Dienstag, 27. Dezember 2011

25.12. Taxi Taxi

Erster Eindruck: Es ist warm. Nicht heiss, aber drückend warm. Mein Schweizer Winteroutfit wird drastisch reduziert. Nun ist es angenehm. Da sich Siddharth nicht in die endlose Warteschlange für Prepaid-Taxis (die sicherste Variante, überteuerte Fahrpreise zu vermeiden) einreihen will und ich seinem Hindi ausreichend vertraue, machen wir uns auf den Weg aus den geschützten Flughafen mauern. Sofort strömen Taxifahrer von allen Seiten auf uns zu und reden auf uns ein. Ich halte mich strikt hinter Siddharth, der auf die abgehende Strasse zusteuert. Entschuldigung, ich meine natürlich Autobahn. Mit Rollkoffer und Umhängetasche geht es nun gefühlte 10 Minuten über den Asphalt, immer auf der schmalen unsichtbaren Geraden hinter Siddharth, der ein Gespür dafür zu haben scheint, wie man zwischen den rasant an uns vorbeirauschenden Taxis auf der einen Seite und den parkenden Autos und den wartenden Bettlern (manche davon sicherlich noch vor ihrem 6. Geburtstag) auf der anderen Seite gefahrlos einhergehen kann.
Schließlich spricht er einen Rikscha-Fahrer an. Kaum wurden zwei Sätze gewechselt, stehen plötzlich an die 10 Männer um uns herum und beginnen wild gestikulierend aufeinander einzureden. Ich verstehe kein Wort. Und so langsam frage ich mich, ob ich nicht doch lieber auf die Prepaid-Taxen hätte warten sollen. Es ist dunkel und um uns herum sind außer einer großen Autobahnbrücke und einigen Wellblechhütten nur noch auf dem Boden schlafende Menschen und streunende Hunde zu sehen.

„It’s OK! I made a deal with the Rikshaw driver. Get in!”

Allein mein Reisekoffer füllt die gesamte einzige Sitzreihe hinter dem Fahrer. Mit den Rollen im Rücken und den Händen ans Dach geklammert fühle ich wie der Fahrer beschleunigt.

Oh Gott, auch noch Linksverkehr. Aber die Fahrt macht auf seltsame Art und Weise Spaß. Erinnert mich irgendwie an die Kirmesattraktionen von früher. Wilde Maus im ungesicherten Waggon.

Wo wir auch hinfahren, es bleibt heruntergekommen und schmuddelig. Mehr Hunde, mehr Hütten, mehr schlafende Menschen auf dem Bürgersteig. Und gleichzeitig bin ich nicht geschockt, nicht angewidert oder frustriert. Ich bin glücklich. Endlich Indien, endlich da!

Und was verglichen mit Europa ärmlich aussieht, ist verglichen mit Europa unendlich faszinierender. Nach 48 Stunden mit weniger als 6 Stunden Schlaf ist von Müdigkeit keine Spur. Aufregend ist diese fremde Welt, ich weiß zeitweise gar nicht, wohin ich als erstes hinschauen soll.

Wir halten an der Auffahrt zur echten Autobahn. Umsteigen ins Taxi, gehört alles zum Deal. Der Rikscha-Fahrer muss unsere Weiterfahrt aushandeln, davon hängt sein Anteil an den anfänglich vereinbarten 400 Rupien [Rs] ab. Eine clevere Idee von Siddharth, fällt mir auf – so bleibt uns selbst das erneute Feilschen erspart. Der Taxifahrer bleibt hart, es werden Flüche und Verwünschungen ausgetauscht, die ich (vermutlich glücklicherweise) nicht verstehe, dann geht es weiter.

Da sich in dem kleinen kastenförmigen Ambassador auch kein Platz für meine Tasche und das übrige Gepäck findet, wird diese einfach auf das Dachgitter geworfen. Eine Entscheidung, die mir noch Nerven kosten wird.

Dann nehmen wir auf den pinken-schwarzen Sitzen mit Tigermuster Platz, nicken kurz der roten elefantenköpfigen Ganeesh-Statue über der Mittelkonsole zu, und düsen los. Die Stadt lässt zum ersten mal ihren Kontrastreichtum durchblicken: Zwischen Kloaken und Slums ragen moderne Wolkenkratzer hervor wie Tempelsäulen.

Der Fahrer beschleunigt, obwohl direkt vor uns ein man auf die Strasse tritt, um die achtspurige Autobahn zu Fuß zu überqueren. Haarscharf kommen wir an dem Mann vorbei, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit gemächlich geradeaus läuft. Zu allem Überfluss putzt er sich dabei auch noch die Zähne.

Tschak! Das erste Schlagloch. Mit Sorge gleiten meine Augen nach oben. Hoffentlich passiert meiner Tasche nichts. Der Fahrer muss sie vergessen haben, sonst würde er nicht so schnell fahren, schließlich ist sie nicht festgemacht. Tschak! Das zweite Schlagloch.

Gerade als ich den Fahrer bitten möchte, etwas vorsichtiger zu fahren, setzt dieser zum Überholmanöver an. Er beschleunigt auf 100 km/h und schert aus… in die Gegenfahrbahn! Auf der Autobahn! Ich sage nichts in diesem Moment – ich kann gar nichts sagen. Ich bin erst überrascht, dann froh noch zu leben, und letztlich amüsiert über mich selbst.

Tschak! Das dritte Schlagloch, vom Dach ist ein Rumpeln zu hören. Blitzschnell drehe ich mich um. Ist da im Dunkeln gerade etwas heruntergefallen? Länger schweigen geht nicht. Ich rede zuerst auf den Taxifahrer, dann auf Siddharth ein. Mein sorgenvoller Protest wird lachend übergangen: „First time India, eh?! No worries. I can see your bag in the mirror.“

OK, dann lasse ich mich eben darauf ein. Trotzdem frage ich alle zwei Minuten nach, ob meine Tasche noch sichtbar ist – nur so zur Sicherheit. Dazwischen erklärt mir Siddharth die Stadt, zeigt auf vorbeiziehende Slums, Parks und Hochhäuser, auf die Orte, an denen er gewohnt, gefeiert und gelacht hat. Und manchmal ist sogar er erstaunt über die Veränderungen. Vor allem die Umweltverschmutzung sei viel schlimmer geworden in den zwei Jahren, die er nicht hier war.

„You‘ve been too long in Switzerland, eh?!“, gebe ich grinsend zurück. „Yeah, maybe…“

Wir tauschen Nummern und Emailadressen aus, und ich wünsche ihm eine schöne Urlaubswoche mit seiner Familie und seinen Freunden. Geld von mir für die Taxifahrt Hilfe lehnt er strikt ab.
„You can offer me a beer in Fribourg when you’re back.” Deal.

2 Kommentare:

  1. Wir haben herzlich gelacht über Deine ersten Erlebnisse als "Weißbrot" und konnten Deine Mischung aus Bedenken/Angst/höflicher Zurückhaltung gut nachempfinden. Die Baumbarts.

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  2. Super fesselnd geschrieben - ich würde gerne mehr lesen, aber jetzt bin ich müde und gehe schlafen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag :)

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