Dienstag, 27. Dezember 2011

25.12. – Zwischen Realität und Tourismus

In manchen Momenten fühlt sich Indien immer noch sehr unreal an. Soviel habe ich im Vorfeld darüber gelesen, so viele Dokumentationen gesehen, und plötzlich stehe ich mitten drin – ein Gefühl als wäre man auf einen Schlag in einen Film teleportiert worden, den man schon viel zu oft gesehen hat.

Und so ist mir manchmal wirklich nur nach Zuschauen zumute. Ich lasse mich durch das Straßenleben treiben, beobachte, probiere hier und dort, sitze, schreibe, nehme die Stadt in mich auf. Es kommt vor, dass ich für Stunden kein anderes weißes Gesicht zu sehen bekomme. Die Bombayer sind den Anblick aber anscheinend gewöhnt. Ich werde in der Regel ganz nach Art der Großstadt ignoriert, und das ist mir auch recht so.



Angesprochen werde ich äußerst selten, meistens Straßenhändler, die Sonnenbrillen, T-Shirts oder anderen Ramsch verkaufen wollen. Im Gegensatz zu manch anderen touristisch geprägten Ländern reicht ein einziges „No!“, ein lächelndes Kopfschütteln oder simples Ignorieren aber aus, um sie die Lust verlieren zu lassen.

Noch mehr überrascht mich, wie wenig hier gebettelt wird. Ich hatte Horden mafiamäßig organisierter Bettlerheere erwartet. Davon ist hier keine Spur. Im Gegenteil gilt die Regel: Je ärmer die Gegend, desto unwahrscheinlicher wird gebettelt. Die wenigen professionellen Bettler sind ausschließlich an lukrativen Stellen um den Bahnhof, vorm Strand oder bei anderen Touristenmagneten anzutreffen.



Manchmal gebe ich einen sehr kleinen Geldbetrag, manchmal teile ich Essen (z.B. Bananen oder mein Bhel vom Straßenstand), und manchmal gebe ich auch einfach gar nichts. Kommt ganz darauf an wie ich die allgemeine potenzielle Arbeitskraft des Bettelnden einschätze.

Ein gesunder Mann kann trotz größter Armut immer noch kleine Dienstleistungen anbieten (auf dem Bürgersteig wird nämlich nicht nur geschlafen oder Ramsch verkauft, sondern auch Bart und Haare gestutzt, Schuhe geputzt, ja manchmal sogar professionell Ohren gereinigt) oder Tee feilzubieten, diesen ehrbaren Verdienst unterstütze ich lieber mit etwas Geld.

Ansonsten kommen die Leute selten auf einen zu. Manchmal möchten junge Männer mit mir ihr Englisch trainieren und fragen, woher ich komme, erzählen von ihren Familien, von Indien, oder versuchen mir freundlicherweise den Weg zu erklären, wenn ich mal etwas orientierungslos dreinschaue.

Am „Gateway of India“, das auch sehr viele indische Touristen aus dem ganzen Land anzieht, kommt es dann doch soweit: Mehrere Familien wollen sich mit mir fotografieren lassen. Ich dachte erst, ich sollte ein Foto von ihnen zusammen machen, aber stattdessen wollen sie anscheinend lieber einen Weißen in ihre Erinnerungen an den Mumbai–Ausflug verewigen.

Ich komme mit einem Aussteiger aus Schweden ins Gespräch. Der etwa 50jährige Rucksacktourist hat vor zwei Monaten seine Wohnung und seinen Job als Schulpsychologe gekündigt, um nun seinen Traum von einer Weltreise zu verwirklichen und dahin zu gehen „where my feet take me“. Zwei Stunden genießen wir plaudernd die Sonne, das Meer und die Tanzaufführungen am Gateway, machen Fotos mit fröhlich lächelnden indischen Familien, in denen meistens nur der älteste Sohn etwas Englisch spricht, und gehen dann wieder unserer Wege. Solche Begegnungen hat man hier immer wieder, plauscht locker mit Australiern, Amerikanern und Kanadiern, und tauscht Erfahrungen und Empfehlungen aus.

Nach ausreichend Erholung und Einbruch der Dunkelheit gegen 18:00 Uhr ziehe ich tiefer hinein nach Colaba, dem Touristenviertel. Verglichen mit dem Rest der Stadt, ist es hier fürchterlich: Die Klischee-Bilder des bettelnden Krüppels im Wägelchen, vom vielleicht 10jährigen Mädchen mit Baby im Arm, und von hemmungslos klagenden grauhaarigen Witwen auf der Straße sind hier alle vertreten.

Während man dann durch die komplett kommerzialisierte Straße des Leopold’s Café (Shantaram-Leser erinnern sich) streift, kann man vor lauter Ramschläden kaum auf dem Bürgersteig treten. Zum ersten (und bisher letzten) mal sind die Leute wirklich aufdringlich.

Nach einer kleinen Verschnaufpause in einem allzu klimatisierten Nike-Shop, in den anscheinend nur Weiße vom Wachpersonal eingelassen, dafür aber von allen fünf Verkäufern persönlich mit Handschlag begrüßt werden, umfängt mich wieder die angenehm warme Meeresbrise der Stadt, voller Duft nach frischer Zuckerrohrlimonade und würzig-leichtem Sandelholz.

Ich merke zuerst gar nicht, dass die leise raunende Stimme zu mir spricht, die ich plötzlich links von mir orte. Ein schmaler Teenager-Junge, einen Kopf kleiner als ich, folgt mir wie ein Schatten. Immer eng bei mir, genau mein Schritttempo einhaltend und so unauffällig, dass er mir selbst nicht aufgefallen wäre, wenn er mir nicht selbst ins Ohr flüstern würde.

„Do you want Marihuana, Hash? Good quality! Really good stuff! Look!”

Er deutet mit einer Geste auf seine Hand, in der sich ein kleiner in Plastikfolie eingewickelter brauner Klumpen befindet. Ich verzichte und gehe weiter, nach einigen Metern verliert er das Interesse und bleibt hinter mir zurück. Das gleiche Spiel passiert mir noch ein paar mal auf demselben Bürgersteig mit ähnlich jungen Dealern. Der letzte erweitert sein Angebot nach meinem Desinteresse an Drogen schließlich noch um Prostituierte, die er mit „cheap and sexy“ anpreist. Oh Gott, wie ich touristische Orte hasse!

Apropos Gott: „There is no Christmas without Jesus“ prangert es von der Leuchttafel der nahe gelegenen Wesley-Kirche, dem groteskesten Ort für meinen ersten Tag in der Stadt. Man stelle sich eine gotische Kirche vor, die in die billige Weihnachtsdekoration eines großen Einkaufscenters gezwängt wurde. Die Palmen im Vorhof sind über und über mit bunt blinkenden Girlanden umwickelt, genauso wie die Jahrhunderte alten prächtigen Steinbauten nach unbestreitbar europäischem Vorbild.



Das Kirchenschiff ist mit einer Doppelreihe wild kreisender ventilatoren ausgestattet und neben dem Altar steht ein Plastik-Weihnachtsbaum im selben grün-blau-pink-gelb-rot-violetten Licht der wild blinkenden Girlanden. Dazu steht die Tür zur Hauptstraße offen, sodass man vor lauter Gehupe (der stetige Soundtrack der Stadt) seine eigenen Gebete nicht mehr hört.

Merry Christmas!

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