Wenn ich an
meinen Trip nach Nordindien denke, gibt es keine konstante Erinnerung, keinen
chronologischen Film, den ich vor- oder zurückspulen könnte, sondern es kommen
mir Momente und Situationen in den Sinn, die für diese Reise prägend waren -
wie ein Mosaik aus lauter kleinen bunten Augenblicken, die ein Gesamtbild von unschätzbarem
inneren Wert bilden.
Schon der
Beginn der Reise ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben.
Die letzten
drei Tage hatten mein Boss, zwei HR-Kollegen und ich bereits auf die gleiche
Weise zugebracht:
Jeden Morgen
fahren wir jeweils zu einer anderen Hochschule im Grossraum Pune, trinken Chai
mit den Rektoren und laden anschließend die notenmäßig besten 100
Ingenieursabsolventen zu unserem Recruiting-Tag ein. In großen Aulen und Kinosälen
sitzen dann die Entwickler und Manager von morgen.
Indische
Unis kann man aber schlecht mit europäischen vergleichen. Schon beim Eintreten
in den Raum wird das deutlich, als alle uniformierten Studenten mit Hemd und
Krawatte hochdiszipliniert von ihren Sitzen aufspringen und ein „Good morning,
Sirs!“ im Chor durch den Raum wehen lassen.
Nach der üblichen
Begrüßungsrunde war ich dann an der Reihe, den offiziellen Vortrag zu beginnen
und als offensichtliche deutsche Leihgabe über die ZF Group zu referieren:
Firmengeschichte, Standorte, Kennzahlen, Kunden, Produkte, Unternehmenskultur
gehören ebenso dazu wie die Beantwortung von Publikumsfragen, die mich manchmal
schon ganz schön ins Schwitzen bringen, z.B.:
„Warum sind
die Deutschen so gut in Technik?“ oder „Wie wird der hohe Qualitätsgrad
erreicht?“
Die Präsentation
von ZF India übernimmt dann wieder mein Chef Ravisu, genauso wie die Ausführungen
über das Internationale Traineeprogramm, das den technisch ausgerichteten
Studenten erlaubt, diesen Herbst im begehrten Deutschland ihre ersten Projekte
zu starten.
Doch die Konkurrenz ist hoch und Ende des Tages bleiben von den 100
höchstens noch 10 übrig, die in späteren Runden noch gegen die anderen
Colleges, ja letztendlich sogar gegen alle Kandidaten weltweit antreten müssen.
Fünf
Studenten räumen noch vor Beginn der Gruppendiskussionen mit ernsten Mienen das
Feld. Sie würden gerne teilnehmen, aber sie sind das einzige Kind ihrer Eltern.
Die Familie würden ihnen nie erlauben, das Land zu verlassen, zu wichtig ist
die Stellung die sie einnehmen, sowohl aus rituell-religiösen als auch aus rein
pragmatischen Gründen. In Indien existiert ein Rentensystem bisher allein für
Beamte, alle anderen sind auf den Nachwuchs angewiesen.
Ihre
Kommilitonen sind trotzdem noch zahlreich, wir teilen Sie in Gruppen ein und
lassen alle gestaffelt über verschiedene Themen diskutieren, nehmen die besten
in die nächste Runde, bis wir uns am Ende des Tages nach 3 Durchgängen erschöpft
auf 10 Favoriten einigen.
Davor haben
wir alles gesehen, von schüchtern bis aggressiv, von brüchigem Englisch bis zum
eloquenten Verkaufstalent, vom innovativen Denker bis zum empathischen
Gruppensprecher.
Für mich
ist es spannend, mal auf der anderen Seite zu sitzen und zu merken, was tatsächlich
gut ankommt. Geht es wirklich darum, die Argumentationskette um jeden Preis zu
gewinnen oder sind andere Faktoren nicht viel wichtiger? Wie strahlt man
Durchsetzungsvermögen aus, auch ohne jemandem unhöflich das Wort abzuschneiden?
Auf diese
und viele weitere Fragen finde ich Antworten in den guten und schlechten
Beispielen direkt vor meiner Nase. Und nach jeder Runde haben wir vier ZFler unabhängig
voneinander fast immer die gleichen Eindrücke und Empfehlungen bezüglich der
Kandidaten.
Doch
Schockschwerenot – schon so spät! Mein Flieger geht in anderthalb Stunden!
Mit
quietschenden Reifen rast mein Chef über die dämmernden Straßen, besteht
darauf, mich persönlich am Flughafen abzuliefern, da ich es per Rikshaw nicht
schaffen würde. Da könnte er Recht haben. Kurzerhand tausche ich auf dem Rücksitz
Anzug und Krawatte gegen T-Shirt und Jeans aus – den verdutzten Blicken einiger
Motorradfahrer an der nächsten Kreuzung zum Trotz.
Und wir
kommen rechtzeitig...

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