Montag, 20. Februar 2012

4 Staedte in 4 Staaten in 4 Tagen – Delhi

Mit der erstbesten Rikshaw fahre ich vom Busbahnhof südlich hinein nach Alt-Delhi, eigentlich um das Red Fort zu besichtigen, doch noch bevor wir ankommen, bitte ich den Fahrer anzuhalten und mich aussteigen zu lassen. Wir haben gerade ein überaus imposantes Bauwerk hinter uns gelassen, das ich näher betrachten möchte.

Mein Reiseführer klärt mich auf, es handelt sich um Jama Masjid, die größte Moschee Indiens und eine der größten Moscheen der Welt.

Da diese aber erst ab 8 Uhr geöffnet ist, frühstücke ich vorerst in einem lokalen Restaurant. Je traditioneller, desto besser, und hier gibt es nicht einmal den Versuch einer englischsprachigen Menükarte.


Das Essen und der Chai enttäuschen mich nicht, und die Bedienung beschließt spontan, mir Gesellschaft zu leisten. Nach einem gemütlichen Smalltalk ist es dann auch spät genug für den Aufbruch.

Ich bin der erste und einzige Tourist in dem leergefegten Hof, der über 25.000 Gläubigen Platz bietet. Hier herrscht striktes Schuhverbot, und so tapse ich barfuß über den nachtkalten roten Sandstein, aber ich vermute mal, nach der eisigen Busfahrt macht das wohl auch nicht mehr viel aus.

Die Architektur ist imposant, geradezu gigantisch, und da die gesamte Anlage auf einem 9-Meter hohen Sockel gebaut wurde, überragt sie mühelos das restliche Delhi. „Moschee, die auf die Welt blickt“ bedeutet Jama Masjid übersetzt, und dieser Name ist mehr als treffend.

Gebaut von Shah Jahan, dem Großmogul von Indien Mitte des 17. Jahrhunderts, überrascht es kaum, dass seine große Leidenschaft die Architektur gewesen ist. Während ich eines der 40-Meter hohen Minarette zu einem rundum offenen Pavillon hinaufsteige, geht über der Stadt die Sonne auf – ein atemberaubender Augenblick.

Ich knipse unzählige Fotos von den weiten Arkaden, die sich über den langen morgendlichen Schatten erheben, streife durch den hohen mittigen Iwan, und sehe dem Prachtstück aus weissem und schwarzem Marmor beim Erwachen zu.

Der gesamte Norden Indiens atmet noch die Vergangenheit des Mogulreiches, das es innerhalb von drei Jahrhunderten geschafft hat, bis heute überdeutliche Spuren in Kultur und Architektur zu hinterlassen. Alle Festungen und Gräber, die ich in den nächsten Tagen besichtigen werde, inklusive dem weltberühmten Taj Mahal, stammen aus dieser prägenden Herrschaftsperiode islamischer Könige.

Auch das rote Fort gehört dazu, und mit wärmenden Schuhen an den Füssen, mache ich mich auf den Weg dorthin. Eine unmotorisierte Cycle-Rikshaw hält neben mir und überredet mich zum Einsteigen. Noch etwas, das man in Indien einfach gemacht haben muss. Der ältere Herr legt sich mächtig ins Zeug und strampelt sich einen Ast, doch die quietschende Rostlaube bleibt bei mäßiger Geschwindigkeit. Nach wenigen Minuten erreichen wir das Fort, und mir kommt eine Idee. Warum eigentlich nicht?

Ich gebe ihm ein saftiges Trinkgeld, und frage ihn anschließend, ob ich selber mal probieren dürfte, das Ding zu fahren. Er wirkt erst etwas verwirrt, dann stimmt er lachend zu. Die anderen Rikshaw-Fahrer sehen ungläubig zu, wie wir die Plätze tauschen. Der anfängliche Widerstand der Pedalen ist tatsächlich schweißtreibend, doch sobald man eine bestimmte Grundgeschwindigkeit aufgebaut hat, ist es eigentlich gar nicht mehr so schwierig, diese zu halten. Bremsen dagegen schon. Vor allem bergab.

Haarscharf verfehlen wir einen Gemüsestand und kommen unter dem johlenden Applaus der wartenden Touristenführer und anderer Straßenhändler zum Stehen. Der Bremsweg war vielfach länger als erwartet, die Fahrt jedoch hat Spaß gemacht. Ich danke und gehe meiner Wege zum roten Fort, das wenige Jahre vor der Jama Masjid aus dem selben roten Sandstein erbaut wurde, und dadurch seinen Namen erhalten hat.

Mit einem Audioguide ausgerüstet streife ich durch das monumentale Bauwerk, übrigens das größte in Delhi, das seit den Plünderungen durch persische Truppen und durch stationierte britische Soldaten nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Trotzdem blieb noch viel zu sehen: Hallen für private und öffentliche Empfänge, Marmorpaläste, luxuriöse Privaträume, eine Moschee und kunstvoll angelegte Gärten lassen erahnen wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Das waffenkundliche Museum beherbergt eine erstaunliche Anzahl auch deutschen Kriegsgeräts, und die weitläufigen Parkanlagen versprühen eine herrliche Ruhe mitten im Herzen Delhis.

Ein weiteres UNESCO Weltkulturerbe ist hiermit abgehakt, und so geht es per Rikshaw für den Nachmittag nach Neu-Delhi ins Regierungsviertel. Die königliche Rajpath-Promenade, die das Arc-de-Triomphe-ähnliche India Gate mit der offiziellen Residenz des indischen Präsidenten verbindet, steht noch ganz im Zeichen des gestrigen Republic Day. Hunderte Flaggen flankieren die breite Hauptstraße, die von mehrstöckigen leeren Tribünen gesäumt ist.

Gestern hat es hier die jährliche Militärparade gegeben, inklusive Panzer und Atombomben, mit finaler Flugshow der indischen Luftwaffe. Vor dem palastartigen Herrschaftsgebäude sind immer noch ein Dutzend Militärkamele inklusive Reiter auszumachen, aber ich biege zuvor in eine Seitenallee ein, und verbringe die restlichen Stunden im „National Museum“, dem Schlüssel zu Indiens Kultur, mit Ausstellungsstücken aus über 5000 Jahren indischer Geschichte.

Die Sammlung ist beeindruckend, sprengt in Ihrer Vielseitigkeit jedoch den Rahmen einer Beschreibung an dieser Stelle. Besonders zu empfehlen sind die Miniaturmalereien mit (hauptsächlich) religiösem Inhalt. Mit wunderschönen Farbkontrasten und filigranster Detailgenauigkeit schlägt die indische Kunst alles, was ich in diesem Genre im Abendland jemals gesehen habe.

Müde und erschöpft von den vielen Eindrücken trete ich hinaus in die untergehende Sonne. Ich beschreibe einem Rikshaw-Fahrer den Abfahrtsort meines nächsten Busses, und lehne mich entspannt zurück, während wir durch Delhis abendliche Rush-Hour tuckern.

Der indische Verkehr ist eine ganz besondere Erfahrung, und wenn ich jetzt an meine erste Taxifahrt in Bombay zurück denke, kann ich nur schmunzeln. Sporadisch aufflammende Todesangst gehört für Ausländer anfangs einfach dazu, aber sobald man sich einmal daran gewöhnt hat, ist alles halb so wild.

Ich fahre nun ja auch schon seit ein paar Wochen jeden Tag selbst zur Arbeit mit meiner treuen Honda Activa und muss sagen, dass es verdammt viel Spaß macht – trotz dem Wissen, dass allein in Pune jeden Tag durchschnittlich 5 Menschen auf Zweirädern ums Leben kommen. In Indien muss man einfach Vertrauen haben, sonst hat man sowieso schon verloren.

Hier Roller zu fahren, fühlt sich an wie ein Videospiel. Es gibt keine Regeln. Überhole links oder überhole rechts, ganz wie es sich gerade besser für dich anfühlt. Ampeln sind allenfalls als stimmungsvolle Lichter zu betrachten, nicht als bindende Hinweise.

Nunja, es gibt vielleicht doch ein paar Regeln, aber eher implizit angewandte.

Zum Beispiel: Der Größere hat Vorfahrt. Das bedeutet, dass die großen rumpelnden Schwertransporte und die klobigen zerdellten TATA-Busse eigentlich alles machen können, worauf sie Lust haben, alle anderen werden sich schon danach richten.

Eine andere Regel lautet: Hupen ist immer gut und angebracht. Auf vielen LKWs steht hinten sogar „PLEASE HONK! THANK YOU!“. Das ist nicht sarkastisch gemeint, im Gegenteil, Hupen ist die indische Antwort auf die alte metaphilosophische Frage: Existiere ich wirklich?

Wer hupt, zeigt an, dass er da ist, darum wird immer gehupt, um den anderen Verkehrsteilnehmern klarzumachen, dass man sich ebenfalls im Universum Straße befindet. Nur sichtbar zu sein, heißt nämlich noch lange nicht, dass man deswegen auch ernst genommen wird. Aber ein kleines Hupen von hinten beispielsweise sagt jedem sofort: Ich bin hinter dir, also brems nicht abrupt, vielleicht überhole ich dich auch, mach also nichts Unüberlegtes. Genauso warne ich bzw. mache ich auf mich aufmerksam, beim Abbiegen, beim Überholen, und in allen anderen potenziell haarigen Verkehrssituationen. Gibt Sicherheit. Zumindest ein Gefühl davon.

Nächste Richtlinie: Je mehr du zu verlieren hast, desto vorsichtiger fährst du. Darum warten die teuren BMWs, Audis und Mercedes stets auf freie Fahrt, anstatt auch nur eine einzige Delle zu riskieren. Die Rikshaw-Fahrer hingegen werden jedes noch so waghalsige Harakiri-Manöver eingehen, wenn sich eine Lücke zum Überholen auftut.

Doch die vermutlich allerwichtigste Regel lautet: Die Kuh hat IMMER Recht!

Ein gläubiger Hindu würde lieber eine dreißigköpfige Schulklasse auf dem Gehweh überfahren als das Sakrileg zu begehen, eine heilige Kuh zu verletzen. Daher ist bei gemütlich auf der Straße trottenden Kühen (und diese sind keine Seltenheit!) besondere Vorsicht geboten. Für Kühe auf der Fahrbahn wird immer gebremst. Für Fußgänger nicht immer.

Ansonsten darf man sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mir sind im Straßenverkehr schon folgende Teilnehmer begegnet: Fußgänger, Handkarren, Fahrräder, ochsengezogene Wagen, Mopeds, Roller, Motorräder mit bis zu fünf Passagieren, (motorisierte und unmotorisierte) Rikshaws, Autos, VANs, Busse (gerne auch mit Fahrgästen auf dem Dach), LKWs, Baufahrzeuge, Trecker, Kühe, Pferde, Esel, Maultiere, Hunde, Hühner, Schafe, Schweine, Affen, Kamele, Elefanten und Strauße.

„Straße“ ist sowieso ein sehr dehnbarer Begriff und wird ortsabhängig auch gerne zum Schlafen, Brettspielen, Teetrinken, Wäschetrocknen oder als Verkaufsfläche genutzt.

Holzauge, sei wachsam.

1 Kommentar:

  1. Es war mal wieder sehr amüsant von dir zu lesen ;) Am besten gefallen hat mir deine Rikshaw-Tausch-Aktion! Sehr mutig...wobei das Roller-Fahren im Straßenverkehr ja noch mutiger sein muss...Wahnsinn!

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