Aus Mumbai
kommend ist Pune sowas wie India light – immer noch eine Millionenstadt, aber
so viel grüner, so viel mehr Platz, so viel ruhiger.

Tatsächlich
hört man die allgegenwärtige Hupe durchschnittlich nur noch alle 10 statt jede
Sekunde, und die Straßen sind breiter, teilweise sogar von Bäumen, Büschen und
Wiesen gesäumt.
Zuerst geht
es jedoch mit dem Taxi vom Hotel in Mumbai eine halbe Stunde zur Busstation. Der
Taxifahrer hat natürlich kein Wechselgeld. Anfängerfehler. Taxifahrer haben nie
Wechselgeld, wenn sie merken, dass man nur in 100er-Scheinen bezahlen kann.
Eine letzte Opfergabe also in den nimmersatten Rachen dieser verrückten Stadt.
Mit dem
hochmodernen, komfortablen Volvo-Bus, dessen Klimaanlage viel zu stark für
diese Jahreszeit arbeitet, geht es aus dem versmogten Bombay im Stop-and-Go
durch die verstopften Straßen, bis uns die hitzig-hektische Stadt endlich auf
die gut asphaltierte Autobahn (in Indien eine Rarität) entlässt, und der
Horizont weiter und klarer zu werden beginnt.
Die Gegend
wird ländlicher und ärmlicher, die penetrante Umweltverschmutzung fällt hier in
der Natur noch mehr auf als zwischen den grauen Häusern der Stadt. Der Müll ist
einfach überall in Indien!
Und da
Mülleimer im Regelfall sowieso unauffindbar sind, ist es auch nicht weiter
erstaunlich, dass absolut jeder (und da schließe ich mich nicht aus) seine
Bananenschalen und Plastikflaschen einfach in den nächsten Straßengraben wirft.
Hin und
wieder halten wir an, nehmen weitere Fahrgäste an Brücken und Autobahnkreuzen
auf. Dort warten dann auch schon Gruppen von Jugendlichen, die mit Chips,
Wasser oder Schuhpolitur bewaffnet den Bus stürmen und lärmend ihre Produkte
und Dienstleistungen feilbieten.
Der
Busfahrer wartet nicht auf ihren Ausstieg – wer zu lange braucht, muss aus dem
bereits wieder fahrendem Bus springen und zurück laufen.
Das Gelände
steigt an, schließlich geht es über weit geschwungene Serpentinen die
West-Ghat-Berge hinauf – Pune liegt immer noch relativ tief auf ca. 600 Metern
über dem Meeresspiegel, doch das Klima ist bereits um einiges kühler und
angenehmer als in Bombay.
Das ist Pune (Balkonausblick):
Nach ca. 4
Stunden erreichen wir die Endstation. Mit einer Rikshaw geht es nun in mein
neues Zuhause: Brahma Sun City.
Wir fahren durch das sonnige Pune in immer
grüner und moderner werdende Gegenden, dann halten wir plötzlich vor einem
mächtigen Eisentor mit mehreren Wachleuten vor Ein- und Ausfahrt. Dahinter
erheben sich mehrere 9-stöckige Wohnkomplexe, moderne Architektur, frisch
gestrichen, das letzte immer noch im Bau.
Dazwischen verlaufen grüne Parks mit
hohen Palmen und bunten Blumen, Spielplätzte, Pools, breite, saubere Straßen
(ohne Müll!), und herrliche Luft, alles von einer hohen Mauer umgeben. Ich muss
im Paradies angekommen sein.
Hier werde
ich also wohnen. Für meine Behausung hatte ich alles erwartet, von bescheiden
bis hin zu armselig – bloß das nicht.
Nun ja, man gewöhnt sich an alles, nicht
wahr?^^
Brahma Sun
City ist tatsächlich eine Wohngegend hauptsächlich für internationale Besucher
und reiche Inder – das Beverly Hills von Pune sozusagen. Solche „Societies“ finden sich hier im Nordosten
Punes, rund um die wohlhabende Gegend Koregaon Parc sehr häufig, genauso wie
westliche Szenebars, Kinocenter, Shoppingmalls – ja sogar ein offizielles Hard
Rock Cafe.
Nicht dass
es irgendwas an der indischen Realität ändern würde – direkt hinter unseren
zackenbewährten Schutzmauern stehen die gleichen Slum-Wellblechhütten wie in
Dharavi, ironischerweise vermutlich von eben jenem Wachpersonal bewohnt, das
hier rund um die Uhr an jeder Zufahrt und jedem Hauseingang sitzt und
freundlich grüßt. Ohne ein Glauben an Karma und eine dementsprechend gestaltete
Wiedergeburt sind solche Ungerechtigkeiten kaum auszuhalten.
Brahma Sun
City ist und bleibt ein Rückzugsort für elendsmüde Seelen – eine hübsche
künstliche Enklave im Strudel der Gegensätze.
AIESEC Pune
hat hier zwei Wohnungen gemietet, ich wohne mit den Praktikanten zusammen, die
wie ich ein professionelles Firmenpraktikum machen. Zu acht leben wir in der
3-Zimmerwohnung: Ana aus Kolumbien, Amr aus Ägypten, Ching aus China, Diego aus
Peru, Larissa aus Brasilien, Simone aus Italien, noch eine Deutsche namens
Lena, und ich.
Privatsphäre
ist selten, Spaß dagegen nicht. Abends gehen wir aus oder kochen, quatschen und
feiern zusammen, meist begleitet von einigen aus der anderen Wohnung im
Nachbargebäude, die für Praktikanten in sozialen Projekten vorgesehen ist. Dort
leben 17 Internationale viel zu beengt zusammen und haben sich trotzdem noch
gern.
Not schweißt eben zusammen. Und was AIESEC an Organisationstalent fehlt,
gleichen sie an improvisierten Bettstätten wieder aus.
Problematisch
dagegen werden dort die neuen animalischen Mitbewohner. In dem überbevölkerten
Apartment haben sich seit kurzem Insekten in Matratzen und Bettzeug
eingenistet, die nachts hervorgekrabbelt kommen, um Blut zu saugen und lästige
Quaddeln zu hinterlassen. Was von den AIESEC-Leuten lakonisch als „Bedbug
Issue“ bezeichnet wird, löst bei den Betroffenen wahre Putzattacken und
Hetzjagden auf die kleinen Tierchen aus. Ich bin dagegen froh, dass unsere
Haustiere bisher nur aus einem Gecko hinterm Kühlschrank und vereinzelt
herumirrenden Kakerlaken bestehen.
Ansonsten
kommen bei uns verschiedenste Kulturen, Sprachen und Religionen zusammen. Die
Hindu-Mädchen Danishta, Rushna und Vasuda aus Mauritius haben mir nun endlich
erklärt wie das mit der arrangierten Heirat funktioniert und wieviele Anfragen
sie schon bekommen haben, und die ägyptischen Mädels wissen aus erster Hand
über die DOs und DON’Ts der islamischen Verschleierung Bescheid.
Ich
probiere chinesische Süßigkeiten und kolumbianischen Kaffee, lerne ein paar
Wörter Arabisch und lasse mir von der Amerikanerin Salem Insider-Storys über
die Arbeit bei McDonalds erzählen.
Manchmal
bekommen wir Besuch von Ramy, einem Enkel des ehemaligen tunesischen
Premierministers Hédi Nouira, der sich seit drei Monaten in Indien vor seiner
„langweiligen und arroganten“ Familie versteckt, und sich seine Zeit und sein
Geld hauptsächlich mit Reisen, Lesen, Drogen und seiner polnische Freundin vertreibt,
die ebenfalls ein AIESEC-Praktikum macht. Mittags gehen wir manchmal zusammen
essen, im rustikalen Restaurant um die Ecke, wo der Kellner jeden Tag in dem
gleichen abgewetzten Anzug steckt, der ihm mindestens drei Nummern zu groß ist.
Das Essen hingegen ist phänomenal, und kann auf Wunsch eingepackt und mit nach
Hause genommen werden.
Ich freue
mich über die Gelegenheit, mit einem sehr offenen und breit gebildeten Muslim
über Religion und Philosophie diskutieren zu können, und Ramy ist froh, seit langem
wieder einmal seine Landes- und Muttersprache Französisch mit mir sprechen zu
können.
Abends
fahren wir regelmäßig in großen Gruppen zu orientalisch eingerichteten
Shisha-Bars, indischen Restaurants in exotischen Gärten oder modernen Clubs,
und genießen einen Lebensstil, den wir uns in Europa niemals leisten könnten.
Dazu das angenehm warme Klima, die vielen spannenden Menschen und Eindrücke –
es fühlt sich an wie Luxus-Urlaub.
Seit kurzem
habe ich auch einen eigenen Roller gemietet, mit dem ich den abenteuerlichen
indischen Verkehr auf eigene Faust erleben kann. Nach einer kurzen Eingewöhnung
macht das „kreative Fahren“ richtig Spass, und die geldgierigen Taxi- und
Rikscha-Fahrer können endlich vermieden werden.
Heute Abend
geht es ins Kino. Auf meiner TO-DO-Liste für Indien steht nach wie vor, einen
Bollywood-Film, wie kitschig er auch sein mag, original auf Hindi anzuschauen.
Namasté!
Und?! Wie war der originale Bollywood-Film?!
AntwortenLöschen(Ich finde die ja sowas von kitschig - während meine Freundin heult und 1000 Taschentücher verbraucht, kann ich nur darüber schmunzeln :D )