Sonntag, 22. Januar 2012

Hampi II

Am nächsten Morgen geht es früh aus den Federn, heute möchte ich den Rest des UNESCO-Weltkulturerbes besichtigen, das größtenteils außerhalb der Stadt liegt.

Ich miete mir eine Rikscha inklusive Fahrer für einen halben Tag und los geht die Tour über staubige Straßen durch die tropische Flora, hin zu unzähligen Tempeln, turmbewehrten Festungen, gut versteckten Kellergewölben, weitläufigen Parkanlagen, adeligen Wohnquartieren und kunstvollen Badehäusern, die seit anderthalbtausend Jahren der Witterung trotzen.



Bei jeder Station erklärt mir mein Fahrer in ein paar kurzen Sätzen die Architektur und den historischen Hintergrund, dann gehe ich mit Kamera im Anschlag auf Entdeckungstour, während er mit seinen Kollegen schwatzt oder auf der Rückbank döst, bis ich alles erkundet habe.
Und überall treffe ich wieder Horden von Schulkindern und anderen indischen Touristen, die mich anfassen oder ein Foto mit mir machen möchten.
„Happy New Year! Where are you from?“ schallt es aus allen Richtungen.



Die VIP-Gefühle vom Vortag flammen wieder auf, doch als nach dem zehnten Foto immer noch mehr Menschen auf mich zuströmen und ich bereits von mehr als hundert neugierigen Augen umringt bin, beschließe ich dann doch, den taktischen Rückzug anzutreten und die nächste Station anzusteuern.



Nach 5 Stunden haben wir sämtliche Sehenswürdigkeiten der Umgebung abgeklappert, mein Wasser ist alle, die Speicherkarte voll, und der erste Sonnenbrand kündigt sich kneifend in meinem Nacken an.
Als ich zurück in Hampi auf die Hauptstraße trete, laufe ich noch vor verabredeter Zeit Babu in die Arme.
Da er Moslem ist, begrüße ich ihn mit einem herzlichen „Salem Aleikum.“
„Wa Aleikum salaam.“ erwidert er traditionsgemäß mit einem freudigen Lächeln im Gesicht, das seine blitzweissen Zähne unter dem dichten Schnurrbart entblößt.
Seine Taschen quellen über vor Götterstatuen, Bambusflöten, kunstvoll geschnitzten Schmuckschatullen, duftenden Fächern aus Sandelholz, und anderen Souvenirs, die heute, am ersten Tag des neuen Jahres, immer noch wenige Abnehmer in der leer gefegten Stadt finden.
„Meine Frau weiß Bescheid, dass du kommst, sie kocht extra etwas mehr. Aber noch ist Zeit bis zum Mittagessen und heute ist nichts los. Komm, wir trinken einen Chai zusammen.“ Nichts dagegen.
Am Teestand leistet uns Babus zwölfjähriger Sohn Rafik Gesellschaft, der bereits die exakt gleichen Güter wie sein Vater umgeschnallt trägt und ebenfalls nach interessierten Touristen Ausschau hält. Die Familie ist auf die Einnahmen angewiesen.
Nach einiger Zeit machen wir drei uns auf den Weg zu Babus Haus, das ca. eine halbe Stunde außerhalb des touristischen Hampi liegt.


Der Weg ist schön, führt uns an Flussufern, märchenhaft zugewucherten Tempelruinen und massiven Felsbrocken vorbei, bis wir eine ländliche Siedlung erreichen, in der uns Kinder spielend und lachend voraus rennen, Esel träge ihr Heu kauen, und die Frauen in bunten Saris gerade die Wäsche zum Trocknen in der Mittagshitze aufhängen.

Wir erreichen ein niedriges Haus mit einem kleinen ummauerten Vorhof. Dort ziehen wir unsere Schuhe aus, und ich wasche mir, dem Vorbild Babus folgend, Füße, Hände und Gesicht. Fließend Wasser gibt es nur morgens für zwei Stunden am Tag, darum schöpfen wir das kühle Nass aus einem großen Eimer im Schatten des Hauses. Die Erfrischung tut gut und so langsam spüre ich auch einen kleinen Hunger.
Das „Haus“ hat gerade einmal zwei Zimmer. Ich begrüße Babus Frau, die soeben aus der Küche tritt, und lasse mich im Hauptraum auf dem Boden nieder. Stühle oder Tische gibt es nicht, die Familie braucht den Platz zum Schlafen. Hinter der Tür lagern noch mehr von Babus Waren und bearbeitbare Rohmaterialien. Sieben Tage die Woche bringt er morgens bis abends auf den Straßen Hampis zu, nur zum Mittagessen geht er nach Hause, und bei Einbruch der Nacht schnitzt er neue Holzflöten und Schmuckkästchen für den Verkauf.
Babus Frau serviert zuerst mir, dann Babu, dann Rafik, und zuletzt den zwei kleinen Nachbarkindern, die neugierig auf den fremden Besuch waren, die Gerichte. Sie selbst hat mit dem Essen zu warten bis die Männer im Haus mit ihrem Mahl fertig sind.
Das mir unbekannte vegetarische Reisgericht mit Gemüse ist unglaublich gut, dazu gibt es Kokosnuss-Chutney, Chapatis und einen scharfen Currytopf. Im Schneidersitz schlemme mich durch die verschiedenen Platten, trinke meinen Chai und plaudere mit Babu und Rafik, bis ich mit höflichem aber deutlichem Nachdruck den dritten Nachschlag verweigern muss und mich gesättigt zurücklehne.
Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass es kein Besteck gibt. Sämtliche noch so saftige Happen müssen also mit der rechten Hand (denn die linke ist ausschließlich für unreine Tätigkeiten zu verwenden!) zusammengepresst, in die Handfläche gelegt und mit dem Daumen in den Mund befördert werden. Die Nachbarkinder schauen mir neugierig zu wie ich einige unsaubere Anläufe brauche bis mir die Technik endlich gelingt. Am Schluss gibt es noch eine kleine Baby-Banane, die süßer schmeckt als alle Exemplare, die ich jemals zuvor probiert habe.
Das sind die Erlebnisse, die für mich das Alleinereisen so spannend machen.

Letztes Wochenende haben wir zu fünfzehnt in Goa verbracht und hatten natürlich eine Menge Spaß in unserer großen Gruppe. Für faule Strandtage und exzessive Partynächte mag das sicherlich die bessere Variante sein.

Aber für das echte Eintauchen in eine andere Kultur ist man auf sich allein gestellt viel offener und empfänglicher für spontane Impulse. Nicht nur weil man sich viel freier und unabhängiger bewegen kann, sondern auch weil man freiwillig oder zwangsläufig mit viel mehr anderen Menschen in Kontakt kommt.
Alleine reisen heißt nicht alleine sein – vor allem nicht in so einem überbevölkerten Land wie Indien. Man weiß nie was passiert...
Nach dem Essen durchlaufen wir noch einmal dieselbe Waschprozedur, was nach dem ganzen Gemantsche mit den Fingern auch durchaus Sinn macht, dann begeben wir uns auf den Rückweg, der uns wieder in das von unzähligen Affen behauste Hampi bringt - etwas außerhalb gibt es sogar einen "Monkey Temple", der den bepelzten Kleingangstern und ihrer hinduistischen Entsprechung, dem Gott Hanuman, gewidmet ist.

Zurück in der Stadt verabschieden wir uns brüderlich – ich bin immer noch überwältigt ob der offenherzigen und selbstlosen Gastfreundschaft, die ich hier erfahren habe.
„In Indien sind Gäste zu behandeln... wie Gott. Das ist eine alte Tradition, die im ganzen Land und in allen Schichten verbreitet ist, aber in den großen Städten langsam verloren geht.“ erklärt Babu.
Dann drücke ich ihm ein letztes mal die Hand, sage Lebewohl, und nehme den Bus nach Hospet, um von dort aus meinen vollklimatisierten Luxusbus zurück nach Pune zu besteigen.
„Mrs.“ Schilske schaut über den eingebauten Bordfernseher noch eine Bollywood-Komödie auf Hindi an, dann versinke ich sanft schaukelnd in einen süßen Schlaf, der mich über Nacht bis nach Hause trägt.

Busfahren kann ja so entspannend sein!

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