Nach einer
weiteren frostigen Nacht, die anscheinend nichts als garstig bellende Straßenhunde in Uttar Pradesh zurückgelassen hat, finde ich mich kurz vor Sonnenaufgang in einem
schmuddeligen Restaurant wieder.
Der Kellner
hingegen hat den pragmatischen Charme entwickelt, den ein so häufig besuchter
Ort wie Agra nun mal in einem zurück lässt. Eigentlich hatte ich nicht zu den
Standard-Touristen gehören wollen, die hier ihren Zwischenstopp machen, um ein
Foto vom Taj Mahal zu schießen, das sie sich dann stolz und vermeintlich
weltmännisch in den Flur hängen oder beim nächsten Weinabend mit ihren
Buchhalterfreunden hervorportzen können.
Der gesamte
Ort und alle, die hier Geld verdienen, sind ungewohnt aufdringlich,
streitsüchtig und betrügerisch vom ersten Moment an. Der Strom an Millionen von
Besuchern pro Jahr, vor allem die naiven unter ihnen, hinterlässt tiefe Spuren
in der sonst so angenehmen Mentalität der Inder:
Der Kellner
will mich kontinuierlich dazu überreden, Drogen bei ihm zu kaufen; die
Ramschhändler rufen einem trotz Ignorieren lautstark und teilweise drohend
hinterher; und mein Rikshawfahrer verweigert mir doch glatt, dass ich ihn nicht
für den ganzen Tag buchen will. Das Geld für die Kurzstrecke nimmt er nicht an.
Na gut, dann hat er diese Fahrt eben unentgeltlich gemacht.
Ich will
gar nicht wissen, wie viele unbedarfte Touristen sich hier einschüchtern
lassen.
Bevor man
sein Ticket fürs Taj Mahal kaufen kann, wird man schon von hunderten angeblich
staatlich zertifizierten Touristenguides mit völlig überzogenen Honoraren (ab
2000 Rupien) angesprochen.
Ein
Audioguide tut’s ebenso gut für den historischen Hintergrund und für Fotos von
sich kann man einfach andere Touristen um Unterstützung bitten.
Als
Ausländer zahlt man immerhin schon 750 Rs für sein Ticket, Inder blechen gerade
mal 20 Rs. Dafür bekommt man aber auch eine Sonderbehandlung bei Sicherheitskontrolle
und darf in die kürzeste Schlage eintreten.
Aufgrund
der frühen Tageszeit bin ich auch sehr schnell drinnen und kann den
phänomenalen Sonnenaufgang miterleben – ein eindrucksvolles Lichtspiel auf dem
riesigen Gebäude. Und das ist irgendwie auch schon alles: Von weit weg einfach
nur „WOW“, allein schon ob der Ausmaße dieses unfassbar großen Mamorklotzes mit
den hübschen Minaretten und Zwiebeldächern.
Von näher
betrachtet allerdings finde ich es gar nicht mehr so eindrücklich, eben weil
fast alles in Weiß und geometrisch korrekt gleich in alle vier Seiten erbaut
wurde. Die eingelassenen Edelsteine und daraus gezauberten Blumenmotive habe
ich so in der Form bereits in Delhi und Jaipur gesehen, und die unterirdische
Gruft ist nicht begehbar. Nach einer Runde um die zwei Marmorsärge geht es also
wieder hinaus in die umliegenden Gärten, die sich nach und nach mit Menschen
füllen.
Den
Nachmittag verbringe ich komplett im Agra Fort, einer wunderbar erhaltenen
Befestigungsanlage mit einem märchenhaft schönen Mogulpalast.
Der Blick vom
herrschaftlichen Anwesen auf das Taj Mahal etwas weiter den Fluss hinab ist aufs
Neue atemberaubend.
Hätte ich
gewusst, wie viel mehr es in und vor allem um Agra herum noch zu entdecken
gibt, hätte ich mehr Zeit eingeplant. Es hat wirklich noch viel mehr als die
weltbekannte Moschee zu bieten.
Nun fülle ich aber zuerst einmal meinen
knurrenden Magen mit würzigem Tandoori Chicken aus dem Holzkohle-Ofen und
besteige den nächsten Bus.
Als das
Fahrzeug mit einem Ruck zum Stillstand kommt und die Lichter schlagartig wieder
angehen, wache ich murrend auf.
Wie spät?
Ein Blick auf die Uhr verrät 2 Uhr morgens.
Wo sind
wir? Gedankensortieren. Wir müssen bereits in Delhi sein.
Schlaftrunken
ziehe ich den Fenstervorhang zur Seite. Finsternis. Dann sehe ich ein paar
Gestalten auf und ab hüpfen. Noch ein Blick. Tatsächlich müssen es um die
zwanzig Personen sein.
Während um
mich herum die indischen Passagiere ihre Taschen aus den Ablagen ziehen, kneife
ich nochmals die Augen zusammen und begreife mit einem mal, dass die Rikshawfahrer
da draußen alle auf MICH zeigen und sich nahezu prügeln.
Drumherum
ist nur Autobahn und ein mit Schlaglöchern übersäter Parkplatz zu erspähen. Der
Bus jedoch fährt nicht mehr weiter. Alles aussteigen.
Als
einziger Ausländer wird mir schnell klar, was los ist. Die streiten sich um
mich, den fetten Fang.
Kaum habe
ich den Fuß aus dem Bus gesetzt, wird auch schon an mir gezerrt und auf mich
eingeredet. Ob ich zum Flughafen müsse, wann der Flug gehe, wer das beste
Angebot mache, usw.
Weit komme
ich jedoch nicht, bleibe in der schreienden Traube von Männern stecken.
„Come down everybody! I am not going anywhere!“, brülle ich schliesslich
entnervt. Das zieht.
„My flight goes in 6 hours. Still a lot of time. First
of all I want to drink a Chai.”
Verwirrtes
Gemurmel.
„Let’s all have Chai together. I invite you!”
Strahlende
Gesichter. Drei Männer sprinten los, es wird getrockneter Kuhdung hinter einer
Wellblechhütte hervorgeholt und zu einem Lagerfeuer aufgeschichtet. Ein anderer
organisiert aus einem nahen Stand eine alte Kanne samt frischem Teesatz, ein
Plastiksieb und ein paar Aluminiumbecher. Improvisierte Hocker aus Baumstümpfen
werden herangeschafft und keine fünf Minuten später wärmen wir uns bereits die
Hände an dem glimmenden Feuer, während der Tee vor sich hinköchelt.
Wieder
reden alle durcheinander, diesmal in freundlichem, lachendem Ton. Das Lieblingsthema
aller Inder, die Familie, wird ausgiebig diskutiert, Stammbäume verglichen und
Fotos herumgezeigt. Stolz brüstet man sich mit 8 bis 12 Geschwistern und
mindestens dreimal so vielen Cousins.
Als
Einzelkind habe ich da schlechte Karten, aber Fotos von meinen Eltern kommen
trotzdem gut an und meine besten Freunde werden einfach als enge Familie
verstanden.
Gemeinsam
rauchen wir Beedies, indische „Zigaretten“ aus einem einzigen gerollten
Tabakblatt, die vor allem von den ärmeren Bevölkerungsschichten produziert und
verbraucht werden, schlürfen unseren Tee und tauschen Anekdoten aus. Kaum
jemand hat bisher so schlecht Englisch gesprochen wie diese herzensguten
Menschen. Doch mit vereinten Kräften und mehr empathischer als verbaler
Verständigung hat man doch das Gefühl, das Wesentliche mitzubekommen.
Letztendlich
zahle ich nicht eine einzige Rupie für die improvisierte Teestunde, stattdessen
wird ohne jeglichen Zank dem jüngsten Fahrer die Verantwortung überlassen, mich
die 45 km durch das nächtliche Alt- und Neu-Delhi bis zum Flughafen am anderen
Ende der Stadt zu fahren.
Vor Abfahrt
steigt mein 15jähriger Chauffeur vom Beedie noch auf einen Joint um. Um Welten
weniger beunruhigt als ich es noch in der ersten Woche gewesen wäre, frage ich
ihn, ob er das vor der anderthalbstündigen Fahrt für eine gute Idee hält.
„Klar. Das
hält mich warm.“
Na gut.
Whatever. Das ist Indien. Wenn ich bis jetzt alles heil überstanden habe, kann
mir heute Nacht wohl auch nicht mehr viel passieren.
Letztendlich
fährt er mich im kühlen Nachtwind ohne eine einzige Schwierigkeit durch das wie
auf magische Weise leergefegte Delhi, direkt bis an mein Flughafen-Terminal.
Ich danke, zahle, gebe Trinkgeld, und besteige mit sonnigem Gemüt meinen
Flieger nach Pune.
Ein schöner
Abschluss für diesen eindrücklichen Trip durch den Norden Indiens.
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