Erster Eindruck: Es
ist warm. Nicht heiss, aber drückend warm. Mein Schweizer Winteroutfit wird
drastisch reduziert. Nun ist es angenehm. Da sich Siddharth nicht in die
endlose Warteschlange für Prepaid-Taxis (die sicherste Variante, überteuerte
Fahrpreise zu vermeiden) einreihen will und ich seinem Hindi ausreichend
vertraue, machen wir uns auf den Weg aus den geschützten Flughafen mauern.
Sofort strömen Taxifahrer von allen Seiten auf uns zu und reden auf uns ein.
Ich halte mich strikt hinter Siddharth, der auf die abgehende Strasse
zusteuert. Entschuldigung, ich meine natürlich Autobahn. Mit Rollkoffer und
Umhängetasche geht es nun gefühlte 10 Minuten über den Asphalt, immer auf der
schmalen unsichtbaren Geraden hinter Siddharth, der ein Gespür dafür zu haben
scheint, wie man zwischen den rasant an uns vorbeirauschenden Taxis auf der
einen Seite und den parkenden Autos und den wartenden Bettlern (manche davon
sicherlich noch vor ihrem 6. Geburtstag) auf der anderen Seite gefahrlos
einhergehen kann.
Schließlich spricht er
einen Rikscha-Fahrer an. Kaum wurden zwei Sätze gewechselt, stehen plötzlich an
die 10 Männer um uns herum und beginnen wild gestikulierend aufeinander
einzureden. Ich verstehe kein Wort. Und so langsam frage ich mich, ob ich nicht
doch lieber auf die Prepaid-Taxen hätte warten sollen. Es ist dunkel und um uns
herum sind außer einer großen Autobahnbrücke und einigen Wellblechhütten nur
noch auf dem Boden schlafende Menschen und streunende Hunde zu sehen.
„It’s OK! I made a deal with the Rikshaw driver. Get in!”
Allein mein
Reisekoffer füllt die gesamte einzige Sitzreihe hinter dem Fahrer. Mit den
Rollen im Rücken und den Händen ans Dach geklammert fühle ich wie der Fahrer
beschleunigt.
Oh Gott, auch noch
Linksverkehr. Aber die Fahrt macht auf seltsame Art und Weise Spaß. Erinnert
mich irgendwie an die Kirmesattraktionen von früher. Wilde Maus im
ungesicherten Waggon.
Wo wir auch hinfahren,
es bleibt heruntergekommen und schmuddelig. Mehr Hunde, mehr Hütten, mehr
schlafende Menschen auf dem Bürgersteig. Und gleichzeitig bin ich nicht
geschockt, nicht angewidert oder frustriert. Ich bin glücklich. Endlich Indien,
endlich da!
Und was verglichen mit
Europa ärmlich aussieht, ist verglichen mit Europa unendlich faszinierender.
Nach 48 Stunden mit weniger als 6 Stunden Schlaf ist von Müdigkeit keine Spur.
Aufregend ist diese fremde Welt, ich weiß zeitweise gar nicht, wohin ich als
erstes hinschauen soll.
Wir halten an der
Auffahrt zur echten Autobahn. Umsteigen ins Taxi, gehört alles zum Deal. Der
Rikscha-Fahrer muss unsere Weiterfahrt aushandeln, davon hängt sein Anteil an
den anfänglich vereinbarten 400 Rupien [Rs] ab. Eine clevere Idee von
Siddharth, fällt mir auf – so bleibt uns selbst das erneute Feilschen erspart.
Der Taxifahrer bleibt hart, es werden Flüche und Verwünschungen ausgetauscht,
die ich (vermutlich glücklicherweise) nicht verstehe, dann geht es weiter.
Da sich in dem kleinen
kastenförmigen Ambassador auch kein Platz für meine Tasche und das übrige
Gepäck findet, wird diese einfach auf das Dachgitter geworfen. Eine
Entscheidung, die mir noch Nerven kosten wird.
Dann nehmen wir auf
den pinken-schwarzen Sitzen mit Tigermuster Platz, nicken kurz der roten
elefantenköpfigen Ganeesh-Statue über der Mittelkonsole zu, und düsen los. Die
Stadt lässt zum ersten mal ihren Kontrastreichtum durchblicken: Zwischen
Kloaken und Slums ragen moderne Wolkenkratzer hervor wie Tempelsäulen.
Der Fahrer
beschleunigt, obwohl direkt vor uns ein man auf die Strasse tritt, um die
achtspurige Autobahn zu Fuß zu überqueren. Haarscharf kommen wir an dem Mann
vorbei, der mit einer schlafwandlerischen Sicherheit gemächlich geradeaus
läuft. Zu allem Überfluss putzt er sich dabei auch noch die Zähne.
Tschak! Das erste
Schlagloch. Mit Sorge gleiten meine Augen nach oben. Hoffentlich passiert meiner
Tasche nichts. Der Fahrer muss sie vergessen haben, sonst würde er nicht so
schnell fahren, schließlich ist sie nicht festgemacht. Tschak! Das zweite
Schlagloch.
Gerade als ich den
Fahrer bitten möchte, etwas vorsichtiger zu fahren, setzt dieser zum
Überholmanöver an. Er beschleunigt auf 100 km/h und schert aus… in die
Gegenfahrbahn! Auf der Autobahn! Ich sage nichts in diesem Moment – ich kann
gar nichts sagen. Ich bin erst überrascht, dann froh noch zu leben, und
letztlich amüsiert über mich selbst.
Tschak! Das dritte
Schlagloch, vom Dach ist ein Rumpeln zu hören. Blitzschnell drehe ich mich um.
Ist da im Dunkeln gerade etwas heruntergefallen? Länger schweigen geht nicht.
Ich rede zuerst auf den Taxifahrer, dann auf Siddharth ein. Mein sorgenvoller Protest
wird lachend übergangen: „First time India, eh?! No worries. I
can see your bag in the mirror.“
OK, dann lasse ich
mich eben darauf ein. Trotzdem frage ich alle zwei Minuten nach, ob meine
Tasche noch sichtbar ist – nur so zur Sicherheit. Dazwischen erklärt mir
Siddharth die Stadt, zeigt auf vorbeiziehende Slums, Parks und Hochhäuser, auf
die Orte, an denen er gewohnt, gefeiert und gelacht hat. Und manchmal ist sogar
er erstaunt über die Veränderungen. Vor allem die Umweltverschmutzung sei viel
schlimmer geworden in den zwei Jahren, die er nicht hier war.
„You‘ve been too long
in Switzerland, eh?!“, gebe ich grinsend zurück. „Yeah, maybe…“
Wir tauschen Nummern
und Emailadressen aus, und ich wünsche ihm eine schöne Urlaubswoche mit seiner
Familie und seinen Freunden. Geld von mir für die Taxifahrt Hilfe lehnt er
strikt ab.
„You can offer me a beer in
Fribourg when you’re back.” Deal.
Wir haben herzlich gelacht über Deine ersten Erlebnisse als "Weißbrot" und konnten Deine Mischung aus Bedenken/Angst/höflicher Zurückhaltung gut nachempfinden. Die Baumbarts.
AntwortenLöschenSuper fesselnd geschrieben - ich würde gerne mehr lesen, aber jetzt bin ich müde und gehe schlafen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag :)
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