Mit der
erstbesten Rikshaw fahre ich vom Busbahnhof südlich hinein nach Alt-Delhi,
eigentlich um das Red Fort zu besichtigen, doch noch bevor wir ankommen, bitte
ich den Fahrer anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Wir haben gerade ein überaus
imposantes Bauwerk hinter uns gelassen, das ich näher betrachten möchte.
Mein Reiseführer
klärt mich auf, es handelt sich um Jama Masjid, die größte Moschee Indiens und
eine der größten Moscheen der Welt.
Da diese
aber erst ab 8 Uhr geöffnet ist, frühstücke ich vorerst in einem lokalen
Restaurant. Je traditioneller, desto besser, und hier gibt es nicht einmal den
Versuch einer englischsprachigen Menükarte.
Das Essen
und der Chai enttäuschen mich nicht, und die Bedienung beschließt spontan, mir
Gesellschaft zu leisten. Nach einem gemütlichen Smalltalk ist es dann auch spät
genug für den Aufbruch.
Ich bin der
erste und einzige Tourist in dem leergefegten Hof, der über 25.000 Gläubigen
Platz bietet. Hier herrscht striktes Schuhverbot, und so tapse ich barfuß über
den nachtkalten roten Sandstein, aber ich vermute mal, nach der eisigen
Busfahrt macht das wohl auch nicht mehr viel aus.
Die
Architektur ist imposant, geradezu gigantisch, und da die gesamte Anlage auf
einem 9-Meter hohen Sockel gebaut wurde, überragt sie mühelos das restliche
Delhi. „Moschee, die auf die Welt blickt“ bedeutet Jama Masjid übersetzt, und
dieser Name ist mehr als treffend.
Gebaut von
Shah Jahan, dem Großmogul von Indien Mitte des 17. Jahrhunderts, überrascht es
kaum, dass seine große Leidenschaft die Architektur gewesen ist. Während ich
eines der 40-Meter hohen Minarette zu einem rundum offenen Pavillon
hinaufsteige, geht über der Stadt die Sonne auf – ein atemberaubender
Augenblick.
Ich knipse
unzählige Fotos von den weiten Arkaden, die sich über den langen morgendlichen
Schatten erheben, streife durch den hohen mittigen Iwan, und sehe dem Prachtstück
aus weissem und schwarzem Marmor beim Erwachen zu.
Der gesamte
Norden Indiens atmet noch die Vergangenheit des Mogulreiches, das es innerhalb
von drei Jahrhunderten geschafft hat, bis heute überdeutliche Spuren in Kultur
und Architektur zu hinterlassen. Alle Festungen und Gräber, die ich in den nächsten
Tagen besichtigen werde, inklusive dem weltberühmten Taj Mahal, stammen aus
dieser prägenden Herrschaftsperiode islamischer Könige.
Auch das
rote Fort gehört dazu, und mit wärmenden Schuhen an den Füssen, mache ich mich
auf den Weg dorthin. Eine unmotorisierte Cycle-Rikshaw hält neben mir und überredet
mich zum Einsteigen. Noch etwas, das man in Indien einfach gemacht haben muss.
Der ältere Herr legt sich mächtig ins Zeug und strampelt sich einen Ast, doch
die quietschende Rostlaube bleibt bei mäßiger Geschwindigkeit. Nach wenigen
Minuten erreichen wir das Fort, und mir kommt eine Idee. Warum eigentlich
nicht?
Ich gebe
ihm ein saftiges Trinkgeld, und frage ihn anschließend, ob ich selber mal
probieren dürfte, das Ding zu fahren. Er wirkt erst etwas verwirrt, dann stimmt
er lachend zu. Die anderen Rikshaw-Fahrer sehen ungläubig zu, wie wir die Plätze
tauschen. Der anfängliche Widerstand der Pedalen ist tatsächlich schweißtreibend,
doch sobald man eine bestimmte Grundgeschwindigkeit aufgebaut hat, ist es
eigentlich gar nicht mehr so schwierig, diese zu halten. Bremsen dagegen schon.
Vor allem bergab.
Haarscharf
verfehlen wir einen Gemüsestand und kommen unter dem johlenden Applaus der wartenden
Touristenführer und anderer Straßenhändler zum Stehen. Der Bremsweg war
vielfach länger als erwartet, die Fahrt jedoch hat Spaß gemacht. Ich danke und
gehe meiner Wege zum roten Fort, das wenige Jahre vor der Jama Masjid aus dem
selben roten Sandstein erbaut wurde, und dadurch seinen Namen erhalten hat.
Mit einem
Audioguide ausgerüstet streife ich durch das monumentale Bauwerk, übrigens das größte
in Delhi, das seit den Plünderungen durch persische Truppen und durch
stationierte britische Soldaten nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Trotzdem
blieb noch viel zu sehen: Hallen für private und öffentliche Empfänge,
Marmorpaläste, luxuriöse Privaträume, eine Moschee und kunstvoll angelegte
Gärten lassen erahnen wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Das
waffenkundliche Museum beherbergt eine erstaunliche Anzahl auch deutschen
Kriegsgeräts, und die weitläufigen Parkanlagen versprühen eine herrliche Ruhe
mitten im Herzen Delhis.
Ein
weiteres UNESCO Weltkulturerbe ist hiermit abgehakt, und so geht es per Rikshaw
für den Nachmittag nach Neu-Delhi ins Regierungsviertel. Die königliche
Rajpath-Promenade, die das Arc-de-Triomphe-ähnliche India Gate mit der
offiziellen Residenz des indischen Präsidenten verbindet, steht noch ganz im
Zeichen des gestrigen Republic Day. Hunderte Flaggen flankieren die breite Hauptstraße,
die von mehrstöckigen leeren Tribünen gesäumt ist.
Gestern hat
es hier die jährliche Militärparade gegeben, inklusive Panzer und Atombomben,
mit finaler Flugshow der indischen Luftwaffe. Vor dem palastartigen Herrschaftsgebäude
sind immer noch ein Dutzend Militärkamele inklusive Reiter auszumachen, aber
ich biege zuvor in eine Seitenallee ein, und verbringe die restlichen Stunden
im „National Museum“, dem Schlüssel zu Indiens Kultur, mit Ausstellungsstücken
aus über 5000 Jahren indischer Geschichte.
Die
Sammlung ist beeindruckend, sprengt in Ihrer Vielseitigkeit jedoch den Rahmen
einer Beschreibung an dieser Stelle. Besonders zu empfehlen sind die
Miniaturmalereien mit (hauptsächlich) religiösem Inhalt. Mit wunderschönen
Farbkontrasten und filigranster Detailgenauigkeit schlägt die indische Kunst
alles, was ich in diesem Genre im Abendland jemals gesehen habe.
Müde und
erschöpft von den vielen Eindrücken trete ich hinaus in die untergehende Sonne.
Ich beschreibe einem Rikshaw-Fahrer den Abfahrtsort meines nächsten Busses, und
lehne mich entspannt zurück, während wir durch Delhis abendliche Rush-Hour
tuckern.
Der
indische Verkehr ist eine ganz besondere Erfahrung, und wenn ich jetzt an meine
erste Taxifahrt in Bombay zurück denke, kann ich nur schmunzeln. Sporadisch
aufflammende Todesangst gehört für Ausländer anfangs einfach dazu, aber sobald
man sich einmal daran gewöhnt hat, ist alles halb so wild.
Ich fahre
nun ja auch schon seit ein paar Wochen jeden Tag selbst zur Arbeit mit meiner treuen
Honda Activa und muss sagen, dass es verdammt viel Spaß macht – trotz dem
Wissen, dass allein in Pune jeden Tag durchschnittlich 5 Menschen auf Zweirädern
ums Leben kommen. In Indien muss man einfach Vertrauen haben, sonst hat man
sowieso schon verloren.
Hier Roller
zu fahren, fühlt sich an wie ein Videospiel. Es gibt keine Regeln. Überhole
links oder überhole rechts, ganz wie es sich gerade besser für dich anfühlt.
Ampeln sind allenfalls als stimmungsvolle Lichter zu betrachten, nicht als
bindende Hinweise.
Nunja, es
gibt vielleicht doch ein paar Regeln, aber eher implizit angewandte.
Zum
Beispiel: Der Größere hat Vorfahrt. Das bedeutet, dass die großen rumpelnden
Schwertransporte und die klobigen zerdellten TATA-Busse eigentlich alles machen
können, worauf sie Lust haben, alle anderen werden sich schon danach richten.
Eine andere
Regel lautet: Hupen ist immer gut und angebracht. Auf vielen LKWs steht hinten
sogar „PLEASE HONK! THANK YOU!“. Das ist nicht sarkastisch gemeint, im Gegenteil,
Hupen ist die indische Antwort auf die alte metaphilosophische Frage: Existiere
ich wirklich?
Wer hupt,
zeigt an, dass er da ist, darum wird immer gehupt, um den anderen
Verkehrsteilnehmern klarzumachen, dass man sich ebenfalls im Universum Straße
befindet. Nur sichtbar zu sein, heißt nämlich noch lange nicht, dass man
deswegen auch ernst genommen wird. Aber ein kleines Hupen von hinten
beispielsweise sagt jedem sofort: Ich bin hinter dir, also brems nicht abrupt,
vielleicht überhole ich dich auch, mach also nichts Unüberlegtes. Genauso warne
ich bzw. mache ich auf mich aufmerksam, beim Abbiegen, beim Überholen, und in
allen anderen potenziell haarigen Verkehrssituationen. Gibt Sicherheit.
Zumindest ein Gefühl davon.
Nächste
Richtlinie: Je mehr du zu verlieren hast, desto vorsichtiger fährst du. Darum
warten die teuren BMWs, Audis und Mercedes stets auf freie Fahrt, anstatt auch
nur eine einzige Delle zu riskieren. Die Rikshaw-Fahrer hingegen werden jedes
noch so waghalsige Harakiri-Manöver eingehen, wenn sich eine Lücke zum Überholen
auftut.
Doch die
vermutlich allerwichtigste Regel lautet: Die Kuh hat IMMER Recht!
Ein gläubiger
Hindu würde lieber eine dreißigköpfige Schulklasse auf dem Gehweh überfahren
als das Sakrileg zu begehen, eine heilige Kuh zu verletzen. Daher ist bei gemütlich
auf der Straße trottenden Kühen (und diese sind keine Seltenheit!) besondere
Vorsicht geboten. Für Kühe auf der Fahrbahn wird immer gebremst. Für Fußgänger
nicht immer.
Ansonsten
darf man sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mir sind im Straßenverkehr
schon folgende Teilnehmer begegnet: Fußgänger, Handkarren, Fahrräder,
ochsengezogene Wagen, Mopeds, Roller, Motorräder mit bis zu fünf Passagieren,
(motorisierte und unmotorisierte) Rikshaws, Autos, VANs, Busse (gerne auch mit
Fahrgästen auf dem Dach), LKWs, Baufahrzeuge, Trecker, Kühe, Pferde, Esel,
Maultiere, Hunde, Hühner, Schafe, Schweine, Affen, Kamele, Elefanten und Strauße.
„Straße“
ist sowieso ein sehr dehnbarer Begriff und wird ortsabhängig auch gerne zum
Schlafen, Brettspielen, Teetrinken, Wäschetrocknen oder als Verkaufsfläche
genutzt.
Holzauge,
sei wachsam.
Es war mal wieder sehr amüsant von dir zu lesen ;) Am besten gefallen hat mir deine Rikshaw-Tausch-Aktion! Sehr mutig...wobei das Roller-Fahren im Straßenverkehr ja noch mutiger sein muss...Wahnsinn!
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