In manchen Momenten
fühlt sich Indien immer noch sehr unreal an. Soviel habe ich im Vorfeld darüber
gelesen, so viele Dokumentationen gesehen, und plötzlich stehe ich mitten drin
– ein Gefühl als wäre man auf einen Schlag in einen Film teleportiert worden,
den man schon viel zu oft gesehen hat.
Und so ist mir
manchmal wirklich nur nach Zuschauen zumute. Ich lasse mich durch das
Straßenleben treiben, beobachte, probiere hier und dort, sitze, schreibe, nehme
die Stadt in mich auf. Es kommt vor, dass ich für Stunden kein anderes weißes
Gesicht zu sehen bekomme. Die Bombayer sind den Anblick aber anscheinend
gewöhnt. Ich werde in der Regel ganz nach Art der Großstadt ignoriert, und das
ist mir auch recht so.
Angesprochen werde ich
äußerst selten, meistens Straßenhändler, die Sonnenbrillen, T-Shirts oder
anderen Ramsch verkaufen wollen. Im Gegensatz zu manch anderen touristisch
geprägten Ländern reicht ein einziges „No!“, ein lächelndes Kopfschütteln oder
simples Ignorieren aber aus, um sie die Lust verlieren zu lassen.
Noch mehr überrascht
mich, wie wenig hier gebettelt wird. Ich hatte Horden mafiamäßig organisierter
Bettlerheere erwartet. Davon ist hier keine Spur. Im Gegenteil gilt die Regel:
Je ärmer die Gegend, desto unwahrscheinlicher wird gebettelt. Die wenigen
professionellen Bettler sind ausschließlich an lukrativen Stellen um den
Bahnhof, vorm Strand oder bei anderen Touristenmagneten anzutreffen.
Manchmal gebe ich
einen sehr kleinen Geldbetrag, manchmal teile ich Essen (z.B. Bananen oder mein
Bhel vom Straßenstand), und manchmal gebe ich auch einfach gar nichts. Kommt
ganz darauf an wie ich die allgemeine potenzielle Arbeitskraft des Bettelnden
einschätze.
Ein gesunder Mann kann
trotz größter Armut immer noch kleine Dienstleistungen anbieten (auf dem
Bürgersteig wird nämlich nicht nur geschlafen oder Ramsch verkauft, sondern
auch Bart und Haare gestutzt, Schuhe geputzt, ja manchmal sogar professionell
Ohren gereinigt) oder Tee feilzubieten, diesen ehrbaren Verdienst unterstütze
ich lieber mit etwas Geld.
Ansonsten kommen die
Leute selten auf einen zu. Manchmal möchten junge Männer mit mir ihr Englisch
trainieren und fragen, woher ich komme, erzählen von ihren Familien, von
Indien, oder versuchen mir freundlicherweise den Weg zu erklären, wenn ich mal
etwas orientierungslos dreinschaue.
Am „Gateway of India“,
das auch sehr viele indische Touristen aus dem ganzen Land anzieht, kommt es
dann doch soweit: Mehrere Familien wollen sich mit mir fotografieren lassen.
Ich dachte erst, ich sollte ein Foto von ihnen zusammen machen, aber
stattdessen wollen sie anscheinend lieber einen Weißen in ihre Erinnerungen an
den Mumbai–Ausflug verewigen.
Ich komme mit einem
Aussteiger aus Schweden ins Gespräch. Der etwa 50jährige Rucksacktourist hat
vor zwei Monaten seine Wohnung und seinen Job als Schulpsychologe gekündigt, um
nun seinen Traum von einer Weltreise zu verwirklichen und dahin zu gehen „where
my feet take me“. Zwei Stunden genießen wir plaudernd die Sonne, das Meer und
die Tanzaufführungen am Gateway, machen Fotos mit fröhlich lächelnden indischen
Familien, in denen meistens nur der älteste Sohn etwas Englisch spricht, und
gehen dann wieder unserer Wege. Solche Begegnungen hat man hier immer wieder,
plauscht locker mit Australiern, Amerikanern und Kanadiern, und tauscht
Erfahrungen und Empfehlungen aus.
Nach ausreichend
Erholung und Einbruch der Dunkelheit gegen 18:00 Uhr ziehe ich tiefer hinein
nach Colaba, dem Touristenviertel. Verglichen mit dem Rest der Stadt, ist es
hier fürchterlich: Die Klischee-Bilder des bettelnden Krüppels im Wägelchen,
vom vielleicht 10jährigen Mädchen mit Baby im Arm, und von hemmungslos
klagenden grauhaarigen Witwen auf der Straße sind hier alle vertreten.
Während man dann durch
die komplett kommerzialisierte Straße des Leopold’s Café (Shantaram-Leser
erinnern sich) streift, kann man vor lauter Ramschläden kaum auf dem
Bürgersteig treten. Zum ersten (und bisher letzten) mal sind die Leute wirklich
aufdringlich.
Nach einer kleinen
Verschnaufpause in einem allzu klimatisierten Nike-Shop, in den anscheinend nur
Weiße vom Wachpersonal eingelassen, dafür aber von allen fünf Verkäufern
persönlich mit Handschlag begrüßt werden, umfängt mich wieder die angenehm
warme Meeresbrise der Stadt, voller Duft nach frischer Zuckerrohrlimonade und
würzig-leichtem Sandelholz.
Ich merke zuerst gar
nicht, dass die leise raunende Stimme zu mir spricht, die ich plötzlich links
von mir orte. Ein schmaler Teenager-Junge, einen Kopf kleiner als ich, folgt
mir wie ein Schatten. Immer eng bei mir, genau mein Schritttempo einhaltend und
so unauffällig, dass er mir selbst nicht aufgefallen wäre, wenn er mir nicht
selbst ins Ohr flüstern würde.
„Do you want Marihuana, Hash? Good quality! Really good stuff! Look!”
Er deutet mit einer
Geste auf seine Hand, in der sich ein kleiner in Plastikfolie eingewickelter
brauner Klumpen befindet. Ich verzichte und gehe weiter, nach einigen Metern
verliert er das Interesse und bleibt hinter mir zurück. Das gleiche Spiel
passiert mir noch ein paar mal auf demselben Bürgersteig mit ähnlich jungen
Dealern. Der letzte erweitert sein Angebot nach meinem Desinteresse an Drogen
schließlich noch um Prostituierte, die er mit „cheap and sexy“ anpreist. Oh
Gott, wie ich touristische Orte hasse!
Apropos Gott: „There
is no Christmas without Jesus“ prangert es von der Leuchttafel der nahe
gelegenen Wesley-Kirche, dem groteskesten Ort für meinen ersten Tag in der
Stadt. Man stelle sich eine gotische Kirche vor, die in die billige
Weihnachtsdekoration eines großen Einkaufscenters gezwängt wurde. Die Palmen im
Vorhof sind über und über mit bunt blinkenden Girlanden umwickelt, genauso wie
die Jahrhunderte alten prächtigen Steinbauten nach unbestreitbar europäischem
Vorbild.
Das Kirchenschiff ist
mit einer Doppelreihe wild kreisender ventilatoren ausgestattet und neben dem
Altar steht ein Plastik-Weihnachtsbaum im selben
grün-blau-pink-gelb-rot-violetten Licht der wild blinkenden Girlanden. Dazu
steht die Tür zur Hauptstraße offen, sodass man vor lauter Gehupe (der stetige
Soundtrack der Stadt) seine eigenen Gebete nicht mehr hört.
Merry Christmas!
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