Und weiter
geht die Reise, diesmal besorge ich mir aber zumindest noch ein Handtuch in
einer von Delhis unzähligen Shoppingmalls, bevor ich mich zu meinem Sleeperbus
Richtung Jaipur begebe. Denn spätestens seit Buch & Film „Per Anhalter
durch die Galaxis“ sollte man wissen, dass Handtücher die wichtigsten und
vielseitigsten Gegenstände unseres Planeten sind.
Die
Temperaturen sind nicht besser als in der Nacht zuvor, aber mit dem Handtuch
als Decke ist zumindest der Luftstrom aus den undichten Fenstern weniger
aggressiv und ich schlafe für ein paar Stunden.
Früh am
Morgen erreichen wir Jaipur, die Hauptstadt des Staates Rajasthan. Frühstück,
Chai, Rickshaw – alles wie gehabt. Mein Hauptinteresse gilt dem Amer Fort, ca.
10 Kilometer außerhalb der Stadt, das auf einem mehrfach befestigten Berg sitzt
und für die außerordentliche schöne Hindu- und Rajput-Palast-Architektur
berühmt ist.
Schon auf
dem Weg dorthin fallen mir die vielen Elefanten auf, die wir nach und nach
überholen. Am Fuße des Berges findet sich eine ganze Herde von ihnen, teilweise
mit religiösen Schutzsymbolen bemalt und alle mit Elefantentreiber und einer
Passagierbank auf dem Rücken.
Immerhin
900 Rupien kostet ein Ritt bergauf bis in den Innenhof des Palastes, doch ich
habe Glück: In einer großen französischen Reisegruppe geht meine
Zahlungsbereitschaft einfach unter, ich werde zwischen Elefantentreibern,
Ramschhändlern und Touristen treppauf weitergeschoben und mit einem Franzosen
mittleren Alters auf einen Elefanten gesetzt. Er ist froh über die Gesellschaft
und zu Späßen aufgelegt, und so schunkeln wir scherzend an Befestigungsmauern
entlang und durch breite Tore hindurch, während unser Rüsseltier gemächlich
schreitend den Aufstieg meistert. Der Elefant fühlt sich seltsam warm an, doch
seine Haut ist unglaublich hart und rau.
Erbaut Ende
des 16. Jahrhunderts ist das Amer Fort erstaunlich gut erhalten, selbst
farbenprächtige Malereien strahlen noch mit ganzer Kraft und geben ein gutes
Bild, wie es sich hier als mittelalterlicher Raja gelebt haben muss. Weite
Empfangsräume, prunkvolle Privatgemächer, einladende Bäder, sogar der ehemals
streng bewachte Haremsbereich (denn zumindest 9 offizielle Ehefrauen waren für
das herrschende Staatsoberhaupt die unterste Norm) stammen unverändert aus
alter Zeit. Darüber hinaus ist das gesamte Areal begehbar und lädt zum
eigenständigen Erkunden der verwinkelten Räumlichkeiten ein.
In einer
Seitengasse findet sich der mamorweiße Sila Devi Tempel zu Ehren von Kali,
Göttin des Todes, des Feuers und der Zerstörung. Bis in die 70er Jahre hinein
wurden hier regelmäßig Ziegen geopfert, doch auf Druck der Öffentlichkeit hat
man diese Praxis inzwischen ausgelagert.
Während
ich, meiner Schuhe entledigt, die Tempelstufen emporsteige, spricht mich ein
Verkäufer an. Er hat einen kleinen Stand und verkauft (nun vegetarisches)
Opfergut wie Blumen, Räucherwerk, geflechtete Ketten. Ich versuche ihn
abzuschütteln, doch er zeigt sich sehr hartnäckig.
„First customer! Please buy, only little thing is
enough.“
Ach
deshalb. Der erste Kunde ist in Indien sehr wichtig, kommt ihm hier eine Art
prophezeiende Funktion zu. Wenn das erste Geschäft des Tages platzt, dann steht
der gesamte Tag unter einem schlechten Stern. Andererseits kann man das, sofern
man früh genug aufsteht, bei vielen Transaktionen auch als Druckmittel
verwenden. Denn der Verkäufer wird eher einen schlechten Deal eingehen, als ein
unheilvolles Schicksal zu riskieren.
Und so
erwerbe ich für eine läppische Summe zwei Stäbchen, auf die der dankbare
Opfergabenvertreter zwei behutsam in Parfüme getränkte Wattebäuschchen steckt.
Ich steige weiter hinauf, bestaune die kunstvoll geschmiedete silberne
Eingangstür und betrete das Heiligtum. Drinnen überreiche ich meine duftenden
Zahnstocher einem Priester, der diese mit feierlicher Miene der monströsen Kali-Statue
zusteckt, tradionsgemäß dargestellt mit vier Armen und einer Kette aus
abgetrennten Köpfen.
Ich genieße
noch eine Weile das Ambiente des Palastes, lausche meinem Audioguide und
beschließe dann, mich auf den Rückweg zu machen.
In Jaipur
wartet der berühmte Stadtpalast mit der sagenumwobenen Hawa Mahal („Palast der
Winde“) auf mich, danach wird es langsam Abend.
Ein
Spezialität dieser Stadt sind die vielen traditionellen Kunsthandwerke, die in
der Region produziert und hier verkauft werden. Die Hauptstraßen sind voller
Läden für Götterstatuen, Marmorfiguren, Seidenschals, Teppiche, Lampen, Keramik
und Parfüm.
Doch die
wichtigste Einnahmequelle ist die Juwelierkunst. Sie ist die beste Indiens und
darüber hinaus eine der begehrtesten der Welt.
Jaipur ist
Asiens größter Exporteur von Gold-, Silber-, Diamant- und Edelsteinerzeugnissen
und die Schaufenster quellen über vor Schmuck. Die wirklich exquisiten
Schmuckstücke und konkurrenzlose Schnäppchen finden sich jedoch außerhalb der
Stadt, in den lokalen Manufakturbetrieben. Auf Empfehlung meines
brasilianischen Mitbewohners, der hier ein kunstvolles Amulett aus in Silber
eingefassten Halbedelsteinen gefunden hat, nehme ich mir eine Rickshaw und
besuche die umliegenden Gebiete. Ich suche nach der gleichen Fertigungstechnik,
aber mit einem Ohm-Zeichen oder einer Sonne als Motiv.
Die
Produzenten sind sehr nett, zeigen mir ihre Werkstätten und Arbeitsweise im
Schleifen und Einpassen der Steine, doch keiner kann mir mit dem gesuchten
Motiv in der gewünschten Technik weiterhelfen.
Die Zeit
drängt und nach fünf ergebnislosen Abstechern versuchen wir einen letzten
Juwelierladen mit eigener Produktion. Ich beschreibe dem Verkäufer, was ich
suche, und er zieht umgehend einen alten Schuhkarton aus einem Schrank hervor.
Den
gesamten Inhalt kippt er auf die Glastheke und meine Augen gleiten über die
glitzernde Ware.
Da! Ein
Medaillon ist genau, was ich suche, ein Ohm-Zeichen in einer Sonne aus Türkis
und Lapislazuli.
Nun gut,
die Verhandlung ist eröffnet. Aber den First-Customer-Bonus kann ich um diese
Uhrzeit vergessen.
Mein
Gegenspieler: Ein schleimiger Juwelier mit zurückgegelten Haaren, Schnurrbart
und einem weißen Mafiaanzug, der Pablo Escobar alle Ehre gemacht hätte. Das
Ziel: So wenig bezahlen wie möglich.
Professionell
Feilschen kann ich spätestens seit Goa, doch in Indien muss stets auf der Hut
sein. Jetzt bloß nicht zu früh Interesse signalisieren.
Ich
stochere gelangweilt in dem Haufen Schmuck herum, fische wahllos Anhänger
heraus und werfe sie zurück in die Unordnung.
„Setzen Sie
sich doch! Möchten Sie einen Chai, Sir?“ werde ich mit gelecktem Lächeln
gefragt.
Dingdingding
– Runde 1: zeitliche Fixierung des Kunden durch Warten auf und Trinken eines
Tees. Ich nehme an.
Sofort wird
mit befehlender Geste und strengem Ton ein Mitarbeiter losgeschickt. Dann ist
das künstliche Lächeln wieder da und wird auf mich gerichtet.
Ich ziehe
vier bis fünf Stücke aus dem Salat, meinen geheimen Favoriten inklusive.
„Ohh, Sie
haben exquisiten Geschmack, Sir!“
Dingdingding
– Runde 2: Einschmeicheln.
„Ich weiß
nicht. Das ist eigentlich nicht, was ich suche.“
„Aber doch,
ja, sehr schöne Handarbeit, alles Unikate! Und eine Echtheitsgarantie für die
Steine und das Sterlingsilber gibt es noch dazu. Eine zertifizierte Urkunde mit
Geld-zurück-Garantie. Denn bei mir gibt es keine Fälschungen wie in der Stadt.“
Dingdingding
– Runde 3: Abwertung der Konkurrenz
Ich nippe
desinteressiert am Chai.
„Naja, aber
die Farben... Da gibt es sicherlich noch schönere Exemplare.“
„Dann
vielleicht als Geschenk für einen Freund? Ich habe auch wundervolle Ohrringe,
zum Beispiel als Souvenir für die Mutter oder die Freundin.“
„Nein,
nein. Was sind überhaupt die Preise?“
Ich zeige
nacheinander auf alle ausgewählten Stücke, meinen Favoriten wohlwissentlich
nicht als erste und auch nicht als letzte Anfrage. Der Preis für das Ohm in der
Sonne beträgt 6000 Rupien. Damit hat er mir verraten, dass es nicht mehr als
2000 wert ist, denn zwei Drittel sind oftmals Verhandlungsspielraum.
Ich stürze
den Rest meines Tee hinunter und schaue den Verkäufer weiterhin unbeeindruckt
an.
„Also
überzeugt bin ich nicht. Das scheint mir alles ein bisschen teuer, habe ich
schon woanders billiger gesehen. Außerdem habe ich gerade erst begonnen, mich
umzuschauen und bin noch für ein paar Tage in Jaipur. Ich denke, ich werde
erstmal die anderen Shops besuchen und mir dort ein Bild machen. Vielleicht
haben die eher, was ich suche.“
Dingdingding
– Runde 4: Lügen
„Mein
Freund, ich mache dir ein besonderes Angebot, Freundschaftspreis! Du bist ein
vernünftiger Typ, du magst Chai, du hast Geschmack. Lass uns ein Geschäft
machen!“
Zeit für
den ersten Schlagabtausch.
„Naja, also
das Ohm-Amulett da würde ich mitnehmen, für 1500.“
Don
Schnurrbart lehnt sich lachend zurück.
„Aber nein,
mein Freund, wovon soll ich leben? Ich kaufe die Steine und das Silber für 3000
und dann muss ich noch meine Arbeiter beschäftigen. Aber ich gebe dir einen
Discount, weil ich dich mag. Für dich: 5000 Rupien!“
Mein Gegner
strauchelt, meine Taktik zeigt Wirkung. In einem normalen Fall hätte nun das
abwechselnde preisliche Aufeinanderzukommen eingesetzt, mit einem Treffen um
3000 Rupien, doch aus einem Gefühl heraus beschließe ich, alles auf eine Karte
zu setzen und bei meiner Geschichte zu bleiben.
„Nein, ich
sagte doch, nicht mehr als 1500. Ansonsten ärgere ich mich nur, wenn ich morgen
ein billigeres oder schöneres Angebot in einer anderen Manufaktur bekomme.“
„4500 ist
mein letztes Angebot. Sonst mache ich gar
keinen Gewinn.“
„Nun, das
ist schade, aber in dem Fall werden wir uns wohl nicht einig. Ich bin sicher,
in den anderen Shops werde ich etwas finden, dass eher meinem Geschmack
entspricht. Aber vielen Dank nochmals für den Chai.“
Ich stehe
von meinem Stuhl auf, hänge mir meine Reisetasche um und mache Anstalten, zu
gehen. Gerade als ich nach der Türklinke greifen will, höre ich die befreienden
Worte.
„OK. 1500.“
K.O.-Sieg
in Runde 4. Mit knirschenden Zähnen und gänzlich ohne Lächeln zählt mein
Geschäftspartner mehrmals die drei 500er Scheine durch, unterschreibt die
Echtheitsurkunde und händigt mir meinen Anhänger aus, die symbolische
Siegermedaille.
Just-in-Time:
Mit der Rickshaw geht es direkt zum Busbahnhof, und die Zeit vor Abfahrt reicht
gerade noch so... für einen letzten Chai in Jaipur.
also willi,das muss ich schon sagen.spitzen arbeit...ich kann mich noch sehr gut an deine anfänglichen feilschversuch in italien erinnern.ich hätte dich damals erwürgen können :D ..aber wenn ich das jetzt sehe.du hättest BRIAN ein guter lehrmeister sein können ;)
AntwortenLöschen