Donnerstag, 12. Januar 2012

Arriving in Pune

Aus Mumbai kommend ist Pune sowas wie India light – immer noch eine Millionenstadt, aber so viel grüner, so viel mehr Platz, so viel ruhiger.

Tatsächlich hört man die allgegenwärtige Hupe durchschnittlich nur noch alle 10 statt jede Sekunde, und die Straßen sind breiter, teilweise sogar von Bäumen, Büschen und Wiesen gesäumt.

Zuerst geht es jedoch mit dem Taxi vom Hotel in Mumbai eine halbe Stunde zur Busstation. Der Taxifahrer hat natürlich kein Wechselgeld. Anfängerfehler. Taxifahrer haben nie Wechselgeld, wenn sie merken, dass man nur in 100er-Scheinen bezahlen kann. Eine letzte Opfergabe also in den nimmersatten Rachen dieser verrückten Stadt.

Mit dem hochmodernen, komfortablen Volvo-Bus, dessen Klimaanlage viel zu stark für diese Jahreszeit arbeitet, geht es aus dem versmogten Bombay im Stop-and-Go durch die verstopften Straßen, bis uns die hitzig-hektische Stadt endlich auf die gut asphaltierte Autobahn (in Indien eine Rarität) entlässt, und der Horizont weiter und klarer zu werden beginnt.

Die Gegend wird ländlicher und ärmlicher, die penetrante Umweltverschmutzung fällt hier in der Natur noch mehr auf als zwischen den grauen Häusern der Stadt. Der Müll ist einfach überall in Indien!

Und da Mülleimer im Regelfall sowieso unauffindbar sind, ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass absolut jeder (und da schließe ich mich nicht aus) seine Bananenschalen und Plastikflaschen einfach in den nächsten Straßengraben wirft.

Hin und wieder halten wir an, nehmen weitere Fahrgäste an Brücken und Autobahnkreuzen auf. Dort warten dann auch schon Gruppen von Jugendlichen, die mit Chips, Wasser oder Schuhpolitur bewaffnet den Bus stürmen und lärmend ihre Produkte und Dienstleistungen feilbieten.

Der Busfahrer wartet nicht auf ihren Ausstieg – wer zu lange braucht, muss aus dem bereits wieder fahrendem Bus springen und zurück laufen.

Das Gelände steigt an, schließlich geht es über weit geschwungene Serpentinen die West-Ghat-Berge hinauf – Pune liegt immer noch relativ tief auf ca. 600 Metern über dem Meeresspiegel, doch das Klima ist bereits um einiges kühler und angenehmer als in Bombay.
Das ist Pune (Balkonausblick):


Nach ca. 4 Stunden erreichen wir die Endstation. Mit einer Rikshaw geht es nun in mein neues Zuhause: Brahma Sun City.
Wir fahren durch das sonnige Pune in immer grüner und moderner werdende Gegenden, dann halten wir plötzlich vor einem mächtigen Eisentor mit mehreren Wachleuten vor Ein- und Ausfahrt. Dahinter erheben sich mehrere 9-stöckige Wohnkomplexe, moderne Architektur, frisch gestrichen, das letzte immer noch im Bau.
Dazwischen verlaufen grüne Parks mit hohen Palmen und bunten Blumen, Spielplätzte, Pools, breite, saubere Straßen (ohne Müll!), und herrliche Luft, alles von einer hohen Mauer umgeben. Ich muss im Paradies angekommen sein.

Hier werde ich also wohnen. Für meine Behausung hatte ich alles erwartet, von bescheiden bis hin zu armselig – bloß das nicht.
Nun ja, man gewöhnt sich an alles, nicht wahr?^^

Brahma Sun City ist tatsächlich eine Wohngegend hauptsächlich für internationale Besucher und reiche Inder – das Beverly Hills von Pune sozusagen. Solche  „Societies“ finden sich hier im Nordosten Punes, rund um die wohlhabende Gegend Koregaon Parc sehr häufig, genauso wie westliche Szenebars, Kinocenter, Shoppingmalls – ja sogar ein offizielles Hard Rock Cafe.

Nicht dass es irgendwas an der indischen Realität ändern würde – direkt hinter unseren zackenbewährten Schutzmauern stehen die gleichen Slum-Wellblechhütten wie in Dharavi, ironischerweise vermutlich von eben jenem Wachpersonal bewohnt, das hier rund um die Uhr an jeder Zufahrt und jedem Hauseingang sitzt und freundlich grüßt. Ohne ein Glauben an Karma und eine dementsprechend gestaltete Wiedergeburt sind solche Ungerechtigkeiten kaum auszuhalten.

Brahma Sun City ist und bleibt ein Rückzugsort für elendsmüde Seelen – eine hübsche künstliche Enklave im Strudel der Gegensätze.

AIESEC Pune hat hier zwei Wohnungen gemietet, ich wohne mit den Praktikanten zusammen, die wie ich ein professionelles Firmenpraktikum machen. Zu acht leben wir in der 3-Zimmerwohnung: Ana aus Kolumbien, Amr aus Ägypten, Ching aus China, Diego aus Peru, Larissa aus Brasilien, Simone aus Italien, noch eine Deutsche namens Lena, und ich.


Privatsphäre ist selten, Spaß dagegen nicht. Abends gehen wir aus oder kochen, quatschen und feiern zusammen, meist begleitet von einigen aus der anderen Wohnung im Nachbargebäude, die für Praktikanten in sozialen Projekten vorgesehen ist. Dort leben 17 Internationale viel zu beengt zusammen und haben sich trotzdem noch gern.
Not schweißt eben zusammen. Und was AIESEC an Organisationstalent fehlt, gleichen sie an improvisierten Bettstätten wieder aus.

Problematisch dagegen werden dort die neuen animalischen Mitbewohner. In dem überbevölkerten Apartment haben sich seit kurzem Insekten in Matratzen und Bettzeug eingenistet, die nachts hervorgekrabbelt kommen, um Blut zu saugen und lästige Quaddeln zu hinterlassen. Was von den AIESEC-Leuten lakonisch als „Bedbug Issue“ bezeichnet wird, löst bei den Betroffenen wahre Putzattacken und Hetzjagden auf die kleinen Tierchen aus. Ich bin dagegen froh, dass unsere Haustiere bisher nur aus einem Gecko hinterm Kühlschrank und vereinzelt herumirrenden Kakerlaken bestehen.

Ansonsten kommen bei uns verschiedenste Kulturen, Sprachen und Religionen zusammen. Die Hindu-Mädchen Danishta, Rushna und Vasuda aus Mauritius haben mir nun endlich erklärt wie das mit der arrangierten Heirat funktioniert und wieviele Anfragen sie schon bekommen haben, und die ägyptischen Mädels wissen aus erster Hand über die DOs und DON’Ts der islamischen Verschleierung Bescheid.
Ich probiere chinesische Süßigkeiten und kolumbianischen Kaffee, lerne ein paar Wörter Arabisch und lasse mir von der Amerikanerin Salem Insider-Storys über die Arbeit bei McDonalds erzählen.

Manchmal bekommen wir Besuch von Ramy, einem Enkel des ehemaligen tunesischen Premierministers Hédi Nouira, der sich seit drei Monaten in Indien vor seiner „langweiligen und arroganten“ Familie versteckt, und sich seine Zeit und sein Geld hauptsächlich mit Reisen, Lesen, Drogen und seiner polnische Freundin vertreibt, die ebenfalls ein AIESEC-Praktikum macht. Mittags gehen wir manchmal zusammen essen, im rustikalen Restaurant um die Ecke, wo der Kellner jeden Tag in dem gleichen abgewetzten Anzug steckt, der ihm mindestens drei Nummern zu groß ist. Das Essen hingegen ist phänomenal, und kann auf Wunsch eingepackt und mit nach Hause genommen werden.

Ich freue mich über die Gelegenheit, mit einem sehr offenen und breit gebildeten Muslim über Religion und Philosophie diskutieren zu können, und Ramy ist froh, seit langem wieder einmal seine Landes- und Muttersprache Französisch mit mir sprechen zu können.

Abends fahren wir regelmäßig in großen Gruppen zu orientalisch eingerichteten Shisha-Bars, indischen Restaurants in exotischen Gärten oder modernen Clubs, und genießen einen Lebensstil, den wir uns in Europa niemals leisten könnten. Dazu das angenehm warme Klima, die vielen spannenden Menschen und Eindrücke – es fühlt sich an wie Luxus-Urlaub.

Seit kurzem habe ich auch einen eigenen Roller gemietet, mit dem ich den abenteuerlichen indischen Verkehr auf eigene Faust erleben kann. Nach einer kurzen Eingewöhnung macht das „kreative Fahren“ richtig Spass, und die geldgierigen Taxi- und Rikscha-Fahrer können endlich vermieden werden.


Heute Abend geht es ins Kino. Auf meiner TO-DO-Liste für Indien steht nach wie vor, einen Bollywood-Film, wie kitschig er auch sein mag, original auf Hindi anzuschauen.

Namasté!

1 Kommentar:

  1. Und?! Wie war der originale Bollywood-Film?!

    (Ich finde die ja sowas von kitschig - während meine Freundin heult und 1000 Taschentücher verbraucht, kann ich nur darüber schmunzeln :D )

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