Donnerstag, 12. April 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Agra

Nach einer weiteren frostigen Nacht, die anscheinend nichts als garstig bellende Straßenhunde in Uttar Pradesh zurückgelassen hat, finde ich mich kurz vor Sonnenaufgang in einem schmuddeligen Restaurant wieder.

Der Kellner hingegen hat den pragmatischen Charme entwickelt, den ein so häufig besuchter Ort wie Agra nun mal in einem zurück lässt. Eigentlich hatte ich nicht zu den Standard-Touristen gehören wollen, die hier ihren Zwischenstopp machen, um ein Foto vom Taj Mahal zu schießen, das sie sich dann stolz und vermeintlich weltmännisch in den Flur hängen oder beim nächsten Weinabend mit ihren Buchhalterfreunden hervorportzen können.

Der gesamte Ort und alle, die hier Geld verdienen, sind ungewohnt aufdringlich, streitsüchtig und betrügerisch vom ersten Moment an. Der Strom an Millionen von Besuchern pro Jahr, vor allem die naiven unter ihnen, hinterlässt tiefe Spuren in der sonst so angenehmen Mentalität der Inder:

Der Kellner will mich kontinuierlich dazu überreden, Drogen bei ihm zu kaufen; die Ramschhändler rufen einem trotz Ignorieren lautstark und teilweise drohend hinterher; und mein Rikshawfahrer verweigert mir doch glatt, dass ich ihn nicht für den ganzen Tag buchen will. Das Geld für die Kurzstrecke nimmt er nicht an. Na gut, dann hat er diese Fahrt eben unentgeltlich gemacht.

Ich will gar nicht wissen, wie viele unbedarfte Touristen sich hier einschüchtern lassen.

Bevor man sein Ticket fürs Taj Mahal kaufen kann, wird man schon von hunderten angeblich staatlich zertifizierten Touristenguides mit völlig überzogenen Honoraren (ab 2000 Rupien) angesprochen.

Ein Audioguide tut’s ebenso gut für den historischen Hintergrund und für Fotos von sich kann man einfach andere Touristen um Unterstützung bitten.

Als Ausländer zahlt man immerhin schon 750 Rs für sein Ticket, Inder blechen gerade mal 20 Rs. Dafür bekommt man aber auch eine Sonderbehandlung bei Sicherheitskontrolle und darf in die kürzeste Schlage eintreten.

Aufgrund der frühen Tageszeit bin ich auch sehr schnell drinnen und kann den phänomenalen Sonnenaufgang miterleben – ein eindrucksvolles Lichtspiel auf dem riesigen Gebäude. Und das ist irgendwie auch schon alles: Von weit weg einfach nur „WOW“, allein schon ob der Ausmaße dieses unfassbar großen Mamorklotzes mit den hübschen Minaretten und Zwiebeldächern.


Von näher betrachtet allerdings finde ich es gar nicht mehr so eindrücklich, eben weil fast alles in Weiß und geometrisch korrekt gleich in alle vier Seiten erbaut wurde. Die eingelassenen Edelsteine und daraus gezauberten Blumenmotive habe ich so in der Form bereits in Delhi und Jaipur gesehen, und die unterirdische Gruft ist nicht begehbar. Nach einer Runde um die zwei Marmorsärge geht es also wieder hinaus in die umliegenden Gärten, die sich nach und nach mit Menschen füllen.

Den Nachmittag verbringe ich komplett im Agra Fort, einer wunderbar erhaltenen Befestigungsanlage mit einem märchenhaft schönen Mogulpalast.


Der Blick vom herrschaftlichen Anwesen auf das Taj Mahal etwas weiter den Fluss hinab ist aufs Neue atemberaubend.



Hätte ich gewusst, wie viel mehr es in und vor allem um Agra herum noch zu entdecken gibt, hätte ich mehr Zeit eingeplant. Es hat wirklich noch viel mehr als die weltbekannte Moschee zu bieten.
Nun fülle ich aber zuerst einmal meinen knurrenden Magen mit würzigem Tandoori Chicken aus dem Holzkohle-Ofen und besteige den nächsten Bus.

Als das Fahrzeug mit einem Ruck zum Stillstand kommt und die Lichter schlagartig wieder angehen, wache ich murrend auf.

Wie spät? Ein Blick auf die Uhr verrät 2 Uhr morgens.

Wo sind wir? Gedankensortieren. Wir müssen bereits in Delhi sein.

Schlaftrunken ziehe ich den Fenstervorhang zur Seite. Finsternis. Dann sehe ich ein paar Gestalten auf und ab hüpfen. Noch ein Blick. Tatsächlich müssen es um die zwanzig Personen sein.

Während um mich herum die indischen Passagiere ihre Taschen aus den Ablagen ziehen, kneife ich nochmals die Augen zusammen und begreife mit einem mal, dass die Rikshawfahrer da draußen alle auf MICH zeigen und sich nahezu prügeln.

Drumherum ist nur Autobahn und ein mit Schlaglöchern übersäter Parkplatz zu erspähen. Der Bus jedoch fährt nicht mehr weiter. Alles aussteigen.

Als einziger Ausländer wird mir schnell klar, was los ist. Die streiten sich um mich, den fetten Fang.

Kaum habe ich den Fuß aus dem Bus gesetzt, wird auch schon an mir gezerrt und auf mich eingeredet. Ob ich zum Flughafen müsse, wann der Flug gehe, wer das beste Angebot mache, usw.

Weit komme ich jedoch nicht, bleibe in der schreienden Traube von Männern stecken.

„Come down everybody! I am not going anywhere!“, brülle ich schliesslich entnervt. Das zieht.

„My flight goes in 6 hours. Still a lot of time. First of all I want to drink a Chai.”

 Verwirrtes Gemurmel.

„Let’s all have Chai together. I invite you!”

Strahlende Gesichter. Drei Männer sprinten los, es wird getrockneter Kuhdung hinter einer Wellblechhütte hervorgeholt und zu einem Lagerfeuer aufgeschichtet. Ein anderer organisiert aus einem nahen Stand eine alte Kanne samt frischem Teesatz, ein Plastiksieb und ein paar Aluminiumbecher. Improvisierte Hocker aus Baumstümpfen werden herangeschafft und keine fünf Minuten später wärmen wir uns bereits die Hände an dem glimmenden Feuer, während der Tee vor sich hinköchelt.

Wieder reden alle durcheinander, diesmal in freundlichem, lachendem Ton. Das Lieblingsthema aller Inder, die Familie, wird ausgiebig diskutiert, Stammbäume verglichen und Fotos herumgezeigt. Stolz brüstet man sich mit 8 bis 12 Geschwistern und mindestens dreimal so vielen Cousins.

Als Einzelkind habe ich da schlechte Karten, aber Fotos von meinen Eltern kommen trotzdem gut an und meine besten Freunde werden einfach als enge Familie verstanden.

Gemeinsam rauchen wir Beedies, indische „Zigaretten“ aus einem einzigen gerollten Tabakblatt, die vor allem von den ärmeren Bevölkerungsschichten produziert und verbraucht werden, schlürfen unseren Tee und tauschen Anekdoten aus. Kaum jemand hat bisher so schlecht Englisch gesprochen wie diese herzensguten Menschen. Doch mit vereinten Kräften und mehr empathischer als verbaler Verständigung hat man doch das Gefühl, das Wesentliche mitzubekommen.

Letztendlich zahle ich nicht eine einzige Rupie für die improvisierte Teestunde, stattdessen wird ohne jeglichen Zank dem jüngsten Fahrer die Verantwortung überlassen, mich die 45 km durch das nächtliche Alt- und Neu-Delhi bis zum Flughafen am anderen Ende der Stadt zu fahren.

Vor Abfahrt steigt mein 15jähriger Chauffeur vom Beedie noch auf einen Joint um. Um Welten weniger beunruhigt als ich es noch in der ersten Woche gewesen wäre, frage ich ihn, ob er das vor der anderthalbstündigen Fahrt für eine gute Idee hält.

„Klar. Das hält mich warm.“

Na gut. Whatever. Das ist Indien. Wenn ich bis jetzt alles heil überstanden habe, kann mir heute Nacht wohl auch nicht mehr viel passieren.

Letztendlich fährt er mich im kühlen Nachtwind ohne eine einzige Schwierigkeit durch das wie auf magische Weise leergefegte Delhi, direkt bis an mein Flughafen-Terminal. Ich danke, zahle, gebe Trinkgeld, und besteige mit sonnigem Gemüt meinen Flieger nach Pune.


Ein schöner Abschluss für diesen eindrücklichen Trip durch den Norden Indiens.

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