Samstag, 25. Februar 2012

4 Städte in 4 Staaten in 4 Tagen – Jaipur

Und weiter geht die Reise, diesmal besorge ich mir aber zumindest noch ein Handtuch in einer von Delhis unzähligen Shoppingmalls, bevor ich mich zu meinem Sleeperbus Richtung Jaipur begebe. Denn spätestens seit Buch & Film „Per Anhalter durch die Galaxis“ sollte man wissen, dass Handtücher die wichtigsten und vielseitigsten Gegenstände unseres Planeten sind.

Die Temperaturen sind nicht besser als in der Nacht zuvor, aber mit dem Handtuch als Decke ist zumindest der Luftstrom aus den undichten Fenstern weniger aggressiv und ich schlafe für ein paar Stunden.

Früh am Morgen erreichen wir Jaipur, die Hauptstadt des Staates Rajasthan. Frühstück, Chai, Rickshaw – alles wie gehabt. Mein Hauptinteresse gilt dem Amer Fort, ca. 10 Kilometer außerhalb der Stadt, das auf einem mehrfach befestigten Berg sitzt und für die außerordentliche schöne Hindu- und Rajput-Palast-Architektur berühmt ist.

Schon auf dem Weg dorthin fallen mir die vielen Elefanten auf, die wir nach und nach überholen. Am Fuße des Berges findet sich eine ganze Herde von ihnen, teilweise mit religiösen Schutzsymbolen bemalt und alle mit Elefantentreiber und einer Passagierbank auf dem Rücken.

Immerhin 900 Rupien kostet ein Ritt bergauf bis in den Innenhof des Palastes, doch ich habe Glück: In einer großen französischen Reisegruppe geht meine Zahlungsbereitschaft einfach unter, ich werde zwischen Elefantentreibern, Ramschhändlern und Touristen treppauf weitergeschoben und mit einem Franzosen mittleren Alters auf einen Elefanten gesetzt. Er ist froh über die Gesellschaft und zu Späßen aufgelegt, und so schunkeln wir scherzend an Befestigungsmauern entlang und durch breite Tore hindurch, während unser Rüsseltier gemächlich schreitend den Aufstieg meistert. Der Elefant fühlt sich seltsam warm an, doch seine Haut ist unglaublich hart und rau.

Erbaut Ende des 16. Jahrhunderts ist das Amer Fort erstaunlich gut erhalten, selbst farbenprächtige Malereien strahlen noch mit ganzer Kraft und geben ein gutes Bild, wie es sich hier als mittelalterlicher Raja gelebt haben muss. Weite Empfangsräume, prunkvolle Privatgemächer, einladende Bäder, sogar der ehemals streng bewachte Haremsbereich (denn zumindest 9 offizielle Ehefrauen waren für das herrschende Staatsoberhaupt die unterste Norm) stammen unverändert aus alter Zeit. Darüber hinaus ist das gesamte Areal begehbar und lädt zum eigenständigen Erkunden der verwinkelten Räumlichkeiten ein.

In einer Seitengasse findet sich der mamorweiße Sila Devi Tempel zu Ehren von Kali, Göttin des Todes, des Feuers und der Zerstörung. Bis in die 70er Jahre hinein wurden hier regelmäßig Ziegen geopfert, doch auf Druck der Öffentlichkeit hat man diese Praxis inzwischen ausgelagert.

Während ich, meiner Schuhe entledigt, die Tempelstufen emporsteige, spricht mich ein Verkäufer an. Er hat einen kleinen Stand und verkauft (nun vegetarisches) Opfergut wie Blumen, Räucherwerk, geflechtete Ketten. Ich versuche ihn abzuschütteln, doch er zeigt sich sehr hartnäckig.

„First customer! Please buy, only little thing is enough.“

Ach deshalb. Der erste Kunde ist in Indien sehr wichtig, kommt ihm hier eine Art prophezeiende Funktion zu. Wenn das erste Geschäft des Tages platzt, dann steht der gesamte Tag unter einem schlechten Stern. Andererseits kann man das, sofern man früh genug aufsteht, bei vielen Transaktionen auch als Druckmittel verwenden. Denn der Verkäufer wird eher einen schlechten Deal eingehen, als ein unheilvolles Schicksal zu riskieren.

Und so erwerbe ich für eine läppische Summe zwei Stäbchen, auf die der dankbare Opfergabenvertreter zwei behutsam in Parfüme getränkte Wattebäuschchen steckt. Ich steige weiter hinauf, bestaune die kunstvoll geschmiedete silberne Eingangstür und betrete das Heiligtum. Drinnen überreiche ich meine duftenden Zahnstocher einem Priester, der diese mit feierlicher Miene der monströsen Kali-Statue zusteckt, tradionsgemäß dargestellt mit vier Armen und einer Kette aus abgetrennten Köpfen.

Ich genieße noch eine Weile das Ambiente des Palastes, lausche meinem Audioguide und beschließe dann, mich auf den Rückweg zu machen.

In Jaipur wartet der berühmte Stadtpalast mit der sagenumwobenen Hawa Mahal („Palast der Winde“) auf mich, danach wird es langsam Abend.

Ein Spezialität dieser Stadt sind die vielen traditionellen Kunsthandwerke, die in der Region produziert und hier verkauft werden. Die Hauptstraßen sind voller Läden für Götterstatuen, Marmorfiguren, Seidenschals, Teppiche, Lampen, Keramik und Parfüm.

Doch die wichtigste Einnahmequelle ist die Juwelierkunst. Sie ist die beste Indiens und darüber hinaus eine der begehrtesten der Welt.

Jaipur ist Asiens größter Exporteur von Gold-, Silber-, Diamant- und Edelsteinerzeugnissen und die Schaufenster quellen über vor Schmuck. Die wirklich exquisiten Schmuckstücke und konkurrenzlose Schnäppchen finden sich jedoch außerhalb der Stadt, in den lokalen Manufakturbetrieben. Auf Empfehlung meines brasilianischen Mitbewohners, der hier ein kunstvolles Amulett aus in Silber eingefassten Halbedelsteinen gefunden hat, nehme ich mir eine Rickshaw und besuche die umliegenden Gebiete. Ich suche nach der gleichen Fertigungstechnik, aber mit einem Ohm-Zeichen oder einer Sonne als Motiv.

Die Produzenten sind sehr nett, zeigen mir ihre Werkstätten und Arbeitsweise im Schleifen und Einpassen der Steine, doch keiner kann mir mit dem gesuchten Motiv in der gewünschten Technik weiterhelfen.

Die Zeit drängt und nach fünf ergebnislosen Abstechern versuchen wir einen letzten Juwelierladen mit eigener Produktion. Ich beschreibe dem Verkäufer, was ich suche, und er zieht umgehend einen alten Schuhkarton aus einem Schrank hervor.

Den gesamten Inhalt kippt er auf die Glastheke und meine Augen gleiten über die glitzernde Ware.

Da! Ein Medaillon ist genau, was ich suche, ein Ohm-Zeichen in einer Sonne aus Türkis und Lapislazuli.

Nun gut, die Verhandlung ist eröffnet. Aber den First-Customer-Bonus kann ich um diese Uhrzeit vergessen.

Mein Gegenspieler: Ein schleimiger Juwelier mit zurückgegelten Haaren, Schnurrbart und einem weißen Mafiaanzug, der Pablo Escobar alle Ehre gemacht hätte. Das Ziel: So wenig bezahlen wie möglich.

Professionell Feilschen kann ich spätestens seit Goa, doch in Indien muss stets auf der Hut sein. Jetzt bloß nicht zu früh Interesse signalisieren.

Ich stochere gelangweilt in dem Haufen Schmuck herum, fische wahllos Anhänger heraus und werfe sie zurück in die Unordnung.

„Setzen Sie sich doch! Möchten Sie einen Chai, Sir?“ werde ich mit gelecktem Lächeln gefragt.

Dingdingding – Runde 1: zeitliche Fixierung des Kunden durch Warten auf und Trinken eines Tees. Ich nehme an.

Sofort wird mit befehlender Geste und strengem Ton ein Mitarbeiter losgeschickt. Dann ist das künstliche Lächeln wieder da und wird auf mich gerichtet.

Ich ziehe vier bis fünf Stücke aus dem Salat, meinen geheimen Favoriten inklusive.

„Ohh, Sie haben exquisiten Geschmack, Sir!“

Dingdingding – Runde 2: Einschmeicheln.

„Ich weiß nicht. Das ist eigentlich nicht, was ich suche.“

„Aber doch, ja, sehr schöne Handarbeit, alles Unikate! Und eine Echtheitsgarantie für die Steine und das Sterlingsilber gibt es noch dazu. Eine zertifizierte Urkunde mit Geld-zurück-Garantie. Denn bei mir gibt es keine Fälschungen wie in der Stadt.“

Dingdingding – Runde 3: Abwertung der Konkurrenz

Ich nippe desinteressiert am Chai.

„Naja, aber die Farben... Da gibt es sicherlich noch schönere Exemplare.“

„Dann vielleicht als Geschenk für einen Freund? Ich habe auch wundervolle Ohrringe, zum Beispiel als Souvenir für die Mutter oder die Freundin.“

„Nein, nein. Was sind überhaupt die Preise?“

Ich zeige nacheinander auf alle ausgewählten Stücke, meinen Favoriten wohlwissentlich nicht als erste und auch nicht als letzte Anfrage. Der Preis für das Ohm in der Sonne beträgt 6000 Rupien. Damit hat er mir verraten, dass es nicht mehr als 2000 wert ist, denn zwei Drittel sind oftmals Verhandlungsspielraum.

Ich stürze den Rest meines Tee hinunter und schaue den Verkäufer weiterhin unbeeindruckt an.

„Also überzeugt bin ich nicht. Das scheint mir alles ein bisschen teuer, habe ich schon woanders billiger gesehen. Außerdem habe ich gerade erst begonnen, mich umzuschauen und bin noch für ein paar Tage in Jaipur. Ich denke, ich werde erstmal die anderen Shops besuchen und mir dort ein Bild machen. Vielleicht haben die eher, was ich suche.“

Dingdingding – Runde 4: Lügen

„Mein Freund, ich mache dir ein besonderes Angebot, Freundschaftspreis! Du bist ein vernünftiger Typ, du magst Chai, du hast Geschmack. Lass uns ein Geschäft machen!“

Zeit für den ersten Schlagabtausch.

„Naja, also das Ohm-Amulett da würde ich mitnehmen, für 1500.“

Don Schnurrbart lehnt sich lachend zurück.

„Aber nein, mein Freund, wovon soll ich leben? Ich kaufe die Steine und das Silber für 3000 und dann muss ich noch meine Arbeiter beschäftigen. Aber ich gebe dir einen Discount, weil ich dich mag. Für dich: 5000 Rupien!“

Mein Gegner strauchelt, meine Taktik zeigt Wirkung. In einem normalen Fall hätte nun das abwechselnde preisliche Aufeinanderzukommen eingesetzt, mit einem Treffen um 3000 Rupien, doch aus einem Gefühl heraus beschließe ich, alles auf eine Karte zu setzen und bei meiner Geschichte zu bleiben.

„Nein, ich sagte doch, nicht mehr als 1500. Ansonsten ärgere ich mich nur, wenn ich morgen ein billigeres oder schöneres Angebot in einer anderen Manufaktur bekomme.“

„4500 ist mein letztes Angebot. Sonst mache ich gar  keinen Gewinn.“

„Nun, das ist schade, aber in dem Fall werden wir uns wohl nicht einig. Ich bin sicher, in den anderen Shops werde ich etwas finden, dass eher meinem Geschmack entspricht. Aber vielen Dank nochmals für den Chai.“

Ich stehe von meinem Stuhl auf, hänge mir meine Reisetasche um und mache Anstalten, zu gehen. Gerade als ich nach der Türklinke greifen will, höre ich die befreienden Worte.

„OK. 1500.“

K.O.-Sieg in Runde 4. Mit knirschenden Zähnen und gänzlich ohne Lächeln zählt mein Geschäftspartner mehrmals die drei 500er Scheine durch, unterschreibt die Echtheitsurkunde und händigt mir meinen Anhänger aus, die symbolische Siegermedaille.

Just-in-Time: Mit der Rickshaw geht es direkt zum Busbahnhof, und die Zeit vor Abfahrt reicht gerade noch so... für einen letzten Chai in Jaipur.

1 Kommentar:

  1. Don Peter Mach04.03.2012, 08:11:00

    also willi,das muss ich schon sagen.spitzen arbeit...ich kann mich noch sehr gut an deine anfänglichen feilschversuch in italien erinnern.ich hätte dich damals erwürgen können :D ..aber wenn ich das jetzt sehe.du hättest BRIAN ein guter lehrmeister sein können ;)

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