Mittwoch, 8. Februar 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Prequel

Wenn ich an meinen Trip nach Nordindien denke, gibt es keine konstante Erinnerung, keinen chronologischen Film, den ich vor- oder zurückspulen könnte, sondern es kommen mir Momente und Situationen in den Sinn, die für diese Reise prägend waren - wie ein Mosaik aus lauter kleinen bunten Augenblicken, die ein Gesamtbild von unschätzbarem inneren Wert bilden.



Schon der Beginn der Reise ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben.

Die letzten drei Tage hatten mein Boss, zwei HR-Kollegen und ich bereits auf die gleiche Weise zugebracht:

Jeden Morgen fahren wir jeweils zu einer anderen Hochschule im Grossraum Pune, trinken Chai mit den Rektoren und laden anschließend die notenmäßig besten 100 Ingenieursabsolventen zu unserem Recruiting-Tag ein. In großen Aulen und Kinosälen sitzen dann die Entwickler und Manager von morgen.

Indische Unis kann man aber schlecht mit europäischen vergleichen. Schon beim Eintreten in den Raum wird das deutlich, als alle uniformierten Studenten mit Hemd und Krawatte hochdiszipliniert von ihren Sitzen aufspringen und ein „Good morning, Sirs!“ im Chor durch den Raum wehen lassen.

Nach der üblichen Begrüßungsrunde war ich dann an der Reihe, den offiziellen Vortrag zu beginnen und als offensichtliche deutsche Leihgabe über die ZF Group zu referieren: Firmengeschichte, Standorte, Kennzahlen, Kunden, Produkte, Unternehmenskultur gehören ebenso dazu wie die Beantwortung von Publikumsfragen, die mich manchmal schon ganz schön ins Schwitzen bringen, z.B.:

„Warum sind die Deutschen so gut in Technik?“ oder „Wie wird der hohe Qualitätsgrad erreicht?“


Die Präsentation von ZF India übernimmt dann wieder mein Chef Ravisu, genauso wie die Ausführungen über das Internationale Traineeprogramm, das den technisch ausgerichteten Studenten erlaubt, diesen Herbst im begehrten Deutschland ihre ersten Projekte zu starten.
Doch die Konkurrenz ist hoch und Ende des Tages bleiben von den 100 höchstens noch 10 übrig, die in späteren Runden noch gegen die anderen Colleges, ja letztendlich sogar gegen alle Kandidaten weltweit antreten müssen.

Fünf Studenten räumen noch vor Beginn der Gruppendiskussionen mit ernsten Mienen das Feld. Sie würden gerne teilnehmen, aber sie sind das einzige Kind ihrer Eltern. Die Familie würden ihnen nie erlauben, das Land zu verlassen, zu wichtig ist die Stellung die sie einnehmen, sowohl aus rituell-religiösen als auch aus rein pragmatischen Gründen. In Indien existiert ein Rentensystem bisher allein für Beamte, alle anderen sind auf den Nachwuchs angewiesen.

Ihre Kommilitonen sind trotzdem noch zahlreich, wir teilen Sie in Gruppen ein und lassen alle gestaffelt über verschiedene Themen diskutieren, nehmen die besten in die nächste Runde, bis wir uns am Ende des Tages nach 3 Durchgängen erschöpft auf 10 Favoriten einigen.



Davor haben wir alles gesehen, von schüchtern bis aggressiv, von brüchigem Englisch bis zum eloquenten Verkaufstalent, vom innovativen Denker bis zum empathischen Gruppensprecher.

Für mich ist es spannend, mal auf der anderen Seite zu sitzen und zu merken, was tatsächlich gut ankommt. Geht es wirklich darum, die Argumentationskette um jeden Preis zu gewinnen oder sind andere Faktoren nicht viel wichtiger? Wie strahlt man Durchsetzungsvermögen aus, auch ohne jemandem unhöflich das Wort abzuschneiden?

Auf diese und viele weitere Fragen finde ich Antworten in den guten und schlechten Beispielen direkt vor meiner Nase. Und nach jeder Runde haben wir vier ZFler unabhängig voneinander fast immer die gleichen Eindrücke und Empfehlungen bezüglich der Kandidaten.

Doch Schockschwerenot – schon so spät! Mein Flieger geht in anderthalb Stunden!

Mit quietschenden Reifen rast mein Chef über die dämmernden Straßen, besteht darauf, mich persönlich am Flughafen abzuliefern, da ich es per Rikshaw nicht schaffen würde. Da könnte er Recht haben. Kurzerhand tausche ich auf dem Rücksitz Anzug und Krawatte gegen T-Shirt und Jeans aus – den verdutzten Blicken einiger Motorradfahrer an der nächsten Kreuzung zum Trotz.

Und wir kommen rechtzeitig...

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