Dienstag, 27. Dezember 2011

25./26.12. Shopping

Nach einem entspannten Spaziergang an der sichelförmigen Westpromenade der Stadt, die auch um 23:00 noch so voller Händlern, Autos, Kutschen, Hupen und spielenden Kindern ist, dass man sich fragt, ob sowas wie Nacht oder Schlaf überhaupt in Bombay existiert, lasse ich den Tag zwischen all den Menschen hier mit einem süßen Chai und einer saftigen Kokosnuss, die allerorten trink- und essbereit angeboten werden, mit dem Blick auf das schwarze Meer ausklingen.
Der nächste Tag beginnt erneut mit Wassereimer und Kernseife, und einem ausgiebigen Frühstück bei meinem Lieblingsmuslim um die Ecke.

Der heutige Tag ist gekennzeichnet vom Stöbern über verschiedenste Basare und Märkte. Im Crawford Market gibt es so ziemlich alles, von exotischen Gewürzmischungen bis hin zu Hundewelpen. Ich lerne einen netten Führer namens Nairan kennen, der mir die Geschichte und die Angebote der verschiedenen Märkte erklärt, und mir den Weg zu den Produkten meines Interesses weist. Vor dem Fleischmarkt bleibt er stehen.

Als Hindu dürfe er dort nicht hinein gehen, erklärt er mir, denn dort werden Kühe von Muslimen geschlachtet und verkauft. Er deutet auf sein rotes Stirnmal und verspricht mir, draußen auf mich zu warten.

Was im Innern dagegen auf mich wartet, ist kaum zu beschreiben. Der Reiseführer weist bereits auf die Notwendigkeit von starken Nerven hin, und diese Szenerie lässt auch mich schaudern. In dem rundum offenen Schlachthof liegen überall Überreste von Kadavern verstreut, der Boden ist entweder dreckig oder über und über in Blut getränkt, an den schmutzigen Wänden blättert der Putz, und von der Decke hängen wuchtige gusseiserne Metzgerhaken. Eine prima Umgebung, falls Bollywood doch noch auf Horrorfilme umsteigen möchte.

Das grausigste für meinen Geschmack sind allerdings die unzählbar vielen dicken schwarzen Krähen, die laut krächzend über die Dachverstrebungen hüpfen und hier und da herunter flattern, um ein Stück Fleisch aufzuschnappen.



Ich lasse Nairan aus selbigem Anlass nicht allzu lange warte und hole mir eine Wegbeschreibung zum Mangalda Market, dem Platz für erlesene Stoffe, prachtvolle Saris und die weltberühmten indischen Schals. Hier werde ich fündig und kaufe für mich und Freunde beste Qualität aus exquisiter Kaschmiri-Ziegen-Wolle.

Durch ein paar Seitengassen lasse ich mich wieder in das bunte Treiben der Stadt aufnehmen, probiere rohe Zuckerrohrwürfel (sehr lecker und saftig, nur muss man danach den zerkauten Teil immer wieder auf die Straße spucken, was ich nach indischem Vorbild dann auch ungehemmt tue und spaßig finde), probiere meine von Narain beigebrachten Marathi-Wörter beim Wasserhändler aus („Schukreia! Pani? Dannewatt!“), und bekomme ein erstes Lob für meine Sprachkenntnisse.
Dann finde ich meinen Weg zum Mumbadevi-Tempel, dem Namensgeber Mumbais (welches bis vor einigen Jahren noch offiziell Bombay hieß und daher synonym verwendet wird). In den Straßen rundherum werden rituelle Opfergaben verkauft: bunte Blumenketten, Räucherwerk, und schmuckvoll geflechtete Papierformen.
Kühe spazieren gemütlich durch die Straße, Priester erteilen Segenssprüche, singen Mantras, verteilen rote Punkte auf Stirn und Hals – auch ich werde nicht verschont.


Im Vorhof des Tempels ziehe ich dem Beispiel der Inder folgend meine Schuhe aus, Reihe mich in die Schlange ein, und trotte im Gänsemarsch in das Heiligtum hinein. Ich habe keine Ahnung, was nun passiert oder was die Sitte von mir erwartet, aber ich lasse es einfach mal auf mich zukommen.

Die Gläubigen mit Opfergaben werfen diese den mannshohen Götterstatuen von Vishnu, Shiva, Kali, Ganeesha, Krishna und anderen vor die Füße. Rupienmünzen werden ebenfalls akzeptiert, und da ich keine Opfergaben gekauft habe, entscheide ich mich für die Cash-Variante.

Die Menge trottet weiter und wir umkreisen den kompletten Schrein, während manche an jeder Wand und an jeder Ecke ein kurzes Gebet rezitieren und die weißen Fliesen dabei sanft berühren.

Mich zieht es in eine kleine Seitenkammer. Für 20 Rupien bekomme ich einen Schluck heiliges Wasser zu trinken, einen Segensspruch und eine Auffrischung meines Stirnmales.



Nach dieser Zeremonie ziehe ich meine Schuhe wieder an und setze mich in den angrenzenden Park. Hier spielend Kinder Cricket, klettern auf den Spielplatzgebäuden herum und lassen selbstgebastelte Drachen aus Zeitungspapier steigen.

Ich muss unwillkürlich an meine Zeit als Kindergärtner in Frankreich denken. Die Kulturen könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Kinder sind hier genauso wie überall auf der Welt – neugierig, frech, und voller freudiger Energie.

Der älteste Junge von vielleicht 12 Jahren bemerkt meine Kamera, spricht mich an, möchte ein Foto machen. Ich erkläre ihm den Auslöser und los geht’s. Bevor er abdrücken kann, habe ich schon den ersten Frechdachs neben mir. Keine zwei Sekunden später bin ich umringt von kleinen Köpfen und Händen, die alle einmal knipsen und die Fotos sehen wollen. Ich frage alle nach ihren Namen, lasse sie ihre Englischkenntnisse austesten und verteile schließlich meine restlichen Zuckerrohrwürfel, bevor ich wieder weiterziehe.



Den Sonnenuntergang am Churpatty Beach will ich auf keinen Fall verpassen, wandere die plamengesäumte Promenade entlang und genieße die Meeresluft.



Am Strand sind unzählige indische Familien und Päärchen unterwegs. Ich stelle mich für ein schmackhaftes Bhelpuri an, lege mich in den Sand und lasse mich wieder von den Eindrücken um mich herum begeistern.



Auf dem Rückweg erlerne ich das Busfahren neu. Zwar stehen an Bushaltestelle die Liniennummer auf Hindi und in arabischen Ziffern, jedoch gibt es nirgends einen Fahrplan. Also heißt es wieder durchfragen. Mein Bus kommt näher, wird langsamer... und fährt an mir vorbei.
Verdutzt schaue ich hinterher.
„Sir. That was your bus!“
Ich weiß, aber warum hat er nicht angehalten?
„Oh, bus not stop every time, Sir. You must run and jump!“
Achso.

Den nächsten Bus nehme ich dann tatsächlich rennend, die Türen sind sowieso immer geöffnet (so kann man auch viel besser raushängen, wenn drinnen viel los ist). Mit einem stuntverdächtigen Sprung befördere ich mich und meine Tasche also ins Innere, zahle lächerliche 7 Rs und – stehe im Stau. Einen so hoffnungslos zwischen Autos, Motorrädern und Passanten verkeilten Bus wie den unsrigen auf der nächsten Kreuzung habe ich noch nie erlebt.

Aber in Indien geht alles irgendwie dann doch wie es soll. Man muss nur Geduld haben…

3 Kommentare:

  1. Herrlich, mach bloß so weiter, es ist nicht nur erfrischend sondern auch unheimlich unterhaltsam Dir bei deiner Reise beiwohnen zu dürfen. Als Chirurg kenne ich zwar auch die Eindrücke und Bilder von "Kadavern", aber etwas eingeschränkt erscheint die Hygiene vor Ort zu sein. Da kann man zum hard-core-Vegetarier werden, oder? Ich hoffe , dass das besagte Wasser wirklich heilig war oder wirkt es nur bei Gläubigen dieser spirituellen Richtung? Da ich hätte ich wirklich "Manschetten"! Aber wenn Deine preußischen Gene halbwegs funktionieren, dürften selbige erst vor Escheria coli oder verdünnter Salzsäure kapitulieren. Hut ab! Schreib bitte weiter, wir gehören auf jeden Fall zu Deinen innigsten fans und freuen uns schon sehr auf eine Fortsetzung. GLG Die Baumbarts

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  2. Hallo Willy, wunderbar sich langsam in den indischen Alltag einzufinden, oder? Viel Spaß weiterhin beim Busse jagen!!! Viele Grüße Andi/ZF

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  3. Ich fühle mich während des Lesens, als wäre ich selber in Indien und würde die Geräusche hören, die Gerüche riechen und die Farben sehen :)
    Du schreibst einfach klasse, Willi!

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