rückbank döst, bis ich
alles erkundet habe.
Und überall
treffe ich wieder Horden von Schulkindern und anderen indischen Touristen, die
mich anfassen oder ein Foto mit mir machen möchten.
„Happy New
Year! Where are you from?“ schallt es aus allen Richtungen.
Die
VIP-Gefühle vom Vortag flammen wieder auf, doch als nach dem zehnten Foto immer
noch mehr Menschen auf mich zuströmen und ich bereits von mehr als hundert
neugierigen Augen umringt bin, beschließe ich dann doch, den taktischen Rückzug
anzutreten und die nächste Station anzusteuern.
Nach 5
Stunden haben wir sämtliche Sehenswürdigkeiten der Umgebung abgeklappert, mein
Wasser ist alle, die Speicherkarte voll, und der erste Sonnenbrand kündigt sich
kneifend in meinem Nacken an.
Als ich
zurück in Hampi auf die Hauptstraße trete, laufe ich noch vor verabredeter Zeit
Babu in die Arme.
Da er
Moslem ist, begrüße ich ihn mit einem herzlichen „Salem Aleikum.“
„Wa Aleikum
salaam.“ erwidert er traditionsgemäß mit einem freudigen Lächeln im Gesicht,
das seine blitzweissen Zähne unter dem dichten Schnurrbart entblößt.
Seine
Taschen quellen über vor Götterstatuen, Bambusflöten, kunstvoll geschnitzten
Schmuckschatullen, duftenden Fächern aus Sandelholz, und anderen Souvenirs, die
heute, am ersten Tag des neuen Jahres, immer noch wenige Abnehmer in der leer
gefegten Stadt finden.
„Meine Frau
weiß Bescheid, dass du kommst, sie kocht extra etwas mehr. Aber noch ist Zeit
bis zum Mittagessen und heute ist nichts los. Komm, wir trinken einen Chai
zusammen.“ Nichts dagegen.
Am Teestand
leistet uns Babus zwölfjähriger Sohn Rafik Gesellschaft, der bereits die exakt
gleichen Güter wie sein Vater umgeschnallt trägt und ebenfalls nach
interessierten Touristen Ausschau hält. Die Familie ist auf die Einnahmen
angewiesen.
Nach
einiger Zeit machen wir drei uns auf den Weg zu Babus Haus, das ca. eine halbe
Stunde außerhalb des touristischen Hampi liegt.
Der Weg ist schön, führt uns an
Flussufern, märchenhaft zugewucherten Tempelruinen und massiven Felsbrocken
vorbei, bis wir eine ländliche Siedlung erreichen, in der uns Kinder spielend
und lachend voraus rennen, Esel träge ihr Heu kauen, und die Frauen in bunten
Saris gerade die Wäsche zum Trocknen in der Mittagshitze aufhängen.
Wir
erreichen ein niedriges Haus mit einem kleinen ummauerten Vorhof. Dort ziehen
wir unsere Schuhe aus, und ich wasche mir, dem Vorbild Babus folgend, Füße,
Hände und Gesicht. Fließend Wasser gibt es nur morgens für zwei Stunden am Tag,
darum schöpfen wir das kühle Nass aus einem großen Eimer im Schatten des
Hauses. Die Erfrischung tut gut und so langsam spüre ich auch einen kleinen
Hunger.
Das „Haus“
hat gerade einmal zwei Zimmer. Ich begrüße Babus Frau, die soeben aus der Küche
tritt, und lasse mich im Hauptraum auf dem Boden nieder. Stühle oder Tische
gibt es nicht, die Familie braucht den Platz zum Schlafen. Hinter der Tür
lagern noch mehr von Babus Waren und bearbeitbare Rohmaterialien. Sieben Tage
die Woche bringt er morgens bis abends auf den Straßen Hampis zu, nur zum
Mittagessen geht er nach Hause, und bei Einbruch der Nacht schnitzt er neue
Holzflöten und Schmuckkästchen für den Verkauf.
Babus Frau
serviert zuerst mir, dann Babu, dann Rafik, und zuletzt den zwei kleinen
Nachbarkindern, die neugierig auf den fremden Besuch waren, die Gerichte. Sie
selbst hat mit dem Essen zu warten bis die Männer im Haus mit ihrem Mahl fertig sind.
Das mir
unbekannte vegetarische Reisgericht mit Gemüse ist unglaublich gut, dazu gibt
es Kokosnuss-Chutney, Chapatis und einen scharfen Currytopf. Im Schneidersitz
schlemme mich durch die verschiedenen Platten, trinke meinen Chai und plaudere
mit Babu und Rafik, bis ich mit höflichem aber deutlichem Nachdruck den dritten
Nachschlag verweigern muss und mich gesättigt zurücklehne.
Die einzige
Schwierigkeit besteht darin, dass es kein Besteck gibt. Sämtliche noch so
saftige Happen müssen also mit der rechten Hand (denn die linke ist
ausschließlich für unreine Tätigkeiten zu verwenden!) zusammengepresst, in die
Handfläche gelegt und mit dem Daumen in den Mund befördert werden. Die
Nachbarkinder schauen mir neugierig zu wie ich einige unsaubere Anläufe brauche
bis mir die Technik endlich gelingt. Am Schluss gibt es noch eine kleine
Baby-Banane, die süßer schmeckt als alle Exemplare, die ich jemals zuvor
probiert habe.
Das sind
die Erlebnisse, die für mich das Alleinereisen so spannend machen.
Letztes Wochenende haben wir zu fünfzehnt in Goa verbracht und hatten natürlich eine Menge Spaß in unserer großen Gruppe. Für faule Strandtage und exzessive Partynächte mag das sicherlich die bessere Variante sein.
Aber für das echte Eintauchen in eine andere Kultur ist man auf sich allein gestellt viel offener und empfänglicher für spontane Impulse. Nicht nur weil man sich viel freier und unabhängiger bewegen kann, sondern auch weil man freiwillig oder zwangsläufig mit viel mehr anderen Menschen in Kontakt kommt.
Letztes Wochenende haben wir zu fünfzehnt in Goa verbracht und hatten natürlich eine Menge Spaß in unserer großen Gruppe. Für faule Strandtage und exzessive Partynächte mag das sicherlich die bessere Variante sein.
Aber für das echte Eintauchen in eine andere Kultur ist man auf sich allein gestellt viel offener und empfänglicher für spontane Impulse. Nicht nur weil man sich viel freier und unabhängiger bewegen kann, sondern auch weil man freiwillig oder zwangsläufig mit viel mehr anderen Menschen in Kontakt kommt.
Alleine reisen heißt nicht alleine sein –
vor allem nicht in so einem überbevölkerten Land wie Indien. Man weiß nie was
passiert...
Nach dem
Essen durchlaufen wir noch einmal dieselbe Waschprozedur, was nach dem ganzen
Gemantsche mit den Fingern auch durchaus Sinn macht, dann begeben wir uns auf den Rückweg, der uns wieder in das von unzähligen Affen behauste Hampi bringt - etwas außerhalb gibt es sogar einen "Monkey Temple", der den bepelzten Kleingangstern und ihrer hinduistischen Entsprechung, dem Gott Hanuman, gewidmet ist.
Zurück in
der Stadt verabschieden wir uns brüderlich – ich bin immer noch überwältigt ob der
offenherzigen und selbstlosen Gastfreundschaft, die ich hier erfahren habe.
„In Indien
sind Gäste zu behandeln... wie Gott. Das ist eine alte Tradition, die im ganzen
Land und in allen Schichten verbreitet ist, aber in den großen Städten langsam
verloren geht.“ erklärt Babu.
Dann drücke ich ihm ein letztes mal die Hand,
sage Lebewohl, und nehme den Bus nach Hospet, um von dort aus meinen
vollklimatisierten Luxusbus zurück nach Pune zu besteigen.
„Mrs.“
Schilske schaut über den eingebauten Bordfernseher noch eine Bollywood-Komödie
auf Hindi an, dann versinke ich sanft schaukelnd in einen süßen Schlaf, der
mich über Nacht bis nach Hause trägt.Busfahren kann ja so entspannend sein!
das ist seeeeehr interessant!!!!
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